Spätestens auf Seite 121, als Detective Rob Ryan erzählt, dass ihn „wie aus dem Nichts“ eine Welle der Freude durchfährt, spätestens in diesem Augenblick wird man selbst von einer kleinen Freuden-Welle ergriffen: Weil dieser Kriminalroman so viel Platz findet für das normale Leben seiner Protagonisten (und damit eigentlich: für unser Leben). Weil er einen langen ruhigen Atem hat und trotzdem spannend ist. Weil er auf kein Schema F baut und auch nicht so tut, als gebe es immer einen schlauen, intuitiven Kopf, der weiß, wie man den Deckel wieder drauf macht auf das Böse – und es auf den letzten Seiten auch verlässlich tut. Das Leben ist komplex im ersten Roman der Irin Tana French, und manchmal ist es furchtbar. Aber es hat eben auch diese „wie aus dem Nichts“ kommenden Momente der Erkenntnis und der Freude; letzteren begründet Frenchs Ich-Erzähler Rob Ryan (auf Seite 121) so: „Da war meine Partnerin, die sich auf den Händen abstützte, während sie geschmeidig vom Tisch glitt, da war die flotte, einstudierte Bewegung, mit der ich meinen Notizblock einhändig zuklappte, da war mein Superintendent, der sein Jackett überstreifte und unauffällig nach Schuppen absuchte, da war das grell beleuchtete Büro mit einem schiefen Aktenstapel in der Ecke“. Das Vertraute kann ja ein verdammtes Glück sein.
Tana French „wuchs in Irland, Italien und Malawi auf“, so der Klappentext, ist gelernte Schauspielerin und lebt in Dublin. Auch ihre Hompage verrät ihr Alter nicht (sie sieht wirklich jung aus), beinhaltet aber bereits eine lange Liste von Nominierungen für Krimi- und Erstlingsromanpreise sowie Länder, in die die Rechte verkauft wurden. „Into the Woods“ (dt. „Grabesgrün“) erschien im vergangenen Jahr im Original, zügig flutschte er auf die Bestseller-Listen, und im Leserforum der Times diskutierten Enthusiasmierte und am Ende ein wenig Enttäuschte (weil halt nicht alles aufgelöst wird), ob ein wichtiger Hinweis übersehen wurde und sie das Buch vielleicht nochmal lesen sollten.
Das wird nicht helfen (schaden aber auch nicht). Tana French versagt ihren Lesern die an Genre-Erwartungen geknüpften Gewissheiten. Auf den ersten Seiten schon gesteht Detective Ryan, dass er gern und gut lügt („das ist mein Job“). Außerdem kann er sich nicht erinnern an den Tag, als er – da war er zwölf – mit zwei Freunden in den Wald lief und Stunden später allein gefunden wurde, traumatisiert und mit Blut in den Schuhen. Die beiden anderen blieben verschwunden, bis heute. Wenn in Ryans Kopf jetzt Bilder auftauchen der Kindheitsspiele und -gefühle, dann ist er nie sicher, ob er diese Erinnerungen nicht – unbewusst – erfunden hat.
Die Dinge entgleiten ihm, seine Kollegin Cassie Maddox muss die Hauptlast der Ermittlung schultern. Mit ihr soll es im nächsten French-Krimi weitergehen, auf Englisch erscheint er schon im August. Und enthält womöglich den ein oder anderen wichtigen Hinweis.
Sylvia Staude/Frankfurter Rundschau August 2008
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Eine Debütantin schreibt einen originellen, 670 Seiten starken Krimi ohne Durchhänger. Das Kunststück ist der in Dublin lebenden Autorin Tana French gelungen. Sie entwickelt eine klassische Krimihandlung mit einem Mord am Beginn und den nachfolgenden Mühen der Aufklärung, aber sie löst nicht alles restlos auf, Geheimnisse bleiben - vor allem die des Ich-Erzählers und Ermittlers. Detective Rob Ryan leidet an einer Amnesie. Er weiß, dass seine zwei kleinen Freunde aus dem Wald, der ihr täglicher Abenteuerspielplatz war, nie mehr aufgetaucht sind. Rob wurde vor 20 Jahren ohne Erinnerung, aber unverletzt gefunden. Jetzt kehrt er als Erwachsener an den Schauplatz des Dramas zurück, denn auf dem Gelände, auf dem sich nun Archäologen tummeln, wurde ein Mädchen ermordet und auf einem archaischen Opferaltar abgelegt. Rob müsste sich für befangen erklären und sich aus den Ermittlungen zurückziehen. Aber er ist von dem Fall gefesselt und hofft, dass sich niemand an die alte, unaufgeklärte Geschichte erinnert.
French entwickelt komplizierte Charaktere, sie legt subtile Spuren, die scheinbar im Sand verlaufen. Das Unbehagen, das die Familie des ermordeten Mädchens auslöst, wird zum Leitthema, als herauskommt, dass der Vater der Toten als Jugendlicher ein Mädchen vergewaltigt hat. Indessen verschwindet der unheimliche Wald unter dem Angriff der Bulldozer; die Archäologen versuchen zu retten was zu retten ist, denn das Gelände wird demnächst unter dem Asphalt einer Straße begraben sein. Was wird noch alles verschwinden? Eine gute Story, ein eigener Stil - erfreulich: Fortsetzung in Aussicht!
Ingeborg Sperl/ Der Standard August 2008







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