Die Kopenhagener Polizei muss die Vergewaltigung und den Mord an einem jungen Mädchen aufklären. Während die völlig fassungslose Familie des Opfers nach Gerechtigkeit verlangt, zieht der Fall in der Lokalpolitik Kreise: Ein Anwärter aufs Bürgermeisteramt gerät unter Verdacht.
Obwohl „The Killing“ in die Fußstapfen amerikanischer Serien tritt, wahrt sie doch die charakteristischen Züge des Skandinavienkrimis, der seit Jahren in Deutschland, Frankreich und anderswo Erfolge feiert. Es scheint, als könne man sich nicht satt lesen und sehen an den Geschichten aus Schweden, Norwegen, Dänemark, Island und Finnland. Doch was genau ist daran so faszinierend?
Zum einen sind es die Schauplätze. Skandinavienkrimis spielen nicht in Paris, New York oder Los Angeles, sondern „an einem zugleich nahen und fernen Ort“, wie es Eric Boury ausdrückt, der mehrere isländische Autoren ins Französische übersetzt. Eisige, verregnete Landschaften und Städte, unaussprechliche Namen und eine gedämpft träge und zugleich spannungsgeladene Stimmung: Diese Mischung packt den Leser bzw. Zuschauer ab der ersten Seite oder Einstellung.
Doch der Erfolg des Skandinavienkrimis beruht nicht allein auf nordischer Exotik, die weniger neugierige Leser vielleicht ohnehin kalt lässt. Er erklärt sich auch aus der gelungenen Verbindung von angelsächsischem und französischem Krimigenre. Der Skandinavienkrimi bringt die vielschichtigen, brutal-direkten Thriller à la James Ellroy mit der atmosphärischen, subtil-impressionistischen Kunst der Andeutung eines Georges Simenon zusammen. Es gibt kaum Ballereien oder Verfolgungsjagden. Die Ermittlungen gehen schleppend voran, die Kommissare geraten oft auf die falsche Spur und verzweifeln fast an ihrem Fall. Es geht nicht um Schwerverbrechen in Gangstervierteln, sondern um eine latente, individuelle, äußerst grausame Art der Gewalt.
Der nordische Roman Noir deckt die morbiden Seiten einer Gesellschaft auf, die von protestantischer Offenheit geprägt ist. Der Stil ist einfach und realistisch, die Hauptfigur – meist derselbe Polizist oder Journalist – zutiefst menschlich. Im Gegensatz zu ihren amerikanischen „Kollegen“ sind die skandinavischen Ermittler keine Superhelden, sondern ganz normale Männer und Frauen mit ganz normalen Problemen in Beruf oder Privatleben. So bieten sie eine ideale Identifikationsfläche für den Leser oder Zuschauer. Das gilt auch für Sarah Lund, Kommissarin bei der Kopenhagener Mordkommission und Hauptfigur von „The Killing“: eine Frau, die von ihrem Beruf besessen ist und darüber manchmal ihren heranwachsenden Sohn vergisst. Der typische Held des Skandinavienkrimis ist ein gewöhnlicher Mensch in außergewöhnlichen Situationen. Er bewegt sich in einer Realität, in der es um alltägliche Sorgen und um die gesellschaftlichen Probleme einer globalisierten Welt geht. Die nordeuropäischen Länder gelten gemeinhin als beispielhaft und paradiesisch. Doch sie haben auch dunkle Seiten, und genau die will der Skandinavienkrimi aufdecken.
Als Wegbereiter des Genres gelten Per Wahlöö und Maj Sjöwall. Zwischen 1965 und 1975 veröffentlichte das deutlich linksgerichtete, schwedische Autorenpaar eine Krimi-Dekalogie mit dem Titel „Roman über ein Verbrechen“ (1).
Nach dem Vorbild von Ed McBains 87. Polizeirevier folgt die Reihe den Ermittlungen einer Gruppe Stockholmer Polizisten um Kommissar Martin Beck, eine Art nordischer Maigret. Als bekennende Marxisten legten Wahlöö und Sjöwall ihre Krimis von vorneherein als gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit dem „schwedischen Paradies“ an: Das skandinavische Wirtschaftswunder und die nordische Lebensart fußen auf sozialen Einschnitten und den kriminellen Mechanismen von Geld und Macht.
Spätestens mit dem Beginn der Globalisierung war es mit der heilen Welt ganz vorbei. Die bislang relativ behüteten skandinavischen Länder hatten jetzt mit denselben Problemen zu kämpfen wie der Rest der Welt: mit Wirtschaftskrisen, Korruption, mafiösen Strukturen und dem Anstieg von Kriminalität, Gewalt, Schmuggel, Migration und Fremdenfeindlichkeit. Um diese Themen kreisen die Krimis des Schweden Henning Mankell, der die Nachfolge von Wahlöö und Sjöwall angetreten hat. Seit Anfang der 1990er Jahre ermittelt sein Kommissar Kurt Wallander (2) in der kleinen südschwedischen Stadt Ystad – und machte seinen literarischen Vater zum Bestsellerautor. Auch Mankell will die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in seinem Land durchleuchten und an der sauberen Fassade der heilen schwedischen Welt kratzen. In derselben gesellschaftskritischen Tradition stehen Mankells Landsmänner Åke Edwardson und Leif Persson sowie die Norweger Gunnar Staalesen, Anne Holt und Jo Nesbø – um nur sie zu nennen. (AdÜ: Hier bringt das Original Schweden und Norweger durcheinander.)
Realistisch und schonungslos setzt sich der Skandinavienkrimi auch mit der Vergangenheit auseinander, zum Beispiel mit vertuschten Schandtaten aus dem Zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg. Man denke an die Millenium-Trilogie des Schweden Stieg Larsson (3) oder an seinen isländischen Kollegen Arnaldur Indriðason und dessen Kommissar Erlendur von der Kripo Reykjavik (4). Indriðason wird heute in seinem Land als Starautor gefeiert, doch der Weg dahin war weit. Der Autor erklärt das folgendermaßen: „Es gibt keine Krimitradition in Island. Viele Isländer glaubten lange Zeit an eine Art Unschuld unserer Gesellschaft. Es geschehen nicht sehr viele Straftaten, und das Wenige, das passiert, reicht nicht aus für Krimis.“ Inzwischen sind wir eines Besseren belehrt.







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