Dies ist kein Buch zum Lesen, sondern ein Buchobjekt, ein überaus dickleibiges obendrein, das kaum von der Stelle zu bewegen ist. Anschauen kann man es eigentlich nur, wenn man es in Schräglage bringt und etwa gegen ein Riesenkissen stemmt. 670 Seiten stark ist es, davon sind einige auszuklappen bis fast zu einem Meter Breite. Doch abgesehen von solcher Hybris handelt es sich um ein Prachtexemplar von 900 Schwarz-Weiß- und Farbillustrationen zur Welt des amerikanischen Zirkus von 1870 bis 1950. Dessen Faszination greift dank der frühen Zirkusfotografie (auch der späteren von Stanley Kubrick und Charles und Ray Eames) und vor allem dank der 200 außerordentlichen Lithographien auf den heutigen Betrachter über. Das Buch ist ein einziges opulentes Layout. Es will bewahrheiten, was Hemingway einst schrieb: Der Zirkus sei „der einzige Ort der Welt, wo man mit geöffneten Augen träumen“ könne.
Dass es soviel phantastisches Bildmaterial gibt, hat seinen Grund im immensen Werbeaufwand, den die großen amerikanischen Zirkusse trieben. Allen voran Barnum und Ringling Bros, die legendären Giganten des Geschäfts, die eine brillante Logistik der Fortbewegung, der Versorgung der Menschen und Tiere und der raschen Präsentation entwickelt hatten mit weit über 1000 Mitarbeitern. Auch diesen Blick hinter die Kulissen, in den oft mühsamen und von harter Arbeit gezeichneten Alltag der Schausteller, verschafft das Buch. Die Poster, die das Ereignis, die Sensationen ankündigten, waren vielfach bei der berühmten Stobridge Lithograph Company gedruckt. Die Werbetrommel wurde mit soviel Tamtam gewirbelt, dass mehr als ein Viertel des Budgets hineinfloss.

The Circus, 1870-1950
Daniel, Noel (ED)
Jando, Dominique / Granfield, Linda / Dahlinger, Jr., Fred
Hardcover, 29 x 44 cm, 670 pages, ISBN: 978-3-8228-5153-1
Multilingual Edition: English, French, German

Vortrupps vollzogen vorab die großzügige Plakatierung. So konnten die Zirkusbesucher schon von den leichtbekleideten Trapezkünstlerinnen unter der Zirkuskuppel, der weiblichen aus der Kanone geschossenen Kanonenkugel und den grazil auf dem Rücken der Pferde tanzenden Kunstreiterinnen träumen. Oder von den Messerwerfern, Feuerschluckern, Jongleuren und Gummimenschen und den Dompteuren der gefährlichen Löwen, Tiger, Leoparden und Bären. Und nicht zuletzt von den Zirkusclowns, zu denen einst auch Buster Keaton gehörte. Wenn dann der Zirkus endlich anrückte, und seinen langen Umzug der prächtigen Wagen, der glitzernden Artisten und Artistinnen auf den hochgeschmückten Pferde- und Elefantenrücken, der Tiere hinter den Gittern inszenierte, säumten Zehntausende die Straßen. Eine Parade ohnegleichen. Das zauberhafte Spektakel der Anlockung.
Monströse Kuriositätenshows
Der Zirkus war vor der Zeit von Film, Fernsehen, Radio und Internet der Türöffner zur großen weiten und exotischen Welt. Daher strömte das Publikum auch in die mitgeführten Kuriositäten-Shows menschlicher Monstrositäten. Missgebildete aller Art wurden ausgestellt, ohne Arme, ohne Beine, siamesisch aneinandergewachsen, mit nur einem Auge auf der Stirn, immens dick oder immens dünn. Riesen gab es neben Zwergen, Frauen mit meterlangen Haar-Schleppen oder völlig haarig zugewachsen, Eingeborene mit Untertassenlippen oder Giraffenhälsen und vieles vieles mehr. Scheußlich deutlich anzusehen für unseren heutigen Geschmack und wohl auch zu üppig in dem Buch serviert. Auch das brachte viel viel Geld. Der Zirkus war um die Jahrhundertwende die größte Unterhaltungsbranche in den Vereinigten Staaten. Eine Größenordnung, an die kein Theater der Welt heranreichte. Noel Daniel, die Herausgeberin, sieht auch hier eine Vorläuferschaft zur amerikanischen Popkultur.
Die fahrenden Schausteller der Renaissance
Die Wurzeln des Zirkus liegen in Europa. Noch im 19. Jahrhundert stammten viele Akrobaten aus alten Artistendynastien in Italien. Abbildungen hatte es freilich schon im alten Ägypten gegeben oder in China um 2000 vor Christus. Doch die unmittelbaren Vorläufer des Zirkus, schreiben die Verfasser der kurzen Essays, seien die Seiltänzer, die Jongleure und die Dompteure auf den Jahrmärkten in der Renaissance. Dann in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhundert sei in London der Schritt erfolgt, während der Pferdedressurschauen im runden Circus akrobatische und komische Einlagen zu geben. Die Geburtstunde des Zirkus. In Amerika gab es vor dem Zirkus wandernde exotische Tierschauen.
Die emanzipierte Zirkusartistin
Interessant liest sich das Kapitel „Venus der Epoche. Die emanzipierte Zirkuskünstlerin“. Sie habe bereits eine „neue Art der berufstätigen Frau“ verkörpert, heißt es. Bereits im 19. Jahrhundert wurden im Zirkus die Frauen so akzeptiert, wie sie waren. Was galt, war die Kunst, die Artistik, und die wurde täglich hart erarbeitet. Eine Frau im Zirkus brauchte wirkliches Talent. Ein Salto war ein Salto und keine Simulation. Und was die „Ehrbarkeit“ angeht, gab es zum Beispiel bei Ringling Bros Verhaltensvorschriften, die den Kontakt der Künstler mit einheimischen Frauen und Männern untersagten.
So war das knappe kurze Kostüm der Artistin in der Manege nicht als Aufreizung inszeniert, sondern entsprang der praktischen Notwendigkeit. Dass die „unnahbaren Amazonen des Luftraums hoch über der Menge“ (Thomas Mann) so viel Bein zeigten, gehörte dennoch zu den unausgesprochenen Verlockungen des Zirkus in einer prüden Zeit.
Der Todesmut der Artisten
Vielfach übertrafen großartige Künstlerinnen ihre männlichen Partner. Lillian Leitzel zum Beispiel, der berühmte Star der 20er Jahre, deren Salonwagen im großen Zirkuszug ein Luxus-Appartement auf Rädern war mit uniformiertem Dienstmädchen und Majordomus. Die Trapezkünstlerin stürzte am 13. Februar l930 ab und starb. Halsbrecherisch mutige Nummern gab es immer wieder, oft ein Spiel mit dem Tod. Zirkusartist war kein Beruf, sondern eine Lebensweise. Das Buch führt die berühmtesten Künstler auf wie Mabela Stark, die legendäre Tigerdresseurin, oder Alfred Count, den Löwenbändiger. Auch der Elefant Jumgo erwarb sich Weltruhm.
Was fehlt diesem dreisprachig verfassten gigantischen Buch? Vielleicht doch mehr Text zur Bildpracht? Zeitgeschichtlich hintergründiger Text? Gut und ausführlich verfasst sind die Bildlegenden. Vielleicht hätte ein Mehr an Sprache das Buch denn doch erschlagen.