Mit: Tilda Swinton, Miroslav Krobot, Erika BókFrankreich, Ungarn, Deutschland, 2007, 135’
Im Gespräch mit...Tilda Swinton
Bela Tarr
Synopsis: MALOINS Leben als Signalwärter für die in den Hafen seiner Stadt einlaufenden Schiffe folgt dem immer gleichen monotonen Rhythmus, als er eines Nachts Zeuge eines Mordes wird. In der Hoffnung auf ein besseres Leben für sich und seine Familie stiehlt er einen Koffer mit Geld. Schuld, Strafe und die Frage nach dem Wert und der Bedeutung des eigenen Lebens bestimmten fortan sein Leben.
Kritik: Düster, schwermütig und verstörend sind die monumentalen Schwarzweiß-Breitwandfilme des ungarischen Regisseurs Béla Tarr. Sein längstes Werk „Satantango“, von 1990 bis 1994 gedreht, ist nicht weniger als 7 Stunden und 15 Minuten lang. In langsamen Schienenfahrten und Plansequenzen entfaltet sich ein eigenartiges, zumeist aus allen zeitlichen und räumlichen Bezügen heraus gelöstes Universum voller Härte und Entbehrungen, aber auch voller Schönheit und Hoffnung. Durch die Entschleunigung seiner Bilder, die artifiziellen Dekors und Kostüme und die reduzierte Sprache seiner Figuren erschließt sich dem Zuschauer ein völlig neuer Blickwinkel auf die zentralen Fragen der menschlichen Existenz.
Dass Béla Tarr unter diesen Vorzeichen seines bisherigen filmischen Schaffens einen Georges-Simenon-Krimi für die Leinwand adaptieren würde, galt als kleine Sensation: schließlich folgt dieses Genre erzählerischen Konventionen, die eher mit Tempo, Spannung und einer Fülle dramatischer Wendepunkte assoziiert sind. Tarr aber verlegt das Prinzip Spannung nahezu ausschließlich in die Vorstellungs- und Einbildungskraft seines Protagonisten, indem die gewohnt zeitlupenhaft bewegende Kamera ständig seine Blickposition einnimmt. Dieser Blick erfasst in der ersten, gefühlt mindestens 15 Minuten langen Einstellung den Ort des Geschehens – einen alten Hafen und insbesondere einen Passagierdampfer, dessen Außenwand sie minutenlang hoch kriecht, um schließlich die gerade von Bord gehenden Passagiere zu inspizieren. Sie endet mit einem Mord, dessen Zeuge Maloin aus seinem Signalwärterhäuschen wird. Wie durch die Gitterstäbe eines Gefängnisses hat Maloin den mörderischen Zank ums Geld verfolgt und seine fatalen Schlüsse daraus gezogen. Sein Schicksal, macht Béla Tarr unmissverständlich klar, ist von Anfang an besiegelt.
Maloin ist nicht gerade das, was man einen identifikationsstiftenden Helden nennt. Seine Stirn ist von hässlichen Sorgenfalten zerfurcht, seine sozialen Kontakte beschränken sich auf beinahe mechanisch anmutende, lautstarke Streitigkeiten mit seiner Ehefrau und seiner Tochter. Maloin ist ein Außenseiter, dessen monotones Leben keine Überraschungen mehr zu bieten scheint, dessen Existenz sich in einem langsamen, unaufhaltsamen Zerfalls- und Isolationsprozess befindet. Mitten in dieses freudlose Durchschnittsleben also drängen sich plötzlich ewige moralische Fragen nach der eigentlichen Bestimmung des Menschen. Indem er Zeuge eines Mordes wird, stellt sich für ihn die Frage nach Verbrechen und Schuld, nach Unschuld und Mittäterschaft, die Frage nach dem Sinn der eigenen Existenz.
Seine Spannung bezieht Tarr ausschließlich dadurch, dass er seinen Held mit der nunmehr auf sich gezogenen Schuld keine Sekunde mehr aus den Augen verliert. Mit einer Kamera, die immer in Bewegung ist, Schärfenverlagerungen zwischen Großaufnahmen und Totalen zeigt Tarr, wie zersplittert dieser Mann in seinem Wunsch nach Freiheit und Glück und dem Geheimnis seiner Schuld ist. Und trotz allem versucht, seine Würde zu bewahren, trotz der Schuld, die er auf sich geladen hat, ein besserer Mensch zu werden.
„The Man from London“ ist auch der Film, der immer mit dem Freitod seines berühmten, am Ende seines Lebens in existentielle finanzielle Nöte geratenen Produzenten Humbert Balsam verbunden bleiben wird. Jener von Maloin gestohlene Koffer voll Geld wirkt deshalb auch wie ein bitterer, posthum in Szene gesetzte Kommentar auf eine Welt, in der das Diktat materialistischer Zwänge die Existenz des Schönen und Ideellen nachhaltig bedroht.
Martin Rosefeldt






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„The Man from London“ heißt Béla Tarrs schwarz-weiße Zeitlupenadaption des gleichnamigen Georges-Simenon-Krimis im Wettbewerb.
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