Die 80er Jahre: Es brodelt in China
In den 1980er Jahren kam Bewegung in das erstarrte China. Auf den maoistischen Totalitarismus folgten einige Jahre vorsichtiger Liberalisierung. Ab 1987 stellt sich der reformfreudige Flügel der Kommunistischen Partei unter Zhao Ziyang – designierter Nachfolger von Deng Xiaoping – offen gegen die konservativen Kräfte. Die Reformer möchten die 1979 von Deng Xiaoping begonnene wirtschaftliche Öffnung durch politische Reformen weiter führen.Die politischen Spannungen lähmen den Staat – und das erklärt seine anfängliche Unfähigkeit – sei es durch Dialog oder Repression – auf die Forderungen der Studenten zu reagieren.
Deng Xiaoping wurde seiner Ämter zwar offiziell enthoben, blieb de facto aber immer noch die Nummer 1 des kommunistischen Regimes. Als Chef der Armee hielt er weiterhin die Fäden in der Hand.
15.April - 4. Juni 1989: Die demokratische Bewegung
15. April 1989: Der Tod von Hu Yaobang – dem reformfreudigen Generalsekretär, der 1987 von seinem Posten enthoben worden war – ist Auslöser der Studentendemonstrationen. Die zwei wichtigsten Schlagwörter der Bewegung kommen auf: „Gegen die Korruption - für die Demokratie“.Am 22. April, dem Tag der offiziellen Trauerfeier von Hu Yaobang, besetzen 100.000 Studenten den Tian’anmen-Platz. Sie bleiben bis zum 4. Juni.
Am 26. April erklärt Deng Xiaoping die Bewegung als „Komplott gegen die Partei“ und organisiert schon am nächsten Tag eine riesige Gegendemonstration. Im Laufe des Monats kommt es in Peking zu mehreren Demonstrationen mit über einer Million Menschen.
Am 12. Mai beginnen Tausende von Studenten ihren Hungerstreik auf dem Tian’anmen-Platz.
Am 15. Mai kommt Gorbatschow – als erster sowjetischer Regierungschef nach über 20 Jahren – zu einem Staatsbesuch. Der Tian’anmen-Platz, auf dem der große offizielle Empfang geplant war, ist von den Studenten besetzt, nun muss eine improvisierte Zeremonie auf dem Flughafen stattfinden. Das wirft ein schlechtes Bild auf das Regime.
Am 17. Mai verhängt Deng Xiaoping das Kriegsrecht, Zhao Ziyang wird seiner Ämter enthoben. Doch die Bevölkerung versperrt der Armee den Weg und bringt die Soldaten dazu, sich zurück zu ziehen.
Am Abend des 3. Juni bewegt sich die Armee – mit Schützenpanzern und in voller Kriegsausrüstung – auf die Innenstadt von Peking zu. Das ist das Ende des „Pekinger Frühlings“.
4. Juni: Das Massaker von Tian’anmen
Die Soldaten der Volksbefreiungsarmee führen den Befehl aus, den Tian’anmen-Platz, der seit sechs Wochen von den Studenten besetzt wird, mit allen Mitteln zu räumen. Am Abend des 3. Juni 1989 errichtet die Menschenmenge Barrikaden auf der Chang’an Avenue, der großen Ost-West-Achse, über die die Panzer und militärischen Konvois in die Innenstadt kommen. Wie zwei Wochen zuvor, versuchen die Demonstranten die Soldaten vom Rückzug zu überzeugen. Einige werfen Steine und Molotow-Cocktails, mehrere Soldaten sterben. Die Armee eröffnet das Feuer. An diesen Barrikaden – vor allem in der Nähe der U-Bahn Station Muxidi – sind die meisten der 194 von den „Müttern von Tian’anman“ genannten Opfer gestorben. Die dokumentierte Zahl ist sicher nicht vollständig: Am Tag nach dem Massaker sprach das chinesische Rote Kreuz von 2600 Toten, nahm diese Aussage dann aber wieder zurück.Der Begriff des „Massakers von Tian’anmen“ ist nicht ganz korrekt, denn der symbolische Platz, konnte dank der von Zhou Duo und Liu Xiaobo geführten Verhandlungen (Folgen 11 und 12) friedlich geräumt werden. Auf dem Platz selbst hat es wahrscheinlich gar keine Toten gegeben.
Am frühen Morgen des 4. Juni 1989 ist der Platz leer. Aber es wird noch Wochen dauern, bis in den chinesischen Städten wieder Ruhe einkehrt.
5. Juni: der „Tank Man“
Am 5. Juni, als die Panzer weiter durch die Stadt rollen, stellt sich ein Unbekannter einem Panzer auf der Chang’an Avenue, einige hundert Meter vom Tian’anmen-Platz entfernt, in den Weg. Ein Bild, das weltweit zum Symbol geworden ist. Nur in China kennt es kaum jemand... Die Panzer sind schließlich weiter gefahren, die Armee führte ihren Auftrag zu Ende aus. Der „Tank Man“, der Mann mit dem Panzer, ist ein Unbekannter geblieben. Sollten eines Tages die Archive des chinesischen Parteienstaates geöffnet werden, könnte man vielleicht erfahren, was aus ihm geworden ist. Ob er, was wahrscheinlich ist, verhaftet und hingerichtet wurde oder ob er noch lebt.1989-2009: Das Tabu
20 Jahre später wird alles getan, damit die blutige Niederschlagung der Demonstrationen am 4. Juni 1989 in China in Vergessenheit gerät. Für die Kommunistische Partei ist es das Tabuthema Nummer 1. Allen Medien, Zeitungen, Fernsehen, Radio, Internet, ist es streng verboten, darüber zu berichten.Erscheint der 4. Juni - 6/4 oder „liu si“ auf Chinesisch - in einem Blog oder auf einer Internetseite, wird der Eintrag sofort gelöscht. Diejenigen, die nicht vergessen wollen, finden trotzdem Mittel und Wege, um die Erinnerung aufrecht zu erhalten. Doch die meisten Chinesen hören heute nichts mehr von der Demokratiebewegung von 1989 – oder haben noch nie etwas davon gehört. Vor allem nicht die jungen Leute unter 25.
Die ganze Öffentlichkeit ist von diesem Verbot betroffen. Dahinter steht die Angst des repressiven Regimes, sobald es um politische Themen geht. Das Verbot hat aber noch weitreichendere Folgen: selbst in den Familien wird über dieses Thema kaum gesprochen. Das Schweigen wird von Generation zu Generation weiter gereicht. Diejenigen, die 1989 noch erlebt haben, trauen sich nicht, darüber zu sprechen. Die Jugendlichen von heute wissen nichts vom Tian’anmen-Massaker, genau so wenig wie die Generationen vor ihnen über die Auswüchse der Kulturrevolution oder die durch „den Großen Sprung nach vorn“ ausgelöste Hungersnot.
Besonders überrascht den westlichen Beobachter wahrscheinlich die Gleichgültigkeit der Chinesen: Im Jahr 2009 blickt China in die Zukunft, ist optimistisch – zumindest in den Städten, in denen sich die Lebensbedingungen in den letzten 20 Jahren spektakulär verbessert haben. Eine junge, 25 jährige Frau hat die aktuelle Geisteshaltung in China so zusammengefasst. Sie fand, es sei „einfach, sich über Google zu informieren“ und sagte mir in bestem Englisch: „Ich bin mit meinem Leben zufrieden. Natürlich könnte es noch besser sein, aber ich wüsste nicht, warum ich wütend sein sollte. Es geschieht so viel Positives in diesem Land...“







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