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Berlin vom 31.01 > 04.02.07 - 15/02/07

tm07 - unfinished

Jens Hauser


Wer zur 20. Ausgabe des internationalen Festivals für elektronische Medienkunst eine Retrospektive erwartet, wird "enttäuscht" – der medienkunsthistorische Überblick über die letzten Jahrzehnte hatte bereits 2006 mit der thematischen Ausstellung "Smile Machines" stattgefunden. Man wird aber durchaus subtil unterstellen können, dass dies mit der konzeptuellen Intelligenz der Veranstalter zu tun hat, einen rückwärts gerichteten Jubiläums-Kult einer Kunstsparte geradezu vermeiden zu wollen, die sich selbst durch ihre ständige Prozesshaftigkeit auszeichnet. "Unfinish!" - bewusst "unfertige" Beiträge stehen in diesem Jahr also im Mittelpunkt. In der Sampling-Kultur der Informations-Endlosschleifen sind Installationen, die einen abgeschlossenen Objekt-Charakter haben, die Ausnahme.

Weitere Artikel zum Thema

Zur Fotogalerie der Ausstellung
Interview mit David Rokeby
Interview mit Stelarc
Interview mit Friedrich Kittler
Die Reportage sehen (real video - 3mn38)
Ausgestrahlt am Freitag, den 02. Februar 2007 bei ARTE Kultur

.Als die Transmediale 1988 als engagiertes Videofestival startete, gab es serienmässig noch keine voll-digitale Editing-Suite, musste man sich auch im Profi-Bereich noch mit schwerfälligen Magnetbandsystemen herumschlagen, bei denen das "Schneiden" durch die notwendigen Kopiervorgänge auch immer eine zusätzliche Cassetten-Generation, und damit Qualitätseinbusse, bedeutete. Dennoch hat gerade die Kultur der Home-Videos durch ihre zunehmende universelle Verfügbarkeit dazu geführt, dass sich die medialen Aufschreibsysteme selbst so stark multipliziert haben, dass die Aura von Bildern in dem Masse zurückging, wie man immer schneller und einfacher Sequenzen überschreiben und beliebig oft reproduzieren konnte.

Insofern lohnt sich ein Blick auf die Entstehungsgeschichte der Transmediale, vom Videofestival zum Festival für Kunst und Digitale Kultur. Gezeigt wird unter anderem die Projektionsreihe "Infermental"– benannt nach dem ersten, vom ungarischen Filmemacher Gabor Body initiierten, internationalen Magazin, das auf Videocassetten vertrieben wurde und darauf Werke von über 600 Videokünstlern zeigte.

"unfinish!" zollt also dieser Palimpsest-Kultur Tribut, welche sich durch die ständige Überschreibung ihrer Inhalte auszeichnen. Medien-Kunst-"Werken" sind heute die ständig mögliche Veränderung und ihre schier endlose Reproduzierbarkeit eingeschrieben. Während früher bei Kopierprozessen immer etwas verloren zu gehen schien, lässt sich heute mitunter argumentieren, dass in den Endlosschliefen immer auch, und vor allem kreativ etwas neues entsteht, wenn Künstler das "Unfertige" stets neu wieder aufgreifen und zitieren.
Dem kreativen Impuls zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit geht der international bekannte Medientheoretiker Friedrich Kittler auf der Transmediale nach. Ausgehend von seinen Gedanken zur Maschinen- und Medientheorie fragt er, welches Wissen in diesem sich ständig erneuernden Prozess in Computern und Algorithmen steckt. ARTE führt mit Friedrich Kittler anlässlich der Transmediale ein exklusives Interview.

Dass das Prozesshafte sich aber längst über die digitale "immaterielle" Kultur hinaus hinweg als Gedankenmuster festgesetzt hat, und sich in der Logik mit den Prozessen unseres eigenen körperlichen Lebens nahekommt, zeigt das neueste Projekt des australischen Medien- und Performance-Künstlers Stelarc, der auf der Transmediale eine besondere Facette seines Konzepts des "Augmented Body" vorstellt: Ein drittes Ohr, nicht jedoch am Kopf angebracht sondern am Oberarm, unter die Haut geschoben und in Form einer Ohrmuschel gezüchtet, die mit Stelarcs eigenen Stammzellen komplett auswachsen soll. Ein richtiges Ohrläppchen soll sich dann noch am Arm ausbilden. Und das Kunst-Ohr wird auch funktionstüchtig sein, Dank eines eingebauten Mikrophons und drahtloser Übertragungstechnik... wenn da nicht die lästigen Infektionen und Körperreaktionen wären, die bei Computer-basierter Medienkunst als Viren auftreten, in ihrer körperlichen Rematerialisierung aber das menschliche Leben des Künstlers selbst zu einem "Work in Progress" machen. ARTE trifft Stelarc anlässlich der Transmediale.

Eine Zyklus schliesst dennoch bei tm*20: Es ist die letzte Ausgabe unter der künstlerischen Leitung von Andreas Broeckmann. Ab 2008 leitet Stephen Kovacs das Festival. Der gebürtige Kanadier war zuletzt Chef-Kurator am V2_Institute for the Unstable Media in Rotterdam.

Fortsetzung folgt, unfinish...
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Das Festival
Transmediale 07 - "Unifinished"
vom 31. Januar bis zum 04. Feburar 2007
in Berlin
>> Offizielle Website der Transmediale

Unser Dossier
>> David Rokeby: Kunst, Computer und Kontrolle
>> Ushi Reiter und Starsky: Nudelsuppe und Vinylknistern
>> Interview mit Stelarc
>> Man wird erwachsen aber nicht alt: "Media Art Undone" – Braucht Medienkunst noch Festivals?
>> MediaArtHistories: Eine andere Kunstgeschichte, herausgegeben von Oliver Grau
>> "MediaArtHistories" - 4 Fragen an Oliver Grau
>> Friedrich Kittler - "Wer seinen Computer noch nie aufgeschraubt hat, dem traue ich einfach nicht!"

Links
>> Transmediale.06 - Zur Ausstellung "Smile Machines"
>> Interview mit Andreas Broeckmann
>> Friedrich Kittler bei der Transmediale
>> Stelarc bei der Transmediale
>> Offizielle website von Stelarc
>> Website von Infermental
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Kultur Digital
Februar 2007
Text von Jens Hauser
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Erstellt: 31-01-07
Letzte Änderung: 15-02-07


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