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Interview - 29/08/08

Tierklon im Dienste des Menschen

Das Klonen von Menschen mag ferne Zukunftsmusik sein, Tiere werden schon seit Jahren geklont. Auch in Deutschland. Ein Gespräch mit Professor Eckhard Wolf, Tiergenetiker an der Ludwig Maximilian Universität München.

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  • Artensterben - Gesprächsrunde

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ARTE: Herr Professor Wolf, zu welchem Zweck klonen Wissenschaftler Tiere?
Prof. Dr. E. Wolf: Anfangs war da in erster Linie die Faszination, dass es überhaupt funktioniert! Vor allem aber ist das Klonen bisher das einzige Verfahren, mit dem wir Nutztiere gezielt genetisch modifizieren können, beispielsweise um therapeutische Proteine in der Milchdrüse von Kühen herzustellen. Das Klonen ist ein extrem eleganter Ansatz, weil man keine tierischen Embryonen benötigt, von denen es erstens nur wenige gibt und die zweitens nicht gezielt modifizierbar sind. Stattdessen führt man die genetische Modifikation an Zellen durch, die im Labor in unbegrenzter Menge gezüchtet werden können.

Und diese Zellen mit dem genetisch veränderten Erbgut werden dann in unbefruchtete Eizellen übertragen ...
… und in den Uterus eines Tieres eingepflanzt, das den Embryo austrägt. Genau so, wie 1996 das erste Klonschaf, Dolly, entstanden ist. Das Klonen ist aber nicht nur relevant für diesen Bereich des so genannten Genefarmings, sondern auch für andere Felder. Zum Beispiel für die Xenotransplantation, das heißt, die Verwendung von tierischen Geweben als Ersatz für erkranktes Gewebe von menschlichen Patienten, wie Herz oder Leber. Oder für die translationale Forschung, bei der neue Medikamente an Tiermodellen getestet werden können. Da denke ich in erster Linie an das Schwein, das dem Menschen in vielen physiologischen und anatomischen Merkmalen sehr ähnlich ist.

Heißt das, Sie klonen Schweine mit einem bestimmten am Menschen vorkommenden genetischen Defekt und testen an ihm Medikamente?
Genau. Es geht darum, tierische Modelle zu haben, die die zentralen Aspekte einer Erkrankung möglichst exakt widerspiegeln. Die Notwendigkeit wird deutlich, wenn man sich klar macht, dass die klinische Testung der Wirksamkeit eines Medikaments zwischen 30 und 100 Millionen Dollar kostet. Wenn die Nicht-Wirksamkeit eines Medikaments schon vorher an Tiermodellen bewiesen wird, kann man enorm viel Geld und Potential sparen, das dann schon wieder in die Entwicklung neuer Substanzen investiert werden kann. Das ist meines Erachtens eine extrem wichtige Zielsetzung, die wir in unserem Labor derzeit mit größtem Nachdruck verfolgen.

Kühe, die Milch mit einem besonderen Protein produzieren - wird so etwas denn schon gemacht?
Dieses Konzept ist uralt, das erste Patent geht auf das Ende der 1980er-Jahre zurück. Damals konnte man zwar noch nicht klonen, das Prinzip des Genefarmings gab es aber bereits. Das Prinzip ist sinnvoll, da die Milchdrüse von Nutztieren sowieso darauf angelegt ist, große Mengen an Protein zu produzieren. Einer genetisch veränderten Kuh ist es letztlich egal, ob sie in ihrer Milch einen Blutgerinnungsfaktor oder irgendein anderes Enzym produziert, solange ihr dieses Protein nicht schadet. Das ist natürlich Voraussetzung.

Ein Blutgerinnungsfaktor in der Milch, was gibt es noch?
Es gibt etwas ganz Attraktives: ein Protein, mit dem man Blutgerinnsel auflösen kann. Es wird in transgenen Ziegen hergestellt.

Wie kann man sich das vorstellen, trinken die Patienten dann die Milch dieser Tiere?
Nein, würden wir es einfach trinken, ginge das Enzym kaputt. Der Patient kann es zum Beispiel in Form von Tabletten einnehmen.

Wir haben über das Klonen von Tieren für die medizinische Forschung und die Pharmaindustrie gesprochen. Neben den Wissenschaftlern klonen aber auch immer mehr Tierzüchter Tiere – warum klont man Nutztiere?
Die Tierzucht basiert auf der Selektion und Vermehrung herausragender Tiere, daran hat sich seit der Domestikation der Tiere vor mehr als 10 000 Jahren nichts geändert. Das Klonen ist heute eine Art Versicherung. Wenn ein Züchter zum Beispiel einen besonders wertvollen Bullen hat, kann er durch das Klonen sicherstellen, dass diese wertvolle genetische Konstellation des Bullen erhalten bleibt. Das ist der eigentliche Grund, warum Züchter ihre Tiere klonen. Ich glaube nicht, dass es tatsächlich dazu kommen wird, dass Tiere zur Fleisch- oder Milcherzeugung geklont werden, das wäre viel zu teuer.

Was kostet es im Durchschnitt, ein Rind zu klonen?
Das kommt ganz darauf an, wo man es macht und wer es macht. Wenn wir ein Rind in China klonen, kostet es wahrscheinlich fünf Prozent von dem, was es bei uns kosten würde. Also ich würde in Deutschland auf jeden Fall mit 15 000 bis 30 000 Euro rechnen. Das lohnt sich natürlich nicht für die Massenproduktion.

Könnten wir bald auch unsere Haustiere klonen lassen?
In den USA gibt es bereits Unternehmen, die Haustiere klonen. Für eine Katze bezahlen die Kunden leicht einmal 50.000 Dollar. In Deutschland gibt es solche Unternehmen nicht. Dabei wird von den Katzenliebhabern nicht beachtet, dass die geklonte Mieze keine identische Kopie der geliebten Vorlage sein wird.

Sind nicht alle Klone genau gleich?
Klone sind so gleich wie eineiige Zwillinge. Das heißt, sie sind sich extrem ähnlich, bleiben aber zwei ganz verschiedene Individuen. Das hat etwas mit Erziehung zu tun, die Sie ja bei der Kopie Ihrer Lieblingskatze nicht genau so durchführen können wie bei der ersten Katze. Dazu kann es durch epigenetische Veränderungen, also durch die veränderte Anordnung der DNS in der Zelle, auch zu prägnanten äußeren Veränderungen kommen. Das bedeutet nicht unbedingt, dass die Tiere krank sind, aber sie können zum Beispiel ganz unterschiedlich gefärbt sein.

Wenn immer mehr Tiere aus ein und derselben genetischen Information geschaffen werden, leidet dann längerfristig nicht die genetische Vielfalt darunter?
Wenn sich das Klonen in dem jetzigen Ausmaß hält, hat das überhaupt keinen Einfluss auf die genetische Vielfalt. Zudem hat ein Tierzüchter gar kein Interesse daran, die Tierzucht auf Klonen umzustellen. Die Tierzucht lebt ja gerade vom genetischen Fortschritt, von der Neumischung der Gene. Mit dem Klonen können Sie
nur etwas Existierendes reproduzieren. Im Falle eines besonders wertvollen Bullen kann das sinnvoll sein, andererseits möchte man niemals auf diesem Niveau stehen bleiben.

Das gegenteilige Schreckensszenario ist, dass wir durch das Klonen längst ausgestorbene Tiere wieder zum Leben erwecken können. In den USA ist bereits ein Freizeitpark mit Urzeittieren geplant. Droht „Jurassic Park“ Realität zu werden?
Das sind Projekte, mit denen man viel Publicity und viel Geld erzielen kann, die aber eigentlich völlig sinnlos sind, denn was nützt es Ihnen, wenn Sie ein Mammut klonen? Selbst wenn es funktionieren würde, was machen Sie dann damit? Das führt zu nichts. Auch bei Tierarten oder Rassen, die vom Aussterben bedroht sind, bin ich skeptisch. Die sind ja nicht grundlos vom Aussterben bedroht, sondern weil sich ihre Lebensbedingungen dahingehend geändert haben, dass sie damit nicht mehr zurecht kommen. Durch das Klonen einiger Exemplare wird das Problem der Lebensbedingungen nicht gelöst.

In den USA ist seit Januar 2008 der Verkauf von Milch und Fleisch geklonter Tiere in den Läden erlaubt, in Europa wird das gerade diskutiert. Die Gegner einer solchen Erlaubnis führen als Argument an, dass man die Spätfolgen noch nicht einschätzen kann.
Also ich würde ganz klar sagen, dass Produkte von Klontieren ungefährlich sind. Jedes Klontier wird, wie jedes normale Schlachttier auch, gründlich untersucht. Wenn bei diesen Untersuchungen irgendetwas auffällig ist, wird dieses Tier aus der Schlachtkette aussortiert. Trotzdem sollte aus meiner Sicht der Verbraucher darüber informiert sein, dass es sich um ein Produkt von Klonen handelt. Bei der nächsten Generation hätte ich überhaupt keine Bedenken, sie ungekennzeichnet in die Nahrungskette zu geben. Klonfleisch hat nichts Magisches, das ist ganz normales Fleisch.

Ethische Bedenken werden auch immer dahingehend geäußert, dass die Erfolgsrate beim Klonen nach wie vor gering ist und nur etwa zehn Prozent der Embryonen tatsächlich lebend zur Welt kommt.
Das stimmt und deshalb muss es einen besonderen Sinn haben, ein Tier zu klonen. Der Verein Mukoviszidose e.V. hat uns beispielsweise vor kurzem ein Projekt finanziert, in dem wir versuchen, diese Erbkrankheit im Schwein so zu rekonstruieren, dass neue Therapieverfahren entwickelt werden können. Mukoviszidose ist die häufigste Erbkrankheit beim Menschen, die Menschen leiden schrecklich. Um dafür eine Therapie zu finden, ist meines Erachtens der Einsatz des Klonens gerechtfertigt, ich würde fast sagen ethisch gefordert.

Das Interview führte Corinna Daus.
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Welt am Abgrund? Die zerstörte Arche
25.03.2008, ab 21.00 Uhr
Wiederholung am 28.03.2008 ab 09.55 Uhr
Themenabend, ZDF, 120 Min.

Erstellt: 20-03-08
Letzte Änderung: 29-08-08