Sugao filmt sich beim nachtanzen der Moves seiner Lieblingsmangafigur Suzumiya Haruhi.
Um die Anonymität zu wahren, wird jeder Neuzugang mit einer Papiertüte über dem Kopf in die Gemeinschaft eingeführt. Etwa 25.000 von ihnen haben bereits „Ja“ gesagt zum mehr oder weniger freiwilligen Single-Dasein. Sie vergeuden ihre Zeit nicht mit dem Kochen eines Candlelight-Dinners oder Hochzeitsvorbereitungen, sondern widmen sich der Lieblingsbeschäftigung eines jeden Himote: Dem Kartenspiel mit dem treffenden Namen “Uno“!
In Japan ist der Weg in die Ehe ein sehr dorniger. Nicht nur, dass die Feier 10- bis 30.000 Euro kostet, junge Japaner werden bei der Suche nach Mr. oder Mrs. Right auch auf Herz und Nieren geprüft und gnadenlos ausgesiebt. Magazine und Ehe-Handbücher verdienen gut am Hindernislauf der Heiratswilligen. Deshalb gehen die Himote in den Widerstand. Ein Mal im Monat treffen sie sich sonntagnachmittags ganz unvirtuell mitten in Shinjuku, dem Yakuza-Viertel Tokios. Hier sind nicht nur Paare unerwünscht, sondern auch Ria-juu, also alle, die mit dem wahren Leben zufrieden sind. Heute fährt Himote-Guru Ega-Chan ein Mörder-Programm auf. Die Himote haben sich als Dozenten den 47-jährigen Pornostar Taka Kato alias “Goldfinger“ eingeladen.
Ega-Chan, 23, Sohn eines zur Polizei konvertierten Ex-Zauberers und einer Kalligrafie-Lehrerin, ist der Papst der Himote. Der Web-Designer und Herrscher über mehr als 100 Websites gründet die erste Liebes-Boykott-Maritmunity Ende 2008 innerhalb eines sozialen Netzwerks. Einzige Beitrittsbedingung: Man muss solo sein. Wer sich verliebt, fliegt! Ein unbeliebter Junge, der allen Verlockungen widersteht, wird zum “Mo-Dan“, die Mädchen zu “Mo-Jo“s. Arbeitslose heißen „Haus-Wächter“ und – das ist das Größte - wer mit dreißig noch Jungfrau ist, wird zum “Maho Tsukai“, also “Zauberer“.
Seine Himote-Plattform hat den Ober-Single zum Star gemacht. Innerhalb weniger Monate stürmen Zigtausende die Website der Maritmunity. Seitdem häufen sich die Seiten mit seinem Konterfei, auf denen man ihn für nur dreißig Euro für ein Nickerchen bei sich buchen, oder sein Gesicht bekritzeln kann.
Aus versierten Tanzmaschinen besteht ein Großteil der Himote-Truppen. Beim Otagei, neben dem Dirty Dancing aussieht, wie Tanztee im Seniorenheim, rekrutiert Ega-Chan neue Mitglieder. Hier werden die Moves der Lieblingssängerin bis ins kleinste Detail nachgetanzt. Choreographien gibt‘s im Internet. Ziel der Übung: dem Idol positive Energie zufließen zu lassen.
Unser Bonusvideo der Woche
Wenn Sugao, 25, gerade keine Tüte auf dem Kopf hat, arbeitet er bei einem großen EDV-Unternehmen. Vor acht Monaten wird er verlassen und depressiv. Zuflucht findet er bei den Himote, denen er sich anschließt. Sugao hat drei Leidenschaften: Mangafiguren basteln, Internet-Pornos gucken und sich in eine Traumfrau verwandeln. Seit er Himote ist, kann Sugao seinen Trieben endlich freien Lauf lassen und seine Lieblings-Manga-Heldin Suzumiya Haruhi imitieren. Es lebe die Freiheit!Sugao tanzt im Subway (stumm)
Links
- Das Himote-Netzwerk (auf japanisch)
- "Japan’s unpopular men and women boycott love"
- Offizielle Website von Ega-Chan
- Otagei-Session auf YouTube
- Otaku au Wikipedia
- "Eine Lebensform der Zukunft? Der Otaku" von Volker Grassmuck
Buch
"Otakismus. Kultur- und Medientheorie"Mediale Subkultur und neue Lebensform - eine Spurensuche
von Michael Manfé
beim Transcript Verlag
Die Möglichkeit, neue Medienwirklichkeiten zu kreieren, verändert die menschlichen Sozialbeziehungen. Selbsteinschließung und Teilnahmeverweigerung avancieren zu einer Strategie der Lebensbewältigung. Meister dieser besonders in Japan in zunehmendem Maße zu beobachtenden Lebensform sind obsessiv-schizophrene Mediennutzer - Otakus genannt.
Erstmals liegt nun eine deutschsprachige Monografie zu Otakismus vor. Durch einen Wechsel des Blickwinkels innerhalb der Studie werden negative Konnotationen aufgezeigt und überholte Sichtweisen verlassen. Denn - so das Credo des Autors - Medientechniken entfremden ihre Nutzer nicht nur, sondern sind auch Bedingung für Freiheit.







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