Kerstin Kilian leidet unter dem Tourette-Syndrom. Angefangen haben die Tics bei ihr im Alter von 8 Jahren, mit Augenzwinkern, Grimassieren und Kehlkopfgeräuschen. Später kam noch ein Schlagtic in den Bauch dazu. Lange wussten weder Kerstin noch ihre Eltern die merkwürdigen Grimassen und Bewegungen zu deuten. Doch irgendwann war offensichtlich, dass sie buchstäblich anders ‚tict’ als gesunde Menschen. Erst das Malen brachte ihr etwas Selbstvertrauen zurück. Bis heute trifft sie bei anderen nur auf Unverständnis. Viele Menschen können einfach nicht begreifen, dass die Betroffenen ihren Tics regelrecht ausgeliefert sind.Wie Prof. Bernd Gallhofer von der Uniklinik Gießen erklärt, ist die Ursache des Tourette-Syndroms nach wie vor unbekannt: "Wir wissen nur, dass Tourette dort entsteht, wo das Gehirn die Bewegung gestaltet. Dort scheinen zwei Botenstoffe vermindert zu sein. Sicher wissen wir lediglich, dass Tourette-Betroffene diese merkwürdigen Bewegungen nicht willentlich gestalten."
Die Krankheit macht ein normales Leben unmöglich. Zwar versucht Kerstin, ihre Tics vor anderen zurückzuhalten. Doch das gelingt nur für kurze Zeit. Dann muss sie regelrecht "austiccen", also ihren Zuckungen, Grimassen und Lauten freien Lauf lassen: "Ich ticce mich richtig aus, wenn ich alleine zu Hause bin. Die richtigen, heftigen Tics bekommen eigentlich nur meine engsten Freunde mit, also meine beste Freundin oder mein Mann."
Ganz entscheidend ist es daher, dass die Betroffenen einen Raum zu ihrer Verfügung haben, wo sie ganz gezielt "abticcen" können, damit sie danach für eine gewisse Zeit in ihrer Motorik ruhiger sind.
Die verordneten Medikamente bringen Kerstin keine Besserung, im Gegenteil. Die junge Frau nimmt enorm zu, wird apathisch - steht immer neben sich. Mit 29 Jahren wird sie in Rente geschickt. Die Tics sind bei ihr inzwischen gefährlich heftig. Vor allem durch den Schlagtic versetzt sie sich häufig gefährliche Verletzungen. Hinzu kommen noch zwei Fehlgeburten. Kerstin und ihr Mann wollen ein Kind adoptieren, doch wegen Kerstins Krankheit werden sie immer wieder vertröstet. Mit Mitte 30 hat die junge Frau plötzlich das Gefühl, vor dem persönlichen Aus zu stehen. Die Perspektive eröffnet sich, als Kerstin ein Fernstudium zur Journalistin macht. Sie schreibt viel: über ihre Krankheit und schließlich sogar einen Roman. Nach und nach lernt sie, mit der Tourette-Störung zu leben. Denn diese wird sie ein Leben lang begleiten.
Inzwischen nimmt sie keine Medikamente mehr und versucht, ihren Tics mit Entspannung zu begegnen. Ein großer Rückhalt ist ihr Mann. Hat er sie im Visier, braucht sie sich nicht zu verstellen. Denn für ihn ist Kerstin trotz ihrer Tics ein ganz normaler Mensch.
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HIPPOKRATES - Gesundheitsmagazin Wiederholung vom 07. September 2004 um 14.45
Redaktion: Heidemarie Petters Koproduktion ZDF -ARTE G.E.I.E.






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