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Jahrhundertaufnahmen Jazz

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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 24/09/08

Thelonious Monk: Genius of Modern Music

Volume 1 + 2 (aufgenommen 1947 - 1952), Blue Note Records


von Günther Huesmann

Die Auswahl im Überblick


Die größte Schwierigkeit dabei, Thelonious Monk aufzunehmen, erzählt der Plattenproduzent Alfred Lion, sei gewesen, Spieler zu finden, die seine Musik verstehen und die komplizierten, komplexen Kompositionen umsetzen können. „Er schrieb nicht viele Sachen auf. Die Musiker mussten das, was er komponierte, durchs Hören lernen. Und selbst wenn er mal alles aufgeschrieben hatte, dann konnte es sein, dass er seine Meinung fünfzehn mal änderte in der Zeitspanne zwischen dem Moment, in dem ein Musiker seinen Part gelernt hatte, und dem letzten Take. Du musstest wirklich Ohren haben, um mit ihm zu spielen.“

Monk war ein Outsider als diese Aufnahmen zwischen 1947 und 1952 für das Label Blue Note entstanden. Im Readers Poll 1948 – der Beliebtheitsumfrage des bedeutenden Magazins Down Beat - bekam Monk gerade einmal 23 Stimmen. 1949 erhielt er keine einzige. In einer Zeit als Bop viel Anerkennung und Aufmerksamkeit erhielt, wurde Monk nicht wahrgenommen. Dabei hatte Monk als Teil der „house rhythm section“ in den Jam Sessions von Minton’s Playhouse entscheidend daran mitgewirkt, die Bebop-Revolution auszulösen. Von den Normen und Klischees des Bop – seinen rasenden Motivstrudeln – hat er sich allerdings wenig angesprochen gefühlt. In Monks Stücken ging es nicht darum, die Melodielinien den Harmonien anzupassen – es ging darum, Themen und Formen aus sich selbst heraus zu entwickeln – schlüssig, logisch und konsequent.

Viele der zentralen Monk-Kompositionen – die unzähligen Jazzmusikern als Steinbruch für Individualität gedient haben und immer noch dienen – tauchen auf „Genius of Modern Music Volume 1 und 2“ zum ersten Mal auf: „Ruby My Dear“, „Epistrophy“, „Off Minor“ und „Criss Cross“. Aber auch „Evidence“,„Straight No Chaser“, „Monks Mood“ und „Round Midnight“ (Monks berühmtestes Stück, das hier seine Premiere als Monk-Interpretation erlebt) sind in Hinblick auf Jazzkomposition Meisterwerke der Ökonomie. Wie man mit einem absoluten Minimum an Tönen ein Maximum an Aussage erreichen kann und zugleich Improvisationsanstöße gibt, über die Musiker immer wieder neu  nachdenken können – der Jazzkomponist Monk wusste das zu kreieren wie kein anderer.

Die kreative Sphinx

Auf „Genius of Modern Music“ erleben wir allerdings auch: manche Musiker stehen vor den Monk-Stücken wie vor einer Sphinx. Man hört förmlich ihr Innehalten, ihr Rätseln, ihre Verwirrung und – oft genug – ihr Scheitern. Sie wussten mit den störrischen, abstrakten Monk-Melodien, wenig  anzufangen. Monk: „Bist Du ein Musiker? Hast Du eine Union Card? Dann spiel’ es!“.

Der Saxophonist Lucky Thompson beispielsweise oder der Trompeter Kenny Dorham zeigen sich überfordert, während andere Spieler geradezu aufblühen. Vital und kantig - es gibt keinen idealeren Drummer für Monk als Art Blakey, und es gibt keinen besseren Pianisten für Art Blakey als Thelonious Monk. Und der perlende, schimmernde Fluss von Milt Jacksons Vibraphon ergänzt die bizarre Kantigkeit von Thelonious Monks Klaviersound auf wunderbare Weise.

Nichts scheint zur Musik von Thelonious Monk weniger zu passen als die Welt von Disziplinierung und Konformität. Zu dieser Musik gehört das Querständige und Widerstrebende, das Aufbegehrende und Unangepasste genauso wie der Blues, der Humor und das Credo eines swingenden Rhythmus.

Freilich: Bei der ersten Session für Blue Note wirkt Monk noch mehr wie ein Sideman als ein Leader. „Humph“ –basierend auf den Harmonien von „I Got Rhythm“ - und „Evonce“ (eine Komposition von Idrees Sulieman) atmen noch halb den des Geist des Bebop, auch wenn  Monk hier derjenige ist, der sich dem Formel-Repertoire dieses damals noch frischen Jazzstils besonders entzieht. Wenig später ist nichts mehr von dieser Ausrichtung zu spüren, verflogen sind die Bop-Floskeln wie ein modisches Gespenst. Dann hören wir puren Monk.

Das Stück „Introspection“ ist Reibung nicht aus Lust zur Provokation, sondern auch innerer musikalischer Notwendigkeit heraus. „Thelonious“ sprengt alle Vorstellungen von Symmetrie. Und selbst dort wo Monk mit traditionellen Songs wie „Nice Work if You Can Get It“ oder „April in Paris“ arbeitet, sind seine Improvisationen komplette Neuerfindungen, hat seine Musik einen Drang, die Form zu sprengen. Dabei löst sich der Improvisator Monk nicht vom Thema, sondern entwickelt dieses mit einer fast mönchischen Strenge weiter.

Der Pianist Monk wirkte auf seine Zeitgenossen wie ein Anti-Virtuose. Die stochernden, verwinkelten Rhythmen, das eckige Spiel mit Pausen und Dissonanzen, der schroffe Anschlag, die rhythmischen Verschiebungen und Sekundcluster hatten etwas Verstörendes. War er ein limitierter Pianist? Das kommt ganz auf die Perspektive an. Nein, ein Horowitz ist er nicht. Aber technisch unbegabt? Ein Stolpernder vor dem Herrn? Keineswegs. In „Well You Needn’t“ blitzen Linien auf – Stride-Elemente und Arpeggien, die an  James P. Johnson erinnern, grandiose Läufe, die eines Fats Waller würdig sind.

Die Pianistin Mary Lou Williams hat darauf hingewiesen, dass Monk in den dreißiger Jahren in Kansas City einen virtuosen, girlandenreichen Teddy-Wilson-Stil spielte. Wie anderes klingt er hier: Kennzeichnend für den Pianisten Thelonious Monk ist sein harter, spröder Anschlag – man hört die Trommel schlagen, wenn Monk spielt. Um diese Expressivität zu erreichen, musste Monk die perlende Geschmeidigkeit aus den Läufen nehmen. In „Criss Cross“ kann er Rhythmen so platzieren, dass sie eine melodische Wirkung erzielen. Der Pianist Monk phrasiert mit einem so eigenwilligen Anschlag, dass die Töne zu „tanzen“ scheinen. Monk meißelt die Töne mit einem derart außergewöhnlichen Drall in die Tasten, dass der Eindruck von scoops und falls entsteht – von Tönen, die leicht nach oben bzw. nach unten gleiten – obwohl man doch weiß, dass so etwas auf dem Klavier eigentlich nicht möglich sein dürfte.

Es braucht Kraft, um so zu spielen. Wenn Monks Finger die Wahl hatten zwischen der Conga und der musikalischen Brieftaube, dann entschieden sie sich für das Perkussive. Wenn Virtuosität die Fähigkeit ist, genau jene Mittel und Faktoren einzusetzen, mit der die eigene musikalische Persönlichkeit zum Ausdruck kommt, dann war Thelonious Monk ein Ultra-Virtuose.

Text: Günther Huesmann

Thelonious Monk: Genius of Modern Music

Volume 1 und Volume 2, aufgenommen 1947 - 1952

Blue Note




Erstellt: 16-05-06
Letzte Änderung: 24-09-08


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