Istanbul… das sind Schiffe auf dem Bosporus, die Brücke zum Orient, der Fischmarkt, und – seit diesem Herbst – der internationale Währungsfonds IWF! Eigentlich hielt der IWF die Stadt für den idealen Standort seiner Jahrestagung. Doch im wirtschaftlichen Zentrum der Türkei fühlen sich auch die Globalisierungsgegner sehr wohl. So haben zweitausend Spielverderber den Weltbänkern einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Burak Delier
Eine Rebellion, die in der türkischen Kunstszene Wellen schlägt. Seit einiger Zeit treibt die Kreativität mit diesem Werbeplakat für eine prügelsichere Weste seltsame Blüten. Designt nicht etwa von Karl Lagerfeld, sondern vom türkischen Künstler Burak Delier. Sein "parkalynch" lynchfester Parka ist ein Schutzschild für den Straßenkampf, mit dem Prügel bei Demos problemlos an seinem Träger abprallen.Burak Delier: "2007 gab es in der Türkei, in Anatolien, Istanbul oder Ankara - in vielen türkischen Städten - Lynch-Attacken auf Leute, die Flugblätter verteilten oder Presseerklärungen abgeben wollten. Die meisten von ihnen waren Linke oder Kurden."
Mit 32 kreiert Burak die schlagstock- und fußtrittsichere Weste. Um sie zu vertreiben, gründet er eine virtuelle Firma samt Show-Room. Seine Lieblingswaffe ist die auf den Leib geschneiderte Provokation. 2005 reagiert er mit diesem Foto auf die Vorbehalte Europas gegen den EU-Beitritt der Türkei. Doch seinen größten Coup landet er mit einem zensierten Bild, das am helllichten Tag vor der Palastgarde in Istanbul geschossen wird.
Erkan Ozgen
Nationalismus und eine allmächtige Armee stehen auch im Fadenkreuz des Fotografen und Videokünstlers Erkan Özgen. Er stammt aus Diyarbakir, der heimlichen Hauptstadt der türkischen Kurden und definiert sich als Künstler und Aktivist. Wie in einer Geisterstadt läuft er im Video "Breath" durch die menschenleeren Straßen Diyarbakirs. Eine radikale Metapher für die Unterdrückung der kurdischen Kultur seitens der türkischen Regierung.Von Kunst allein kann der 1971 geborene Erkan Özgen nicht leben und unterrichtet deshalb an einer technischen Hochschule. Heute ist er bei der Biennale für zeitgenössische Kunst in Istanbul zu Gast. Im Zuge der staatlichen Assimilierungspolitik wurden die kurdischen Buchstaben X, Q und W aus dem türkischen Alphabet verbannt. Deshalb stellt Özgen im Werk "eröristAN. 2009" das M des Burger-Kings auf den Kopf und trickst so die Zensur aus.
Erkan Ozgen: "Man kann das Bild so interpretieren: McDonald‘s ist ein Symbol für Konsum. In meiner Heimat ist es die kurdische Sprache, die vertilgt wird. Gleichzeitig zeige ich eine traditionelle dörfliche Mahlzeit, bestehend aus Wassermelone und Brot. McDonald‘s steht für Fast-Food und Konsum, der gleichermaßen auf Produktion und Destruktion basiert. Und diese beiden Aspekte stelle ich in meinem Werk nebeneinander."
In der Reihe "Adult Games" fotografiert er vermummte kurdische Kinder. Seit 1984 führt der türkische Staat Krieg gegen die Kurden. Ergebnis: 44.000 Tote, 3.000 zerstörte Dörfer und Kinder, die als Terroristen abgestempelt werden. Als er 2008 an einer Ausstellung in Spanien teilnimmt, fallen Erkan die illegalen Einwanderer auf, die in und um Barcelona herumstreunen. Er identifiziert sich mit den Outlaws und lässt sie für sein Video im Gleichschritt aufmarschieren.
Erkan Ozgen : "In meinem Video "Herkunft" gibt es eine Szene, in der Schwarzafrikaner gemeinsam rufen “Glücklich ist der, der sich Türke nennen darf“. Ein Satz, den in der Türkei alle Grundschulkinder skandieren, jeden Morgen bei Schulbeginn. Also fünfmal die Woche um sieben Uhr morgens. Außerdem schwören sie, ihr Leben für die türkische Nation zu opfern. Ein Text, der seit den Zwanziger Jahren alle Türken unglücklich macht."
Nilbar Gures
Im Video "Undressing" von Nilbar Güres aus dem Jahr 2006 wird die Künstlerin zur strippenden Mumie. Zu jedem ausgezogenen Kopftuch nennt sie den Namen seiner Besitzerin. Der heute in Wien lebenden Künstlerin wurde vor einiger Zeit eine Künstlerresidenz in ihrer Heimatstadt Istanbul angeboten. Ihre Kollagen und Performances zeigen emanzipierte Frauen, die den türkischen Schnauzbart-Trägern Angst einjagen. Hier bittet die als Braut mit Boxhandschuhen verkleidete Nilbar Passanten eines Istanbuler Viertels, ihr beim Ausziehen zu helfen.Nilbar Gures: "Als ich Frauen fragte: „Mit welchem Sport würden Sie den täglichen Kampf in ihrem Leben vergleichen?“, antworteten viele „Boxen“. Dahinter steckt der Wunsch, ihrem Gegner, dem Menschen, mit dem sie sich täglich herumschlagen, gegenüberzutreten. Im Boxring könnten sie das."
Canan Senol
Mit vollem Körpereinsatz deckt auch Canan Senol die Wurzel allen Übels auf: Die Religionen und ihr Korsett an Verboten. Mit "Strange Creature" setzt sie sich 2006 selbst in Szene, und verbannt Adam einfach aus der Schöpfungsgeschichte. In ihrer Kunst nimmt sie sich das Recht, ihren Körper von jeglicher Fremdkontrolle zu befreien.Canan Senol: "In vielen meiner Werke beschäftige ich mich mit Biopolitik. Dabei definiere ich verschiedene Machtbereiche - wie Familie, Gesellschaft, Staat oder Religion - und zeige, wie diese Machtzonen unseren Körper steuern. Dazu benutze ich die Metapher des Panoptikums. Panoptikum ist das Konzept der Überwachung mittels eines einzigen Auges, wie es in Gefängnissen angewendet wird. Es gibt einmal die konkrete Beobachtung, beispielsweise über Videokameras auf der Straße, oder über Kreditkarten, mit denen man die Ausgaben jedes Menschen zurückverfolgen kann. Und dann ist da noch die abstrakte Überwachung, mit der unser Körper unter Kontrolle gehalten wird. Diese Aufgabe übernehmen Gesellschaft, Familie und Religion. "
In einem Land, in dem der islamische Fundamentalismus auf dem Vormarsch ist, kämpft Canan Senol mit nackten Körpern von Gummipuppen oder Barbies gegen das Bestreben der Hardliner an, die Sexualität zu verschleiern. Im Animationsfilm "Strange Creature" greift Canan die Märchen aus 1001 Nacht auf, um zu zeigen, welche Rolle Staat, Familie und Religion bei der Unterdrückung des Körpers spielen.
Canan Senol: "Dass Künstler in der Türkei relativ frei agieren können, liegt daran, dass sich nur die intellektuelle Elite für zeitgenössische Kunst interessiert. Es ist riskanter, und die Reaktionen sind heftiger, wenn ich meine Arbeiten bei Volksausstellungen oder auf der Straße zeige. "
Biennale
Die 11. Biennale von Istanbulvom 12. September bis zum 08. November 2009
Events
PerformanceCanan Senol präsentiert "Exemplary" beim Festival Temps d'Images in Istanbul am 24. November 2009
Ausstellungen
"Unknown Sports - Indoor Exercises" - Nilbar Güres
bis zum 29. November 2009
Salzburger Kunstverein in Salzburg
Performance III - Gender, Politik, soziale Fragen und Intercultural Studies
Katrina Daschner , GRAM , Nilbar Güres , Lena von Lapschina , Tatsumi Orimoto , Katarina Sevic , Milica Tomic , Martha Wilson
Verein zur Förderung künstlerischer Fotografie in Wien
Links
- The Best Offense is a Good Defense (Pt.1): Burak Delier’s Parkalynch
- Die Website von Erkan Ozgen
- Erkan Ozgen auf der Website der Biennale von Istanbul
- Nilbar Güreş auf der Website der Biennale von Istanbul
- Canan Şenol
- Offizielle Website von Canan Şenol
- Offizielle Website von Nilbar Gures
- Canan Şenol auf der Website der Biennale von Istanbul
- Die Website von Sener Ozmen und Erkan Ozgen







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