Die erste Reaktion des Westens auf Tschernobyl war ein Schuldverweis auf die überalterten sowjetischen Kernkraftanlagen. Die Bauart der ukrainischen Kernkraftwerke unterschied sich von der in Frankreich üblichen: das Kühlwasser hatte dort keine Moderatorfunktion und die Sicherheitsbehälter waren von unzureichender Qualität. Dennoch waren auch die westlichen Länder nie vor Zwischenfällen gefeit.
1979 gab es in den Vereinigten Staaten einen Unfall, den man bis dahin für völlig unmöglich gehalten hatte: der Reaktorkern des Kernkraftwerks von Three Mile Island, Pennsylvania, schmolz – genau wie später in Tschernobyl. Aber es kam zu keiner Explosion und das Containment hielt wie durch ein Wunder. Nur wenig radioaktive Strahlung drang nach auβen. Nachforschungen ergaben, dass die Betreiber der Zentrale die Lage aufgrund unzulänglicher Daten falsch eingeschätzt und nicht die richtigen Entscheidungen getroffen hatten. Um in Zukunft keine Situationsanalyse mehr vornehmen zu müssen, folgen die Betreiber nunmehr einem festen Protokoll, das sie je nach den zur Verfügung stehenden Parametern anwenden. In den westlichen Ländern schärfte der Störfall in Three Mile Island sehr viel mehr als Tschernobyl das Bewusstsein für die atomare Sicherheit.
Kettenreaktion
Der andere schwere Unfall fand vor sieben Jahren in Japan statt, in der von einem Privatunternehmen betriebenen Uranwiederaufbereitungsanlage Tokai Mura. Schichtarbeiter, die wegen der Einhaltung von Fristen unter Druck standen, beschlossen, bei einem Arbeitsschritt ein anderes als das übliche Becken zu benutzen. Plötzlich leuchtete ein blaues Licht auf: Eine Kettenreaktion war ausgelöst worden, die über zwanzig Stunden lang dauern sollte. Die beiden Arbeiter wurden stark verstrahlt und starben noch im selben Jahr. Mehrere Hundert Menschen waren starken Strahlungen ausgesetzt, und mehrere Hunderttausend wurden evakuiert. Es handelte sich nicht wirklich um menschliches Versagen: Die Arbeiter wendeten ein Verfahren an, das in den Handbüchern des Unternehmens beschrieben, von den Behörden allerdings nicht genehmigt war. Seither ist das zivile japanische Nuklearprogramm ständiger Kritik ausgesetzt.

- IPPNW
Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges - BMU
Atomkraft, ein teurer Irrtum - Die Mythen der Atomwirtschaft - Global 2000
Umfangreiche Informationen zum Thema Tschernobyl

Frankreichs schlimmster Störfall spielte sich 1980 im Kernkraftwerk Saint-Laurent-des-Eaux an der Loire ab. Eine teilweise Uranschmelze beschädigte nachhaltig den Reaktor. Im März 1999 wurde ein Techniker der Zentrale Tricastin im Department Drôme stark verstrahlt, weil er unbefugt eine Zone betreten hatte, die ihm eigentlich hätte versperrt sein müssen – eine Tatsache, für die das französische Elektrizitätswerk verklagt und verurteilt wurde. Der heftige Sturm im Dezember desselben Jahres bewirkte einen Zwischenfall, den man bis dahin für unmöglich gehalten hatte: das Kernkraftwerk Blayais im Gironde-Delta wurde überschwemmt, und mehrere Sicherheitsvorrichtungen wurden auβer Betrieb gesetzt.
Diese Zwischenfälle wurden der Öffentlichkeit insbesondere daher bekannt, weil Tschernobyl die Protestlandschaft verändert hatte und die Politiker durch die Atomgegner zu mehr Transparenz gezwungen waren. Die Friedensbewegungen der 1970er-Jahre hatten Mühe, ihre Kritik glaubwürdig zu formulieren. Aber 1986/87 schürte die radioaktive Tschernobyl-Wolke mit ihren Niederschlägen die Polemik und bewirkte das Entstehen unabhängiger Kompetenzzentren, etwa des unabhängigen Ausschusses zur Forschung und Information über die Radioaktivität. Eine weitere Folge Tschernobyls war, dass sich Greenpeace zu Beginn der 1990er-Jahre in die französische Nukleardebatte einmischte.
Zu Anfang dieses Jahrhunderts entstand in Frankreich ein Vereinsnetz für den Atomausstieg („Sortir du nucléaire”), das immer stärker an Bedeutung gewinnt und über seine Website Informationen bereitstellt.
Da die Medien auf die Maßnahmen des Staates reagieren, sieht sich dieser zuweilen zur Kommunikation und zur Durchführung von Studien verpflichtet. So kürzlich, als die Widerstandsfähigkeit von Kernkraftwerken gegen Terroranschläge oder Erdbeben hinterfragt wurde. Die Kernenergiebranche hatte früher eine stark zentralisierte, streng vom Staat kontrollierte Funktionsweise. Allmählich entwickelt sie sich zu einem System, in dem voneinander unabhängige Organe die verschiedenen Aufgaben erfüllen. So wurde etwa 1998 das Institut für Strahlenschutz und atomare Sicherheit („Institut de radioprotection et de sûreté nucléaire“) von der Forschungseinrichtung CEA („Commissariat à l’énergie atomique“) abgespalten, damit die Forschungen über atomare Sicherheit von einer anderer Stelle als von der durchgeführt werden, die für den Ausbau der Kernkraftwerke verantwortlich ist lassen.
Zwei Ansätze in der Sicherheitsfrage
Historisch gesehen gibt es im Bereich der atomaren Sicherheit zwei mögliche Ansätze: zum einen den deterministischen französischen Ansatz, der sämtliche Eventualitäten durchzuspielen versucht und Ersatzsysteme vorsieht, und zum anderen den auf Statistiken beruhenden amerikanischen Ansatz, der die Unfallwahrscheinlichkeit evaluiert. Heute bestehen beide Ansätze nebeneinander, auch wenn sie von ihrer Logik her nicht immer zusammenpassen. So möchten beispielsweise die KKW-Betreiber nur die wahrscheinlichsten Störfälle berücksichtigen, um die Sicherheitsvorschriften lockern zu können.
Die Wahrscheinlichkeitsberechnung beruht im Wesentlichen auf Computersimulationen, die zwar gründlich durchdacht sind, denen es jedoch schmerzlich an Realdaten fehlt. Daher greift man auf Mini-Versuchsreaktoren wie Phébus und Cabri in Cadarache bei Marseille zurück, d. h. Miniaturkernkraftwerke im Maβstab 1:5000. Dank dieser Miniaturanlagen versteht man seit den 1990er-Jahren besser, wie es zur Explosion eines Reaktors kommt und wie sich das gesundheitsschädigende radioaktive Jod verbreitet, das beispielsweise beim Reaktorunfall in Tschernobyl massiv ausgestoβen wurde.









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