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Ein neues altes Buch - 01/04/04

Uwe Timm: Morenga

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Uwe Timm, Jahrgang 1940, ist sicher ein Alt-Achtundsechziger – aber keiner von denen, die sich dann auf den „Marsch durch die Institutionen“ gemacht haben, zu den Schalthebeln der Macht. Eher einer, der schon damals – bei aller Entrüstung über die Verlogenheit des Establishments und dessen Fähigkeit zu verdrängen – sensibel geblieben war für seine Zweifel an dem, was seine Mitstreiter so sicher zu wissen glaubten und so dampfwalzenartig durchzusetzen versuchten.

Natürlich war er Kommunist und kennt seinen Marx und hat Engels und Lenin studiert und alle ihre ideologischen Nachfolger. Das hat aber nie dazu geführt, dass er selber blinder Ideologe wurde. Dazu ist er zu sehr Literat, Schriftsteller, der immer versucht hat, seine intellektuellen Erlebnisse auch literarisch zu verarbeiten, Geschichten zu erzählen, von Menschen. Und die lassen sich, wenn sie leben sollen, eben nicht in ein Schema pressen, auf Linie. Die folgen nicht der Logik einer Ideologie, sondern reagieren und handeln irrational, unerklärlich.

Wie sein Bruder übrigens: In seinem neuesten Buch „Am Beispiel meines Bruders“ setzt sich Uwe Timm mit dem sehr kargen Tagebuch seines 16 Jahre älteren Bruders auseinander, der freiwillig zur Waffen-SS gegangen war und in der Ukraine im Lazarett starb. Es kennzeichnet Uwe Timm, dass er dieses Buch erst schreibt, nachdem niemand aus der Familie mehr am Leben ist, der durch seine Aufarbeitung der Nazizeit an diesem Beispiel verletzt werden könnte. Nur so hat er die Freiheit, sein Entsetzen über die Gefühllosigkeit mancher Tagebucheintragung seines Bruders auch ausdrücken zu können, seine Ratlosigkeit über dessen unterdrückte Verzweiflung, die er erst ganz zum Schluss und sehr verschlüsselt äußert.

Über Uwe Timms jüngstes Buch ist genügend geschrieben worden, seit Monaten steht es auf den Bestsellerlisten. Es hat mich aber an ein sehr viel früheres Buch von Uwe Timm erinnert, an „Morenga“, aus dem Jahr 1978, das für uns Deutsche in diesem Jahr 2004 hochaktuell ist, weil es sich auseinandersetzt mit dem so blutig niedergeschlagenen Aufstand der Hottentotten und Hereros gegen die deutschen Kolonialherren in Deutsch-Südwestafrika vor genau einhundert Jahren. Es war der deutsche Generalleutnant von Trotha, der mit unbeschreiblicher Brutalität den dreijährigen Guerillakrieg beendete. Man schätzt, dass etwa 80 % der Herero-Bevölkerung und rund 50 % der Nama bei diesem ungleichen Krieg ihr Leben ließen. Viele andere kamen in Konzentrationslager. Historiker sprechen von einem ersten Genozid.

Es ist typisch für Uwe Timm, dass er in den siebziger Jahren, nach dem Ende der achtundsechziger Euphorie, anfing, sich mit dem Kolonialismus auseinander zu setzen; und das nicht modisch mit dem der Franzosen, Briten oder Amerikaner, sondern mit der kurzen Phase des deutschen Kolonialismus, vor allem in Afrika. Da gab es viel Romantik und viel Verherrlichung, von Lüderitz bis Karl Peters, aber wenig Konkretes. Uwe Timm beschreibt die Ereignisse äußerst sachkundig, er muss akribisch recherchiert haben. Man stößt immer wieder auf Hinweise zu den Quellen.

Das Besondere an seinem Buch ist die gelungene Kombination aus Authentizität dieser Beschreibung und dem wunderbar fabulierenden Ausfüllen der Räume dazwischen mit dem, was die Menschen damals gedacht, gefühlt, geahnt haben könnten. Und das war eben nicht der klassische Hauruck-Patriotismus – den gab’s natürlich auch in hinreichender Menge – sondern das war Ausbrechen aus der Enge des wilhelminischen Reiches, das war Not und das war Abenteurertum. Und es waren die immer wieder durchbrechenden Zweifel, ob das denn Recht sein konnte, was da mit den Eingeborenen geschah: den Eingeborenen, die man eigentlich als harmlos gutmütige, nomadisierende Viehzüchter, ungewöhnlich lernwillig und voller Respekt gegenüber den weißen Neuankömmlingen kennen lernte und die sich lange nicht dagegen wehren konnten, dass man ihnen ihre Weidegründe und ihr Vieh wegnahm.
Wunderbare Menschen führt Timm da ein, den Unterveterinär Wenstrup, den Oberveterinär Gottschalk. Der eine verschwindet eines Tages aus Südwest und aus der Geschichte, weil er vielleicht wegen des penetranten Zeigens seiner Zweifel von irgendwem ermordet wurde oder es einfach nicht mehr aushält, mit den Widersprüchen zu leben. Der andere, Gottschalk, bleibt uns erhalten, wird immer sonderlicher, schöpft immer wieder Hoffnung, träumt und hört sich die Zweifel der anderen an. Oder der clevere, total verrückte Schnapshändler Klügge und sein überdimensionales Schnapsfass, an dem sich die Mechanismen der Abhängigkeit der Eingeborenen wunderbar festmachen lassen.
Und die zackigen und manchmal gar nicht zackigen Militärs. Militärische Ordnung in einem sich dieser Ordnung entziehenden Land. Und da kämpfen sie nun und verlieren sich in der Landschaft, in der flirrenden Trockenheit. Morenga, der dem Buch seinen Titel gibt, ist Anführer der Aufständischen, aber er tritt kaum in Erscheinung, nur hin und wieder in den Kämpfen, vor allem aber als Mythos, der sich dem Zugriff der Deutschen und der Briten immer wieder entzieht, bis er schließlich auf der Flucht durch die Kalahari erschossen wird.
Kein lautes, aufdringliches Buch, sondern eines von großer, erzählerischer Kraft, von leiser Ironie und voller Liebe zu den Menschen, die darin vorkommen – die Geschichte vom Aufstand der Hottentotten und Hereros in Deutsch-Südwestafrika vor hundert Jahren.

Von Peter Wien
(verantwortlich für Metropolis, das Kulturmagazin von ARTE)

Hören Sie hier eine Leseprobe aus "Morenga" gelesen von Peter Wien.

Erstellt: 27-05-04
Letzte Änderung: 01-04-04


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