Frankreich/Israel, 2007, 96’Darsteller: Michael Moshonov, Limor Goldstein, Reut Lev, Yonathan Alster u.a.


Synopsis: Der Alltag einer in Jerusalem lebenden Familie gerät aus den Fugen, als nach einem scheinbar harmlosen Autounfall der Vater urplötzlich spurlos verschwindet. Während sich die Erwachsenen in Traditionen und Gebete flüchten, sucht der heranwachsende Menachem (Michael Moshonov) zusammen mit seinem kleinen Bruder nach einem eigenen Weg, den Vater wieder zu finden. Kritik: Die „Tehilim“ - die zu Ehren Davids, des Königs der Juden in Form von Gedichten, Liedern und Lehrsätzen gesprochenen Psalme - sind das Herzstück der jüdisch-orthodoxen Liturgie und allzeit und überall konsultierbarer Verhaltenskompass in Fragen von Geburt, Heirat, Freude, Trauer, Schmerz und Verzweiflung. Das gilt auch für eine ganz normale Jerusalemer Familie, von der der französische Regisseur Raphael Nadjari erzählt. Normal insofern, als in ihr laizistische und strenggläubige Familienmitglieder gleichzeitig vertreten sind; moderne und ultrakonservative Haltungen zu Fragen, die den Lebensalltag der einzelnen Mitglieder und ihre Rolle in ihr betreffen, miteinander um die Deutungshoheit streiten. Unauflösbare Widersprüche, wie sie in einer 3000 Jahre alten Stadt, deren Architektur und Landschaft eher die Ewigkeit in sich tragen, als sich an der Moderne zu orientieren, normal sind. Da ist auf der einen Seite der ultraorthodoxe Großvater, dessen Ansichten auch den moderateren Familienvater geprägt haben; auf der anderen Seite die laizistisch erzogene Mutter, der allzu großer Einfluss religiöser Rituale im eigenen Haus ein Dorn im Auge sind. Und dazwischen die beiden Söhne, der ältere, Menachem, zwischen dem Studium frommer Texte und den hedonistischen Freuden seiner Jugend hin- und herpendelnd, ohne sich groß etwas dabei zu denken.
All diese Parameter, Automatismen des spirituellen und praktischen jüdischen Alltags werden plötzlich auf den Prüfstand gestellt. Der Vater verschwindet spurlos. Ein nicht aufklärbares Rätsel, das die fragile Balance dieser Familie nachhaltig ins Wanken bringt. Eine unerträgliche Situation entsteht - die Tragödie ist bereits da, ohne dass es den Betroffenen erlaubt wäre, zu trauern. Raphael Nadjari, der Chronist jüdischer Lebensformen in New York, Frankreich und jetzt in Israel, zeigt, wie jedes Mitglied der Familie plötzlich mit seinem Schmerz auf sich allein gestellt ist und versucht, damit klar zu kommen. Jeder versucht es mit guten Vorsätzen, will seinem Leben und Tun neuen Sinn geben. Doch sind es die Religion und das gemeinschaftliche Gebetsritual, die die Erlösung bringen oder gerade der Rückzug in die Stille und Abgeschiedenheit des Einzelnen, wie ihn die Mutter praktiziert? Nadjaris filmischer Diskurs kennt keine einfachen Antworten. Menachem, sein junger Protagonist, leidet wie ein Hund und sucht allein nach einem Ausweg für sich und seine Familie. Nadjaris rastlose Schulterkamera folgt ihm in jeden Winkel des Verlieses seiner Seele, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Denn Menachem streitet mit seiner Freundin, seiner Mutter und schließlich auch mit dem Großvater, seiner bis dahin einzigen noch sicheren Anlaufstelle. Doch im Moment der größten Verletzlichkeit, der absoluten Ratlosigkeit zeigt Nadjari auch Hoffnung. Hoffnung, wie sie in dem sich wandelnden Verhältnis der beiden Brüder erkennbar ist. Einer Beziehung, in die nach und nach großer, gegenseitiger Respekt zurückkehrt – ein Respekt auch vor dem Erbe des Vaters und der Generationen vor ihm. Darin ist auch das Versprechen enthalten, dass in der ewigen Stadt Jerusalem Versöhnung und Koexistenz möglich sind.
Martin Rosefeldt
Synopsis: Im heutigen Jerusalem führt eine jüdische Familie eine ganz normale Existenz. Aber in Folge eines Autounfalls verschwindet der Vater auf mysteriöse Weise. Ein jeder versucht auf seine Art mit dieser Abwesenheit und den Schwierigkeiten des Alltags fertig zu werden. Während die Erwachsenen sich ins Schweigen oder die Tradition flüchten, versuchen die beiden Kinder, Menachem und David, ihren Vater auf ihre Weise wiederzufinden. Kritik: Das Verschwinden des Vaters in „Tehilim“ lässt die Mitglieder einer Familie sich näher kommen und wieder voneinander entfernen, lässt sie orientierungslos und in vollkommener Ungewissheit zurück. Nach den israelischen Auswanderern in den USA und den aus dem Mittleren Osten stammenden Juden in Tel-Aviv wählt Raphaël Nadjari nun diese in Jerusalem lebende askenasische Familie, um eine andere Facette des heutigen Judentums aufzuzeigen. Ausgehend von der Unmöglichkeit der Verarbeitung durch Trauer versucht er, die nur schwer zu fassende Linie nachzuzeichnen, die Modernität und Tradition in der Theorie voneinander trennt. Der Titel des Films bezieht sich übrigens auf die Psalme, die König David zugeschrieben werden und die - Religion und Alltagsleben miteinander vereinend - die Juden in ihrem alltäglichen Leben begleiten, ihnen Hoffnung und Trost in schwierigen Situationen spenden sollen. Hier filmt Nadjari das Warten - eine schwierige Aufgabe, der Film wird mitunter nur von wenigen Elementen zusammengehalten: Seiner brillanten Inszenierung, die ein wenig an die fieberhafte Arbeit von John Cassavetes erinnert, und den Gesichtern der Schauspieler, verschlossen oder melancholisch, geheimnisvoll, meist gilt es sie zu entschlüsseln. Nach dem Autounfall, bei dem der Vater sich in Luft auflöst, steht die Familie an einem totalen Neuanfang, alles muss neu begonnen und neu strukturiert werden. Die Mutter und ihre Söhne flüchten sich in ihrer Niedergeschlagenheit in unterschiedliche, mitunter widersprüchliche Haltungen.
Die laizistische Mutter vergräbt sich in sie beruhigende Einsamkeit und kümmert sich um die materiellen Dinge, während ihr Sohn Menachem, gefangen in den paradoxen Empfindungen der Pubertät, zwischen tauber, ihn isolierender Wut und der Vorstellung schwankt, die Vaterfigur in seinem Großvater und seinem Onkel wiederzufinden. Beide Männer sind den Traditionen eng verbunden und verlassen sich ganz und gar auf die Thora und das Gebet. Das innere Drama, das sich im Sitllen abspielt, erinnert an jenes der Trauer in dem Film „L’Incompris“ von Luigi Comencini, wo die Unausgeglichenheit der familiären Kräfte und der unzureichend zum Ausdruck gebrachte Kummer in die Katastrophe führte. Genau wie der Film, der nicht leicht zugänglich ist, ist auch Menachem keine einfache Persönlichkeit. Von Anfang an wirkt er oft unsympathisch, ausweichend, verstockt und verschlossen wie eine Gefängnistür, er nutzt auf gewisse Weise die Vorteile der Jugend für sich. Seine Gewalttätigkeit tritt nicht offen zutage und schafft eine ständige Spannung. Man weiß nicht, wie weit zu gehen er in der Lage ist. Er muss eigene Erfahrungen machen, um zu verstehen, wo die zerbrechliche Grenze zwischen Gut und Böse liegt. Aber dank eines einem Filmemacher oft eigenen Mitgefühls, gelingt es Nadjari immer wieder, ihm dennoch etwas Anrührendes zu verleihen. Nur David, der kleine Junge, zeigt Scharfsinn und bringt sein Bedürfnis nach Liebe klar zum Ausdruck. Wenn man sieht, wie diese Figuren immer wieder gegen die unsichtbare Mauer einer unmöglichen Trauer stoßen, kann man nicht umhin, an das Kino eines Insektenforschers zu denken, einen behavioristischen Versuch, bei dem der Regisseur sich von einem Blick auf eine programmierte Situation in vitro verführen lässt. Letztendlich ist das immer eine der größten Schwierigkeiten, wenn man sich zum Ziel setzt, die Realität zu filmen. Aber gelegentlich gelingt es Nadjari, sich von diesem Joch zu befreien und eine Bresche zu schlagen, zum Beispiel als er gerade dann, als der Vater verschwindet, den Traum dieses Jugendlichen von einer Liebe verwirklicht, die er endlich zu geben und zu empfangen bereit ist.
Delphine Valloire






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