Mang'Arte: TOKYOPOP ist die neu gegründete deutsche Niederlassung des US-amerikanischen Marktführers im Bereich Manga. Wie kam es zu dieser Gründung?
Als Stuart Levy und John Parker, die das Unternehmen in den USA leiten, durch meinen alten Arbeitgeber Carlsen darüber informiert wurden, dass ich das Unternehmen verlasse, haben sie mich zwei Tage später zu Hause angerufen und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, TOKYOPOP Deutschland aufzubauen. Da ich die Aktivitäten und das Image von TOKYOPOP immer sehr geschätzt habe, habe ich einem Treffen natürlich gerne zugestimmt. Wir haben uns dann Mitte Januar eine Woche lang in L.A. in einen Raum eingeschlossen, an einem Konzept für die deutsche Niederlassung gearbeitet und das Geschäftsmodell durchgerechnet. Als ich nach Deutschland zurückgeflogen bin, stand bereits fest, dass wir im Oktober das deutsche Programm lancieren werden.
Mang'Arte: Bis Ende des letzten Jahres waren Sie Verlagsleiter von Carlsen Comics und haben dort erfolgreich am Aufbau des Mangaprogramms mitgewirkt. Nun stellen Sie sich einer neuen Herausforderung. Ein Neuanfang oder die natürliche Entwicklung ihrer Laufbahn?
Eigentlich beides zugleich. Ich musste im Herbst vergangenen Jahres ja leider feststellen, dass die konsequente Weiterentwicklung des Weges, den Carlsen in den Jahren zuvor mit Comics und vor allem auch mit Manga gegangen war, dort einfach nicht möglich war. Die Geschäftsführung will – und das ist ja auch ihr gutes Recht – andere Prioritäten setzen und weiterhin stärker in den Bereich Kinderbuch investieren. Um das Potenzial von Manga in unserem Markt wirklich auszuschöpfen, muss man aber medienübergreifend denken, und diesen Schritt wollte oder konnte die Leitung von Carlsen eben absehbar nicht gehen. Kurzum: Der Neuanfang war nötig, um die natürliche Entwicklung meiner Laufbahn fortzusetzen.
Mang'Arte: TOKYOPOP ist mit einem Marktanteil von über 50% der Marktführer in Sachen Manga in den Vereinigten Staaten. Werden Sie die amerikanische „Erfolgsstrategie“ einfach übernehmen oder mit TOKYOPOP Deutschland ihre eigenen Wege gehen?
Die TOKYOPOP GmbH agiert völlig unabhängig von den USA. Nicht nur, weil manche der Themen des amerikanischen Katalogs in Deutschland in anderer Hand sind, sondern auch, weil wir hierzulande ja in einer ganz und gar anderen Marktsituation starten als es seinerzeit für TOKYOPOP Inc. der Fall war. Während im Bereich Manga der Markt in Deutschland ja schon recht gut entwickelt ist, hinken wir bei Anime deutlich hinter anderen Ländern her. Zudem gibt es deutliche Unterschiede hinsichtlich des Erfolgs bestimmter Themengebiete in den beiden Märkten, denen man Rechnung tragen muss. Trotz allem werden wir aber auch versuchen, Synergien aus dem TOKYOPOP-Netzwerk zu ziehen, wo dies möglich ist. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Es gibt natürlich einen sehr engen Austausch von Informationen zwischen den Büros in Los Angeles, Tokyo, London und Hamburg, der für alle Seiten sehr hilfreich ist. Auch können wir unseren Autoren und Zeichnern in Zukunft Plattformen in mehreren Märkten bieten, was den Aufbau eigener Themen enorm erleichtert.
Mang'Arte: Welche Ziele haben Sie?
Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, dass der deutschen Markt für Manga die nächste Stufe seiner Entwicklung erreichen kann, was auf Dauer ohne die bereits erwähnte stärkere Vernetzung verschiedener Medien nicht möglich ist. Wir wollen Manga aus der Nische herausführen, in der sie trotz aller Hypes der letzten Jahre noch immer stecken. Und wir wollen daran mitwirken, dass Manga so alltäglich und normal wie alle anderen Medien werden, indem wir thematisch Bereiche erschließen, die in Japan ganz selbstverständlich, im Angebot in Deutschland aber noch komplett unterentwickelt sind.
Mang'Arte: Welche Rolle spielt ein neuer Verlag für den deutschen Mangamarkt?
Ich denke, er kann für das gesamte Feld eine deutlich belebende Rolle spielen. In den letzten beiden Jahren drohten die Aktivitäten der beiden großen Verlage im Bereich Manga meines Erachtens immer schematischer und starrer zu werden, was natürlich einfach daran liegt, dass man bestimmte Teile des Lizenzkuchens – unter anderem auch durch die Magazine – mehr oder minder klar untereinander aufgeteilt hatte und dadurch gar nicht mehr so viel Bewegung entstehen konnte. Hier kann und muss ein neuer Verlag beweglicher sein, wenn er seinen Platz erobern will. Und natürlich müssen wir in den ersten beiden Jahren auch lauter trommeln als andere, um in einem heute doch deutlich volleren Markt das nötige Gehör für unser Programm zu finden. Davon können am Ende alle profitieren. Es ist ja nicht nur eine Redewendung, dass Konkurrenz das Geschäft belebt.
Mang'Arte: Im Oktober soll auf der Frankfurter Buchmesse ihr erstes Programm vorgestellt werden. Können Sie uns ein bisschen mehr darüber verraten?
Für das erste Programm haben wir eine Mischung gebaut, die bei Manga und Manhwa einen klaren Schwerpunkt auf moderne, alltagsbezogene Stoffe legt. Dieses Feld wurde bislang viel zu wenig bedient, obwohl es in allen anderen Medien eigentlich das dominierende ist, wenn man sich Phänomene wie „GZSZ“ oder „Berlin, Berlin“ anschaut. Das heißt nun nicht, dass es bei uns nicht auch Fantasy und SF geben wird, aber die Mehrzahl der Serien ist eben im Hier und Heute von Jugendlichen unserer Zeit angesiedelt.
Besonders stolz sind wir angesichts der kurzen Zeit der Vorbereitung des deutschen Labels auf unsere Projekte mit deutschen Zeichnern. Dieses Segment soll in den kommenden Jahren stark ausgebaut werden, nicht unbedingt nur mit Manga. TOKYOPOP kann alles sein, was man unter moderner, visueller Unterhaltung verstehen kann, also auch Comic, Cartoon oder illustrierter Roman.
Mit den CineMangaTM eröffnen wir schließlich ein Programmsegment, das sich in den USA und Großbritannien als gigantischer Erfolg erwiesen hat. Hier werden erfolgreiche TV- und Film-Themen mit Hilfe von Videograbs als Comic umgesetzt. In dem Segment sind die Inhalte zunächst vorwiegend amerikanischen Ursprungs.
Mang'Arte: Welche Titel haben Sie vor zu publizieren?
Das komplette Programm kann man sich Anfang August unter www.tokyopop.de anschauen und bereits jetzt in ersten Teilen im Forum auf www.comicsinleipzig.de mit den Verlagsmitarbeitern diskutieren. Highlights der Startprogramms werden unter anderem sein: Die TOKYOPOP-Eigenentwicklung PRINCESS AI, an deren Konzeption unter anderem Courtney Love und Ai Yazawa beteiligt waren, Peach-Pits neue Serie DEAR S, die beiden koreanischen Hits I.N.V.U. und DEMON DIARY, das Projekt CONFIDENTIAL CONFESSIONS von Reiko Momochi, der einzigartige Musik-Manga BECK von Harold Sakuichi oder der CineManga zu SPONGEBOB. Ich finde, es ist ein sehr cooles und modernes Programm geworden, dass neue Akzente für den deutschen Markt setzt und klar zeigt, dass wir uns als Ergänzung zu bestehenden Angeboten sehen und nicht um bereits bespielte Felder kämpfen wollen.
Mang'Arte: Wie sieht es mit Eigenproduktionen und deutschen Manga-Autoren aus?
Hier sind wir ganz besonders stolz, dass wir es trotz der kurzen Vorbereitungszeit geschafft haben, schon im ersten Programm mit zwei Bänden zu zeigen, dass uns deutsche Autoren wichtig sind. Zum einen haben wir die Ehre, Christina Plakas neue Reihe YONEN BUZZ verlegen zu dürfen, zum anderen präsentieren wir einen Sampler mit Kurzgeschichten aus der Feder von acht außerordentlich talentierten jungen Zeichnern, die alle eine Geschichte zu einem gemeinsamen Thema beigesteuert haben. In den kommenden Programmen sollen diese Aktivitäten deutlich noch weiter ausgebaut werden.
Mang'Arte: In anderen Ländern (wie Frankreich zum Beispiel) gibt es um einiges mehr Verlage die Manga publizieren. Woran liegt das?
Zum einen daran, dass der deutsche Markt in Sachen Comics schon immer etwas zäher war als andere europäische Länder. Im Prinzip dominieren seit über zehn Jahren die beiden großen Verlage relativ unangetastet das gesamte Feld, auch wenn es zwischenzeitlich mit Dino einmal so aussah, als würde sich dies ändern. Zum anderen spielt es eine Rolle, dass sich bislang die kleineren Verlage nicht so recht an Manga herangetraut haben, was mir schon lange unverständlich ist. Auch in Frankreich sind ja nicht alle Anbieter unbedingt große Verlage. Mit ersten Projekten bei Reprodukt oder Achterbahn scheint sich das nun aber auch bei uns zu ändern. Und es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass TOKYOPOP nicht der letzte Verlag sein wird, der nun in das Feld Manga einsteigt. Uns wäre das durchaus recht, weil der Markt dringend mehr Bewegung braucht.
Mang'Arte: TOKYOPOP verbindet drei Kontinente: Eine deutsche, japanische und amerikanische Filiale. Verschiedene Kulturen treffen nicht nur aufeinander sondern arbeiten auch zusammen...Das verspricht neue Impulse und Synergieeffekte!
Besonders spannend sind in der Tat die Möglichkeiten der die Kontinente und Medien übergreifenden Projekte. Dass Courtney Love und Ai Yazawa eine Idee kreieren, die von TOKYOPOP Inc. umgesetzt und in Japan in einem Magazin vorabgedruckt wird, zeigt spannende Perspektiven für die Zukunft auf. Und in den letzten Monaten ist zwischen Los Angeles, Tokyo, London und Hamburg an einer ganzen Reihe von Ideen gefeilt worden, die diesen Weg fortsetzen und weiter ausbauen sollen. Das ist sicher die spannendste Perspektive, die TOKYOPOP den Autoren und Zeichnern – und damit am Ende durch tolle Projekte auch den Lesern - bieten kann.
Mang'Arte: Sie haben bei den Vorverhandlungen sicher viel mit der amerikanischen und japanischen Filiale zusammengearbeitet. Können sie uns über die Besonderheiten des Mangamarktes in den jeweiligen Ländern berichten?
Das wäre an sich ein Thema für ein separates Interview, weil es hier wirklich eine Menge Unterschiede zwischen den verschiedenen Kulturen und Ländern gibt. Damit meine ich weniger die doch sehr unterschiedliche Größe der Märkte, sondern vor allem das oft grundsätzlich andere Verständnis von der Kreation und Vermarktung von Medieninhalten. Ein Beispiel: In allen drei Ländern hat sich über die Jahrzehnte ein grundsätzlich anderes Verhältnis zwischen Autoren und Verlagen herausgebildet, das enorme Folgen für jedes Detail der Produktion hat. Für einen amerikanischen Verlag ist es zum Beispiel komplett unverständlich, wie viel Freiheit die japanischen Verlage ihren Autoren bei der Gestaltung von Titelbildern einräumen, die in Amerika vor allem als ein Marketinginstrument, nicht aber als Fläche für die Verwirklichung künstlerischer Ideen angesehen werden. Der gesamte Rhythmus der Produktion ist ein völlig anderer, was eben auch zu andersartigen Büchern führt. Einen europäischen Zeichner kann man mit der Ansage, dass man mindestens 30 Seiten im Monat braucht, immer noch ins Koma versetzen, während dies einen japanischen oder koreanischen Zeichner nicht wirklich überraschen würde. Marketing, Vertrieb, redaktionelle Arbeit, eigentlich alles folgt in den drei Kontinenten anderen Regeln. Dabei gibt es keine richtigen und falschen oder guten und schlechten Besonderheiten, sondern eben einfach andere. Wie immer im Leben hat jede Sichtweise ihre Vor- und Nachteile. Und die gemeinsam auszuloten, ist eine spannende Sache. Wir alle bei TOKYOPOP haben den Eindruck, dass wir hier noch sehr viel voneinander und miteinander lernen können.
Mang'Arte: Welches sind für Sie die unentbehrlichen Autoren der Mangawelt?
Eine solche Auswahl ist natürlich immer sehr persönlich geprägt. Für mich sind die drei größten Osamu Tezuka, Akira Toriyama und Ken Akamatsu – aus sehr unterschiedlichen Gründen. Persönlich freue ich mich aktuell aber am meisten auf neue Bände von Erica Sakurazawa und neue Seiten von Christina Plaka, weil beide mich momentan mit ihrer Arbeit komplett fesseln. Erica Sakurazawa, weil sie zeigt, was man mit Manga erzählerisch alles machen kann, was die beste Waffe gegen alle Vorurteile gegenüber dem Medium ist, Chris wegen unserer gemeinsamen Geschichte und weil ich es immer gar nicht fassen kann, wie stark sie sich weiterentwickelt hat, seit wir uns kennen. Das ist jedes Mal der totale Prickel, wenn man einen Umschlag mit neuen Seiten öffnet. Nun hoffe ich sehr, dass es den deutschen Lesern im nächsten Frühjahr genauso ergehen wird und Chris über den deutschen Markt hinaus die Anerkennung finden wird, die sie verdient hat!
Mang'Arte: Herzlichen Dank !
Ich habe zu danken! Viel Glück auch weiterhin mit der Seite!
Das Interview wurde von Julia Neugebauer geführt. Juli 2004.






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