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Im Gespräch mit Catherine Horel - 18/04/07

Tabus der ungarischen Geschichte

Heutzutage gibt es keine Tabuthemen mehr in der ungarischen Geschichte. Dieser Auffassung ist zumindest Catherine Horel. Anders sah das noch in den letzten dreißig Jahren aus. Die französische Historikerin zeigt zentrale Tabus der jüngsten Vergangenheit auf: Die Ursachen dafür sind ebenso unterschiedlich wie die Umstände, unter denen das Schweigen über diese Themen gebrochen wurde

Catherine HorelTabus in Ungarn:

Das Schicksal der Juden während des Zweiten Weltkrieges

Ein Tabu ist die Geschichte der ungarischen Juden, die am Ende des Zweiten Weltkrieges mit Unterstützung der ungarischen Bevölkerung und Miliz massenweise deportiert wurden.
In den ersten zwei Jahren nach Kriegsende stellten Historiker und Intellektuelle in Artikeln und Büchern die Frage nach der Kollaboration und der Mitschuld der Ungarn an der Deportation der Juden.
Diese Diskussion fand jedoch keinen Widerhall in der Bevölkerung, die unter der äußerst schwierigen Wirtschaftslage und der Besatzung durch die Rote Armee zu leiden hatte. Der tägliche Überlebenskampf beschäftigte die Ungarn damals mehr als das Schicksal der Juden. Darüber hinaus waren diese beiden Jahre nur ein kurzes demokratisches Zwischenspiel, und mit der freien Meinungsäußerung war es bald wieder zu Ende.
Bereits 1947 unterwarf das kommunistische Regime das Thema „Juden“ der Zensur, denn die Ideale der Gleichheit und nationalen Einheit durften nicht durch religiöse Unterschiede beeinträchtigt werden. Die tragende Rolle, die die Juden seit dem 19. Jahrhundert in der ungarischen Geschichte gespielt hatten, wurde totgeschwiegen. Außerdem wurde den Nationalsozialisten die Alleinschuld zugewiesen und die Verantwortung der Ungarn geleugnet: Die kommunistische Geschichtsschreibung verfuhr einseitig und wies dem ungarischen Volk eine reine Opferrolle zu.

Doch das Tabu entstand nicht nur durch die Zensur der Machthaber, sondern ungewöhnlicherweise auch durch ein selbst auferlegtes Schweigen der jüdischen Familien.
Regimetreue kommunistische Juden erzählten aus ideologischen Gründen ihren Kindern nichts von der Deportation, andere schwiegen aus Angst oder aus dem Bedürfnis nach Integration. Erst als in den 1980-er Jahren das kommunistische Regime in Ungarn gelockert wurde, stellten die nachgeborenen Generationen ebenso wie manche Historiker die Frage nach ihren Vorfahren.
1989 führte der Umsturz zur völligen Aufhebung des Tabus um das Schicksal der Juden. Dies löste in der jüdischen Bevölkerung Kontroversen aus, denn einige jüngere Juden bezichtigten die Angehörigen der älteren Generation der „Kollaboration“ mit dem Regime.
Die Arbeit der Historiker stützt sich auf die ungarischen Archive, die damals geöffnet wurden, sowie auf Neuausgaben von Arbeiten, die bereits 1945-1947 erschienen waren (z.B. von István Bibó).

Der ungarische Volksaufstand im Oktober 1956

Selbstverständlich wurde 1989 auch das Schweigen über den Volksaufstand im Oktober 1956 gebrochen. In diesem Fall entsprach die Beseitigung des Tabus einem massiven Wunsch in der ungarischen Bevölkerung, die „historische Wahrheit“ ans Licht zu bringen.
Die ungarischen Historiker wurden in ihrer Arbeit von der neuen Regierung unterstützt, die ihnen alle Archive öffnete. Es wurde sogar ein eigenes Institut zur Erforschung des Aufstandes gegründet. Die schnelle Aufklärungsarbeit der Historiker wurde nicht zuletzt durch Dokumente aus sowjetischen Archiven ermöglicht: dank dem so genannten „Jelzin-Dossier“ konnte endlich die wahre Chronologie der Ereignisse nachvollzogen und nachgewiesen werden, dass die Sowjetunion bereits am 30. Oktober die Entsendung von Truppen nach Ungarn beschlossen hatte.

Carole TréborAnders als beim Thema der Juden entsprach das Schweigen über die Geschehnisse im Oktober 1956 allein dem politischen Willen des Regimes. Die politischen Führer, die die Revolte niedergeschlagen hatten (z. B. János Kádár der, wie Catherine Horel erinnert, ursprünglich dem Lager der Rebellen angehörte), drohten mit der Bestrafung derer, die über den Aufstand sprachen. Jahrzehntelang schwiegen die Ungarn daher aus Angst vor Repressalien.
Hinzu kam, dass ca. 200.000 am Aufstand beteiligte Personen ins Ausland emigrierten. Das Schweigen über Oktober 1956 war total. Auch diejenigen, die teils unter Zwang, teils freiwillig an der Niederschlagung der Revolte beteiligt waren, sprachen oft nicht über ihre Rolle: Als Catherine Horel im Budapester „Terrorhaus“ den Film über den Prozess gegen die Aufstandsführer sah, stellte sie zu ihrer großen Überraschung fest, dass einer ihrer Cousins unter den Richtern war, was bisher niemand in der Familie gewusst hatte. Und es ist leicht vorstellbar, dass auch in zahlreichen anderen Familien das Tabu bis in die Familiengeschichte hineinwirkte. .
In den Jahren des Schweigens war natürlich auch in den Schulbüchern nicht die Rede vom Volksaufstand 1956, den die Historiker als „faschistische Konterrevolution“ bezeichneten. Nach der Amnestie von 1964 wurden die Ereignisse zwar erwähnt, aber nicht analysiert.

Dennoch – so Catherine Horel – gerieten die Geschehnisse nicht in Vergessenheit, und in den Familien wurde getuschelt. Die Familien der Opfer versuchten, die Wahrheit ans Licht zu bringen. In Budapest wusste jeder, wo die Leichen der 300 hingerichteten Personen begraben waren. Bereits Ende der 1980-er Jahre, also noch vor dem Fall des Kommunismus, versammelten sich Angehörige von Opfern an diesem Ort und gründeten das „Komitee für Historische Gerechtigkeit“. Sie forderten die Anerkennung und würdige Beisetzung der Opfer. Bis zum Zusammenbruch des kommunistischen Systems 1989 wurden die Versammlungen des Komitees stets von der Polizei auseinander getrieben. Doch bereits im Januar 1989 wurde das Massengrab der 300 hingerichteten Aufständischen im Fernsehen gezeigt. Diese Bilder wirkten sehr stark auf die ungarische Bevölkerung und verstärkten noch den Wunsch nach Aufdeckung der „historischen Wahrheit“.

Die Rolle der Medien
Seit 1989 spielen die ungarischen Medien eine wichtige Rolle bei der geschichtlichen Aufklärung der Öffentlichkeit. Ihr Einfluss ist umso stärker, als die Aufhebung der Tabus oft geradezu die Form von „Staatsakten“ annimmt. An dieser Ritualisierung zeigt sich einerseits der Wille der Regierung, die Aufdeckung der „historischen Wahrheit“ zu fördern, und andererseits das ausgeprägte Geschichtsbewusstsein der Ungarn. Hunderttausende nehmen an großen Zeremonien mit Symbolcharakter wie feierlichen Neubestattungen, offiziellen Begräbnissen und Denkmalsenthüllungen teil. Im Juni 1989 organisierte die Regierung die offizielle Beisetzung des 1957 hingerichteten Anführers des Aufstands von 1956, Imre Nagy. Die aufwändig in Szene gesetzte Zeremonie wurde im Fernsehen übertragen. Catherine Horel hebt gern die – von ihr positiv bewertete - „patriotische“ Bedeutung des ungarischen Staatsfernsehens hervor.

Catherine HorelUngarn und die Habsburger

Während der kommunistischen Herrschaft konnten die Historiker zwar Themen wie den Aufstand von 1956 nicht analysieren – es gelang ihnen aber dennoch, der ungarischen Geschichtsschreibung eine Richtung zu geben, die nicht unbedingt der offiziellen Parteiideologie entsprach. So konnten gewisse, durchaus anerkannte Historiker durch intelligentes Vorgehen das Schweigen über bestimmte Fragen brechen, wie z.B. die Beziehungen zwischen den Habsburgern und Ungarn zur Zeit des Kaiserreichs Österreich-Ungarn.

Sie überwanden das einseitige marxistische Geschichtsbild und entwickelten neue Sichtweisen dieser Periode und der Stellung Ungarns im Kaiserreich. Ungarn habe beispielsweise wirtschaftlich von der Monarchie profitiert.

Es ist sehr interessant, dass diese Historiker einen autonomen Ansatz entwickeln konnten, ohne als Dissidenten zu gelten. Sie befreiten ihre Arbeit von den herrschenden ideologischen Dogmen (selbst wenn diese weiterhin in den Einleitungen und Schlussworten ihrer Publikationen auftauchten). So konnten bereits in den 1970-er Jahren Ansichten über die Stellung Ungarns im Österreich-ungarischen Kaiserreich geäußert werden, die der offiziellen Auffassung widersprachen.

Abschließend sollte darauf hingewiesen werden, dass die ungarische Geschichte im Wesentlichen von ungarischen Historikern und ohne westlichen Einfluss geschrieben wurde. Auch einige ungarische Emigranten leisteten einen Beitrag zur Geschichtsschreibung, insbesondere über das 19. Jahrhundert, dessen Erforschung durch freien Archivzugang möglich war.
Das Gespräch führte Carole Trébor, Historikerin und Journalistin, freie Mitarbeiterin von ARTE France.
Oktober 2006

Website von Mme Catherine Horel beim CNRS (frz.)

Erstellt: 12-10-06
Letzte Änderung: 18-04-07