- Synopsis
Irland früh in den 60er Jahren – Francie Brady erträgt seine harte Kindheit (Vater Alkoholiker, Mutter nervenkrank) mit viel Ironie und dank seines Freundes Joe. Doch die Ungerechtigkeiten des Alltags lassen ihn immer mehr in gefährliche Fantasiewelten flüchten, bis auch sein Blutsbruder sich von ihm abwendet. Francis, inzwischen Metzgerjunge, wird für seine Umwelt zu einer gefährlichen Zeitbombe.
- Kritik
Der 1950 geborene Ire Neil Jordan, bekannt für seine emotionsgeladenen politischen Filme, die sich oft mit den Untiefen der menschlichen Psyche auseinandersetzen, nähert sich in „The Butcher Boy“ dem Provinzmief seiner irischen Kindheit in den 60er Jahren aus der Perspektive der fiktiven Lebensgeschichte eines (damals) gleichaltrigen Jungen, die aus der Feder des Schriftstellers Patrick Mc Cabe stammt. Statt angesichts der Bigotterie des irischen Kleinbürgertums, der Doppelmoral der katholischen Kirche und der dadurch an Kinderseelen ausgelösten Traumata in Tränen auszubrechen oder mit Passivität zu reagieren, begegnet Protagonist Francis dem Unbill seines Lebens mit viel Sarkasmus und Fantasie. Zusammen mit Freund Joe klaut er Äpfel und verlangt Wegzoll, träumt sich in bessere Welten, in der er Stimmen hört und ihm die Jungfrau Maria – gespielt von Sinnhead O’Connor erscheinen.
Doch was hilft aller unschuldige kindliche Eskapismus, wenn das Elternhaus mit penetranter Gleichgültigkeit reagiert, der Vater säuft und säuft, die Mutter in der Klapse landet und man in der Nachbarschaft den Jungen für seine Flucht auch noch verantwortlich macht. Jordan zeigt, wie die Befreiungsschläge seines Hauptdarstellers immer groteskere Formen annehmen und doch nur verzweifelter Hilfeschrei sind auf der Suche nach Liebe und einem Platz in einer Gesellschaft, die den unfreiwilligen Außenseiter gnadenlos ausgrenzt und dafür auch noch bestraft. Die doppelte Packung eben. Erst gilt er den Hausfrauen im Krämerladen als drolliges Maskottchen, dann rümpfen alle bald nur noch die Nase dank seiner immer vulgäreren „Scherze“. Der Gepeinigte wird zum Peiniger und dadurch zum gesellschaftlichen Problemfall.
Dabei ist es, wie Jordan zeigt, die Gesellschaft, die ein Problem hat. Mit ihrer krankhaften Angst vor dem Atomkrieg, die im damals auch in Irland weit verbreiteten Bunkerbau und in den zahlreichen, lächerlichen Horror- und Außerirdischen-Filmen aus Amerika zum Ausdruck kam. Aus Superman-Comics, Zorro- und Doktor-Kimble-Filmen spricht bereits zu den Kindern die Sehnsucht nach Allmacht und Rettung von Oben angesichts einer großen zwischenmenschlichen Einsamkeit im irischen Riesengefängnis.
Die Wut, die Jordan aus den makabren Antworten des Butcher Boys sprechen lässt, ist gerecht und legitim, sie macht aber auch Grenzen deutlich im Hinblick auf den Wirkungsgrad des gewählten Erzählverfahrens und das Einfühlungsvermögen des Zuschauers. Je grotesker dessen Handlungen, je größer die damit einhergehende Gewaltspirale, desto mehr gehen die Feinheiten der Psychologie verloren, desto mehr reduziert Jordan auf eine ebenso simple wie unheilvolle Ursache-Wirkungs-Kettenreaktion, die irgendwann auch die schauspielerischen Fähigkeiten des jungen Darstellers Eamonn Owens überfordert. Schließlich muss er nicht nur eine gepeinigte Kinderseele spielen, sondern auch noch die ironisch-bittere Brechung mit hinzudenken, mit der ein 1997 47 Jahre alter Regisseur auf seine eigene Jugend zurückblickt.
Martin Rosefeldt

The Butcher BoyEin Film von Neil Jordan
Darsteller: Stephen Rea, Fiona Shaw, Eamonn Owens u.a.
Großbritannien, 1997, 105 Minuten
Warner Brothers
Sprachen: Deutsch, Englisch (Stereo, 2.0 Dolby digital)






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