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Leseprobe - 14/11/06

Suketu Mehta: Bombay Maximum City

Suketu Mehta

Bombay Maximum City
Suhrkamp 2006

Terroristen, Polizisten, Freudenmädchen - der in Kalkutta geborene Autor Suketu Mehta, der in Bombay aufwuchs, die Stadt aber mit 14 Jahren verließ, kommt nach vielen Jahren mit seiner Familie in die Megacity zurück - mit dem Ziel, eine Antwort auf die Frage zu finden, ob es eine Heimkehr für ihn gibt. Wie ein Fremder entdeckt Mehta eine Stadt, die nicht mehr seine ist und der er doch ganz langsam wieder näher kommt. Mit dem distanzierten Blick des Besuchers, der weiß, dass er wieder gehen wird, legt Mehta die Machtstrukturen einer Stadt zwischen Rattenkot und Champagner offen - einer Stadt, deren Unterwelt gleichzeitig die Überwelt ist und deren Ordnungshüter nicht weniger gewissenlos und brutal vorgehen als die Hindu- oder Moslemextremisten. Mehtas mitreißende Mischung aus Reportage und Erinnerungsbericht bezeichnete der gebürtige Bombayer Salman Rushdie als "das mit Abstand beste Buch, das bisher über diese kaputte Metropole geschrieben wurde".

Leseprobe (Seite 34/35):

Das Land des Neins
 
»Kann ich einen Gasanschluß kriegen?«
»Nein.«
»Kann ich ein Telefon bekommen?«
»Nein.«
»Kann ich mein Kind zur Schule schicken?«
»Ich fürchte, das ist nicht möglich.«
»Sind meine Pakete aus Amerika angekommen?«
»Das weiß ich nicht.«
»Können Sie es herausfinden?«
»Nein.«
»Kann ich einen Platz in der Bahn reservieren?«
»Nein.«
Indien ist das Land des Neins. Dieses »Nein« ist die Prüfung, der man unterzogen wird. Sie muß man bestehen. Das »Nein« ist die Chinesische Mauer Indiens; es soll Invasoren aufhalten. Energisch dagegen anzugehen und es zu bezwingen, das ist die Herausforderung. In der Guru-Shishya-Tradition wird der Novize mehrmals zurückgewiesen, wenn er sich erstmals dem Guru zu nähern versucht. Dann sagt der Meister zwar nicht mehr nein, aber auch nicht ja; er duldet die Anwesenheit des Schülers. Wenn er ihn zu akzeptieren beginnt, überträgt er ihm eine Reihe von niederen Aufgaben, die ihn vertreiben sollen. Nur wenn der Schüler all diese Phasen der Zurückweisung und der schlechten Behandlung erträgt, wird er des höheren Wissens für würdig erachtet. Indien ist kein touristenfreundliches Land. Es erschließt sich dem Reisenden nur, wenn er beharrlich sein Ziel verfolgt. Aus dem »Nein« wird niemals ein »Ja« werden. Aber der Reisende wird aufhören, Fragen zu stellen.
»Kann ich eine Wohnung zu einem erschwinglichen Preis mieten?«
»Nein.«

Photo der Grafik. Copyright: AKSHAR, Guy Helminger

Erstellt: 14-11-06
Letzte Änderung: 14-11-06