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22/11/06

Sutherlandia

Am Rande vieler Straßen, die durch die und Wüsten des südlichen Afrikas führen, wächst eine unscheinbare Pflanze: Die Sutherlandia. Sie könnte vielleicht eines der kostengünstigsten Mittel zur Behandlung von AIDS werden.

SutherlandiaAIDS ist nach wie vor auf dem Vormarsch, weltweit gibt es zur Zeit fast 40 Millionen Infizierte – ein Großteil davon in Asien und Afrika. Das größte Problem: In den Entwicklungsländern ist kein Geld für die Therapie da, nur einer von 14 Betroffenen wird überhaupt mit Medikamenten behandelt. Da greift man natürlich nach jedem Strohhalm, zum Beispiel zu Sutherlandia Frutescens – einer Pflanze, die in Afrika wie Unkraut am Wegesrand wächst.

Sutherlandia Frutescens, auf deutsch Ballonerbse genannt, ist ein immergrüner Halbstrauch aus der Familie der Hülsenfrüchtler (zur gleichen Familie gehören auch die Erdnuss oder die Sojabohne) mit silbrig grünen Fiederblättern, zahlreichen roten Blütenbüscheln und später blasenartigen Samenständen. Sutherlandia ist eine Pionier-Pflanze; d.h. sie kann extreme Bedingungen ertragen und wächst als erste Art an Stellen, wo noch keine andere Pflanzen gedeihen können. Dringen andere Pflanzen in diese Gebiete vor, verschwindet Sutherlandia.

Die Einheimischen nutzen Sutherlandia schon seit Jahrhunderten als vielfältig einsetzbares Heilmittel. Die Pflanze wird von traditionellen Heilern zur Stärkung des körpereigenen Abwehrsystems bei den verschiedensten Krankheiten eingesetzt. So nennt das Volk der Sotho die Pflanze "Lerumo-lamadi" - "Speer des Blutes", weil Sutherlandia das Blut reinigen und so den Körper kräftigen soll. Cancer-Bush (auf deutsch: Krebsbusch) ist ein anderer Name, unter dem die Pflanze in Südafrika bekannt ist.

Nigel GerickeNigel Gericke, Biologe: "Wir behaupten nicht, Sutherlandia könne AIDS heilen. Es gibt derzeit kein Heilmittel für AIDS, weder auf natürlicher noch auf wissenschaftlicher Basis. Sutherlandia spielt aber eine wichtige Rolle bei der ländlichen Bevölkerung, die keinen Zugang zu modernen Medikamenten hat."

Seit fünf Jahren behandelt der südafrikanische Biologe Nigel Gericke mit einigen Helfern rund 700 Patienten mit Sutherlandia-Tabletten – und das nach seiner Aussage mit enormem Erfolg. Die Betroffenen sollen an Gewicht zugelegt haben und wieder in der Lage sein, ein relativ normales, aktives Leben zu führen. Nigel Gericke betont allerdings, dass Sutherlandia auf keinen Fall ein Heilmittel gegen AIDS oder Krebs ist, sondern nur die damit einhergehenden Begleiterscheinungen wie Gewichtsverlust und Antriebslosigkeit lindern kann. Alle diese Behandlungen sind nicht nach wissenschaftlich auswertbaren Kriterien dokumentiert worden und können deshalb nicht als nachprüfbarer Beleg für die Wirksamkeit der Pflanze angesehen werden. Nigel Gericke hat inzwischen ein eigenes kleines Pharmaunternehmen gegründet und baut Sutherlandia auf Feldern selbst an. Ein Team von Wissenschaftlern um den Biologen hat mittlerweile die Inhaltsstoffe der Pflanze zum Teil analysiert und will eine ganze Reihe von antiviral wirkenden Substanzen darin entdeckt haben: zum Beispiel die Substanz L-Canavanine, die gegen Grippe- und andere Viren wirkt, oder den Wirkstoff Pinitol, der auch eine antidiabetische Wirkung hat.

Die derzeitigen Herstellung der Tabletten ist extrem einfach: Der robuste Halbbusch wird einfach komplett kleingehäckselt und zu Tabletten gepresst. Ein Verfahren, dass natürlich in keiner Weise westlichen Standards entspricht. Aufgrund der simplen Verarbeitung ist Sutherlandia extrem billig. Für umgerechnet rund 2 Euro kann man einen Patienten einen ganzen Monat lang versorgen. Aufwand und Kosten der Produktion sind also sehr überschaubar, die Gewinnspanne nicht sehr groß. Nigel Gericke und seine Mitarbeiter sehen darin den Grund, warum die unscheinbare Pflanze bei der internationalen Pharmaindustrie bisher auf kein Interesse gestoßen ist. Auch die südafrikanische Regierung scheint derzeit wenig Interesse an der systematischen Erforschung von Sutherlandia zu zeigen. Bislang gibt es nur eine überprüfbare Studie dazu: ein dreimonatiger Tierversuch, in dem belegt wurde, dass die Pflanze zumindest über diesen Zeitraum nicht giftig zu sein scheint. Ursprünglich hatte das südafrikanische "Medical Research Council", die offiziell zuständige Prüfstelle der Regierung, eine erste Studie mit Menschen im Februar 2002 starten wollen, doch dieses Studie wurde nie durchgeführt. Die offizielle Begründung: mangelnde Geldmittel.

Für HIV-Infizierte in Europa ist Sutherlandia derzeit keine Alternative. Die Wirksamkeit ist nicht überprüfbar, die angebotenen Produkte im Internet sind ebenfalls nicht auf ihre Inhaltsstoffe überprüfbar – also Finger weg! Warum aber nicht ernsthaft an dieser Pflanze geforscht wird, die für afrikanische AIDS-Patienten zumindest eine finanzierbare Alternative zu "gar keiner Therapie" oder zu "dubiosen Heilmitteln am Straßenrand" ist, konnte uns auf Nachfragen weder die Südafrikanische Regierung noch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eindeutig beantworten.


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HIPPOKRATES - Gesundheitsmagazin
Dienstag, 28. November 2006 um 14.00 Uhr
Wiederholung vom 30.November 2004
Redaktion: Heidemarie Petters
Koproduktion ZDF-ARTE G.E.I.E.

Erstellt: 29-11-04
Letzte Änderung: 22-11-06