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03.03.2005 - 23.30 : Tracks - 04/03/05

Tribal - Musikszene Iran

Sounds aus dem Untergrund. Sounds aus der islamischen Republik Iran. Trotz der Schikanen religiöser Tugendwächter hat sich nach 26 Revolutionsjahren eine vitale Underground-Musikszene im Mullahstaat gebildet. Viele Bands fristen vor allem in Teheran bis heute ein Schattendasein. Ihre Musik, gleich welchen Stils, dürfen sie nicht veröffentlichen. Zu „fehlerhaft“ sei sie – das heißt eigentlich: Zu westlich. Sagen zumindest die Sittenbehörden.

Der 15 Millionen-Moloch Teheran ist geprägt von Häuserfassaden mit Ajatollah- und Märtyrer-Bildern aus dem Iran-Irak-Krieg in den 80er Jahren. 2 Millionen Menschen - fast eine ganze Generation – fiel dem 8 Jahre währenden Massaker zum Opfer. Der Iran hat deshalb die jüngste Bevölkerung weltweit. Mehr als 65% sind unter 25.
Einer davon: Der 19-jährige Rapper Sorush, der sich “Hich-Kas“ – zu Deutsch “Niemand“ – nennt. Einer der Pioniere der Teheraner Hip-Hop-Szene. Die Islamische Revolution von ‘79 kennt er, wie der Großteil der Bevölkerung nur aus Geschichtsbüchern. Verbotene Satelliten-Schüsseln, Musik und heimliche Bandproben bei ihm oder Freunden prägen seinen Alltag. Und auch das WorldWideWeb...

Hich-Kas: "Das Internet ist sehr wichtig für uns. Als ich vor über 2 Jahren anfing, meine Songs selbst zu produzieren, habe ich sie ins Netz gestellt. Die Leute haben sie dann heruntergeladen und weitergereicht..."

Die sozialkritischen Rap-Songs von Hich-Kas und seiner Posse sind verboten: Keine CD’s, keine Veröffentlichung. Sie unterliegen den strengen Auflagen des Ershad, des Ministeriums für Kultur und islamische Führung. Alle neuen Lieder müssen zur Genehmigung vorgelegt werden. Es regiert mit harter Hand: So ist für Frauen ein Solo-Gesang untersagt, wenn, dann nur im 3-Personen-Chor. Überhaupt gilt westliche Musik partout als religiöser Affront.

Hich-Kas: "Vom Ershad brauchen wir eine Genehmigung, die wir leider bis heute nicht bekommen konnten. Ich hab es aber auch nur einmal probiert - wir wurden abgelehnt. Normalerweise geht das über 2 Instanzen, einmal Text, einmal Melodie. Wir erhielten erst eine Absage für die Texte, dann für die Beats. Zu viel Umgangssprache und zu viel Street-Slang – so deren Urteil. Obwohl – so ganz ausdrücklich sagen die das nie. Aber deswegen gab es keine Genehmigung, glaube ich.“

Das Ziel der Musiker: Der Brückenschlag zwischen traditionell orientalischen Elementen und westlicher Pop-Moderne. So zum Beispiel das persische Saiteninstrument Setar und Hip-Hop-Beats. In einem Track wird sogar der Koran zitiert.

Hich-Kas: "Ich denke, wenn wir einfach den Westen kopieren wollten, wäre das nicht schwer beim Hip Hop. Aber wir beherrschen Instrumente, die es nur im Iran gibt, und haben Möglichkeiten, die an anderen Orten der Welt keiner hat – so können wir einen Stil ausarbeiten. Mit traditionellen iranischen Instrumenten, wie z.B. Setar, Tar, Tombak oder Daf, wollen wir einen eigenen iranischen Hip Hop entwickeln. Damit auch Leute von drüben, also aus dem Westen, unsere Beats und Sounds schnell erkennen können."

Diese musikalische Eigenständigkeit ist im alltäglichen Straßenleben nur selten zu hören – einziger Auftrittsort zumeist: Die eigenen vier Wände. Die Musiker verbergen sich vor der gottesstaatlichen Obrigkeit. Aus Angst und Vorsicht, die man auch bei den wohldurchdachten Antworten im TRACKS-Interview spürt. Dabei stehen Hich-Kas und seine Jungs keinesfalls alleine da. Auch die ebenfalls unerlaubte Band ATMA verquickt bei ihren geheimen Dachboden-Sessions mystische, persische Dichtung von Molana mit Tribal-Rock.

Shahrokh Pourmiamin, Babak Riahipoor, Houman Javid: “Wenn wir es nicht schaffen, unserer eigene Kultur, Sprache und vor allem unsere bedeutungsvollen Gedichte und Dichter in die Musik einzubringen, haben wir nichts Neues geschaffen. Doch wenn wir uns mit den traditionellen Instrumenten ein wenig in Richtung Fusion bewegen, so haben wir mit diesem Mix auf jeden Fall die Möglichkeit, im Ausland wahrgenommen zu werden.“

Das Problem der meisten Bands: Ihre Musik kann nur im Ausland vermarktet werden. Professionelle Musikproduzenten, geeignete Proberäume und Equipment? Eine Rarität.

Babak Akhoondy ist einer der bekanntesten Gitarristen des Landes. Freut er sich doch einmal auf einen Gig im Iran, beginnt ein immergleiches Spiel ...

Babak Akhoondy: "Ich wurde schon oft im Urlaub angerufen, wo es hieß “komm rum, wir haben die Genehmigung zum Auftreten. Konzertsaal und der Rest sind organisiert. Alles steht bereit, Du musst nur noch dazu stoßen und wir können das Konzert starten. “ Dann fährst Du hin und wartest 2 Wochen, 3 Wochen. Du hast alles stehen und liegen gelassen. Und nix passiert. Die sagen einem: “Oh, jetzt ist es nichts geworden. Das nächste Mal bestimmt.” Kein Sorry, keine Gründe – gar nichts. 5 Konzerte werden hintereinander abgesagt und nichts passiert."

Shahrokh Pourmiamin, Babak Riahipoor, Houman Javid: “Das ist sehr bedauerlich, macht uns traurig und hoffnungslos… wir haben uns aber schon daran gewöhnt – das ist das Schlimmste daran."

Hich-Kas: “Wir sind wegen der Leidenschaft zur Musik dazu gezwungen, dies zu ertragen und weiterzumachen. Wenn wir dafür mit einer offiziellen Erlaubnis belohnt werden, umso besser. Wenn nicht, ist das kein Grund, damit aufzuhören. Ich denke auch nicht, dass z.B. Metal-Bands deswegen aufhören würden. Es geht weiter.

Klar ist: Im Ayatollah-Staat ist nicht nur die Freiheit der Kunst noch in weiter Ferne. Ein Grund, jetzt auch Bomben auf Teheran zu schmeißen, ist das jedoch noch lange nicht ...

Links
>> Die offizielle Website von Hich-Kas
>> Zur Musik in Iran

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TRACKS
Donnerstag, den 03.März um 23.30 Uhr
Wiederholung am Samstag, den 05.03 um 17.50 Uhr
Redaktion:ZDF, MME
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Erstellt: 03-03-05
Letzte Änderung: 04-03-05


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