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Berlinale 2009

Verfolgen Sie vom 05. bis 15. Februar mit ARTE und arte.tv das Tagesgeschehen eines der bedeutendsten Filmfestivals der Welt.

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Berlinale - Jury 2009 - 05/02/09

Tilda Swinton - Der Engel des Bizarren

Mit ihrer faszinierend androgynen Erscheinung hat Tilda Swinton schon früh auf sich aufmerksam gemacht und einen ebenso radikalen wie ungewöhnlichen Weg eingeschlagen, den sie unbeirrt fortsetzt. Ob im Independent-Film, ob in einer Hollywood-Rolle als böse Schneekönigin oder nun auf der Berlinale als Jury-Vorsitzende – Lady Swinton schreckt vor nichts zurück.

  • Interview mit Tilda Swinton

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Interview mit Tilda Swinton
über "The Man From London" von Béla Tarr
Interview: Olivier Bombarda (Cannes 2007)

Ob in Cannes oder Venedig mit einem Glas Champagner in der Hand – die hochgewachsene Tilda hebt sich überall von der Masse ab. Als diesjährige Jury-Vorsitzende der Berlinale wird die außergewöhnliche Schauspielerin zehn Tage lang auf dem roten Teppich des Potsdamer Platzes wie bei den Filmvorführungen am Vormittag Furore machen. Ihre feuerrote Mähne kontrastiert mit dem blassen, fast wimpern- und brauenlosen Gesicht, das an ein flämisches Porträtgemälde erinnert. Mit männlicher Nonchalance trägt Tilda Swinton oft Herrenanzüge, z.B. himmelblaue Smokings passend zu ihrer Augenfarbe. Eine topmoderne Spielart von Marlene Dietrich in Josef von Sternbergs „Marokko“. In der letzten Vanity-Fair-Ausgabe rangiert sie unter den zehn bestgekleideten Frauen der Welt. Sie steht dem Designerduo Viktor & Rolf nahe, fühlt sich aber nicht als dessen Muse, entzieht sich der Modewelt und bezeichnet ihre beiden Freunde als virtuose Wissenschaftler, die Stofforganismen sezieren. Tilda Swinton behauptet zwar, sie verstehe nichts von Mode, trägt aber manchmal gewagte, destrukturierte Kreationen oder skulpturale weiße Faltengewänder wie eine Yves-Saint-Laurent-Göttin. Ob als Ritter oder Hohe Dame, ihr Minimalismus ist unnachahmlich: Tilda bleibt Tilda. Wegen dieser vollendeten Androgynie – sie wird oft versehentlich „Herr Swinton“ genannt – besetzt man sie im Film oft als phantastische Gottheit (Erzengel Gabriel in „Constantine“ oder Weiße Hexe in „Narnia“). In Sally Potters Film „Orlando“ nach dem Roman von Virginia Wolf spielte sie ein Wesen, das sich im Laufe der Jahrhunderte von einem Mann in eine Frau verwandelt. Diese Transgender-Rolle verhalf ihr zum Durchbruch.

Lady Tilda, das Schwert und die Rüstung
Sie wurde 1960 in eine der ältesten, bis aufs 9. Jahrhundert zurückgehenden Adelsfamilien Schottlands hineingeboren. Damit war sie eigentlich für ein Leben in der High Society vorbestimmt. Ihr Vater, ein Generalmajor, schichte sie auf eine Privatschule, die zur selben Zeit auch von der zukünftigen Lady Di besucht wurde. Mit trockenem Humor erklärte Tilda im Guardian, ihre Eltern hätten sich dennoch bald damit abfinden müssen, dass sie keinen Herzog heiraten würde. Nach dem Studium der Politischen Wissenschaften in Cambridge und Auftritten bei der Royal Shakespeare Compagny entschied sich die unangepasste Tilda für eine Schauspielerlaufbahn außerhalb des Mainstreams und entwickelte sich zu einer Ikone des englischen Films. Sie wurde die Punk-Muse ihres Freundes, des genialen Filmregisseurs Derek Jarman, der 1997 starb. Mit ihm drehte sie sieben Filme, darunter „Caravaggio“, „Edward II“ und „The Last of England – Verlorene Utopien“. Die äußerst wandlungsfähige Schauspielerin kann absolut alles spielen, vor allem sehr schwierige, ausgefallene und unerwartete Rollen wie die einer mit Inzest konfrontierten Mutter in „The War Zone“ oder die einer depressiven Gothic-Frau in „Broken Flowers“. Sogar im Medienrummel der Festivals verteidigt sie die Regisseure, mit denen sie gearbeitet hat, mit unerschütterlicher Treue. Im letzten Jahr parierte sie Angriffe auf Béla Tarrs radikalen und stark abgelehnten Film „The man from London“ mit dem Argument, Tarr sei ein „mittelalterlicher Proto-Punk-Regisseur“. Auch ihr Privatleben erregte in der britischen Yellow Press Aufregung, als sie schlicht und einfach zugab, sie teile ihre Zeit zwischen ihrem Geliebten, dem deutschen Maler Sandro Kopp, mit dem sie verreise, ihrem Ehemann, dem Künstler John Byrne, und ihren Zwillingen Xavier und Honor, mit denen sie in Schottland lebe. Sie folgt ihrem eigenen Verhaltenskodex, in dem eine Hauptregel gilt: Die Kunst hat immer den Vorrang vor dem Ruhm. Für ihre Rolle als Staatsanwältin in dem in der Geschäftswelt spielenden Thriller „Michael Clayton“, in dem sie neben George Clooney auftrat, wurde sie mit dem Oscar für die beste weibliche Nebenrolle ausgezeichnet. Sie spielt auch in David Finchers letztem Film „The Curious Case of Benjamin Button“ (mit Brad Pitt und Cate Blanchett), in „Julia“ von Eric Zonca, in „Burn after Reading“ der Coen-Brüder und demnächst in „Limits of Control“ von Jim Jarmusch. Aber eine dramatische Figur, an der sie die ganze Bandbreite ihrer Kunst zeigen kann, findet sie sicherlich in der grausamen Lady Macbeth, die sie in John Mayburys geplanter aktueller Shakespeare-Neufassung „Macbeth“ verkörpern wird. Tilda Swinton hat keinen Herzog geheiratet, aber sie hat sich als Künstlerin verdient gemacht. Eine Underground-Kaiserin.

Delphine Valloire

Erstellt: 28-01-09
Letzte Änderung: 05-02-09