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ARTE Reportage - Mittwoch, 3. Mai 2006 - 04/05/06

USA : die Revolte der Latinos

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>> Video (22’)

Eine Reportage von T. Dandois, P.Creisson, S. Camicas - Produktion : Camicas Productions

Die USA, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, zieht noch immer weltweit die meisten illegalen Einwanderer an. Mehr als 11 Millionen leben heute in den Vereinigten Staaten. Kalifornien steht symbolisch für diese Anziehungskraft. Mehr als die Hälfte der Einwohner hier stammt aus Südamerika. Ob in Los Angeles oder San Diego: hinter fast jedem kleinen Job steckt ein sogenannter Chicano, ein in den USA lebender Mexikaner. Die Chicanos arbeiten viel für wenig Geld, oft haben sie keine Papiere – sie sind eine große aber diskrete Gemeinde. Diskret, bis zu jenem 10. April. An diesem Frühlingstag wagen es erstmals mehr als eine Million Einwanderer, zu protestieren. In allen großen Städten der USA wird demonstriert. Selbst in Dallas oder Texas. Kundgebungen sind allgemein selten in den USA, Demonstrationen von Illegalen also quasi undenkbar.

Die fleißigen Helfer des amerikanischen Traums wollen anerkannt werden, und machen diesen Wunsch lautstark publik: "Wir wollen eine Amnestie für alle illegalen Einwanderer. Wir sind Arbeiter. Wir verdienen unser Geld ehrlich, doch wir werden wie Diebe behandelt. Wir sind die Arbeitskraft der USA und wir wollen, dass das endlich öffentlich anerkannt wird".
"Viele eingewanderte Studenten werden ihr Studium nicht beenden können, weil sie keine Papiere haben. Der Staat will keine Stipendien mehr genehmigen. Was wird aus ihnen werden? Sie wollen uns zwingen, für einen Hungerlohn weiter zu arbeiten".
Der Auslöser für diese demonstrative Wut: ein Gesetzentwurf. Der Text sieht vor, das Problem der illegalen Einwanderer drastisch zu lösen. Die Polizei soll bei Verdächtigen Personenkontrollen durchführen können. Und Personen ohne rechtsgültige Papiere drohen 5 Jahre Haft.
Künftig könnten illegale Einwanderer so als Straftäter behandelt werden. Und nicht nur sie, sondern auch Menschen, die ihnen in irgendeiner Weise helfen: "Ich bin Krankenschwester. Leute wie ich werden sich in Zukunft strafbar machen.. Ärzte, Geistliche und andere Leute, die den Illegalen helfen, riskieren eine Haftstrafe".

Hier und da in der Menge: die Farben von Mexiko, Honduras, Guatemala … Doch die Demonstranten schwingen vor allem das Sternenbanner, um zu zeigen, dass sie Teil der USA sind. Diese Familie will eine offizielle Aufenthaltsgenehmigung, Mutter und Vater sind Mexikaner ohne Papiere, die hier geborenen Kinder sind US-Staatsbürger. Die 6-jährige Amel ergreift das Wort für ihre Familie, sie dolmetscht für ihre Eltern: "Wir leben gerne hier, weil wir Arbeit haben. Auch weil wir hier ein neues Leben angefangen haben. Wir haben keine Probleme… Er fragt dich, was du von Beruf bist? … Er arbeitet … Er fällt und pflanzt Bäume. Er arbeitet hart. Er hat einen schweren Beruf. Er versucht, englisch zu lernen, doch er hat viel Arbeit".

Harte Arbeit, knappe Löhne, Familie Solano kennt das gut. Tagsüber arbeitet die Mutter als Bedienung in einem Restaurant, der Vater kümmert sich derweil um die Kinder und beginnt dann abends seine Schicht in der Fabrik. Für die Solanos und viele andere mexikanische Familien wäre das Gesetz ein Drama, drei von ihnen würden abgeschoben werden: "Viele von uns arbeiten für 6 Dollar 75 die Stunde. Das Wirtschaftswachstum der USA ist uns zu verdanken. Wir arbeiten im Schatten. Und das Geld, das wir hier verdienen, geben wir auch hier aus".
Ein Mädchen: "Bei Mc Donalds kostet ein Hamburger 5 Dollar 95. Wenn alle Immigranten das Land verlassen, wird er 15 Dollar kosten".
Die USA … und Mexiko. Eine Mauer aus Stahl trennt nunmehr beide Länder. Um der illegalen Einwanderung Einhalt zu gebieten, hat die kalifornische Regierung diesen drei Meter hohen und 23 Kilometer langen Grenzzaun errichten lassen. In Tijuana liegt der Traum zum Greifen nah. Aus ganz Mexiko und selbst aus anderen Ländern Südamerikas strömen die Menschen in diese Grenzstadt, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Die meisten sind erschöpft. Im Haus der Einwanderer können sie sich von den Strapazen ihrer Reise etwas erholen. Maximal 2 Wochen lang. Dann geht es für die Flüchtlinge weiter – die meisten versuchen, direkt über die Mauer auf die andere Seite zu kommen.

Martin Celedon ist seit elf Tagen hier. Heute Abend will er mit seinem Stubenkameraden über die Mauern: "In den USA verdiene ich an einem Tag, was ich in fünf Tagen hier verdiene. Und damit kann ich eine fünfköpfige Familie ernähren. Deshalb will ich über die Grenze in die USA. Vor kurzem haben sie wirklich angefangen, uns wie Verbrecher zu behandeln. Sie durchsuchen uns. Mein Bruder hat vor ein paar Tagen versucht, über die Grenze zu kommen. Sie haben ihn verhaftet und geschlagen".
In drei Jahren hat es Martin bereits fünfmal geschafft. Ab und zu kehrt er nach Mexiko zurück, um seine Familie zu sehen, vor allem an religiösen Feiertagen. Doch das wird immer schwieriger: "Ich werde es vier, fünf Mal versuchen, ansonsten probiere ich es woanders".

Seit einem Jahr ist alles schwieriger. Sie haben die Grenzposten verdoppelt. Auf der anderen Seite der Mauer, in den USA. Für manche ist diese Metallkonstruktion mehr als nur eine Grenze. Es ist eine Beleidigung für Mexiko, ein schweres militärisches Geschütz.
Das jedenfalls denkt Enrique Morones, ein US-Amerikaner mexikanischer Herkunft. Sein Verein « Border Angels » bietet den Flüchtlingen Hilfe und Unterstützung: "Manchmal sieht man die Flüchtlinge. Mexiko liegt genau gegenüber … Man sieht die Straße von hier aus. Diese Platten haben sie bei der Invasion im 1. Golfkrieg verwendet. Sie wurden auch in Vietnam und im Irak benutzt. Sie nehmen sie zum Landen im Dschungel oder in der Wüste. Ja, ich bin absolut gegen die Miltarisierung der Grenze. Denn Mexiko ist nicht unser Feind".

Wir befinden uns seit kaum fünf Minuten in der Grenzzone und schon taucht eine Patrouille auf.
Enrique Morones: "Da schauen Sie – ein Patrouillenhubschrauber. Sie wollen sehen und überprüfen, wer wir sind. Sie werden die Grenzzone überfliegen".
Grenzposten: "Haben Sie eine Genehmigung für hier? Nein ? Dann müssen Sie weiter".

Das Gelände ist mit Kameras und hochempfindlichen Sensoren für Bewegungen am Boden ausgerüstet. Wir haben das System ausgelöst. Der Sprung über die Mauer gelingt immer seltener. Doch der Strom der Flüchtlinge reißt nicht ab. Und die Risiken, die in Kauf genommen werden, sind immer höher.

Enrique Morones: "Auch viele Frauen und Kinder versuchen, über die Grenze zu kommen. Täglich sterben drei Menschen bei diesen Versuchen. Das muss man sich vorstellen, drei Tote, hier an der Grenze zwischen Mexiko und den USA. Und das könnte jetzt passieren. In Kalifornien, in diesen Bergen. Letzten Monat gab es mehrere Todesopfer. Das darf nicht vorkommen. Wir sagen: Niu muerte mas. Genug Tote".

800 Km weiter östlich: Arizona. Seit zwei Jahren versuchen die Flüchtlinge hier ihr Glück. Anstatt über die Mauer, führt der Weg durch Gebirge und Wüste. Die Grenzbeamten sind überlastet.

Doch sie bekommen tatkräftig Unterstützung. Von Zivilpersonen. Den sogenannten « Minutemen ». Sie sind alle ehrenamtlich tätig. Die meisten sind Rentner, andere opfern ihre Ferien, um den Wüstenhorizont zu beobachten. Im Hauptquartier: Wild-West-Stimmung mit Cowboy-Hut und Colt am Gürtel. Der Chef der Sektion Echo erteilt Anweisungen, er wählt seine Worte sorgfältig: "Nähert euch den Flüchtlingen nicht. Ihr dürft keinen körperlichen Kontakt mit ihnen haben. Eventuell könnt ihr ihnen etwas zu essen oder zu trinken geben. Wenn ihr jemand mit einem großen Rucksack seht, dann transportiert er mit Sicherheit Drogen. Wenn einer ein Gewehr hat, das seht ihr sofort, oder eine Pistole, dann sofort das Licht aus, absolute Ruhe. Und sobald ihr könnt, müsst ihr euch im Hauptquartier melden, damit die Grenzposten benachrichtigt werden können".

Falls die Beobachtungsposten etwas bemerken, dürfen sie auf keinen Fall eingreifen, sondern müssen per Funk die Grenzpatrouillen benachrichtigen. Es ist fünf Uhr nachmittags. Zu dieser Zeit kommen die illegalen Flüchtlinge aus ihren Verstecken in der Wüste und machen sich auf den Weg Richtung Norden: "Die Spuren sind alle frisch. Die hier sind ganz frisch. Sie stammen vermutlich von heute. Ihr könnt erkennen, dass sie von dort her kommen, aus dem Süden, aus Richtung Mexiko. Er durchquert das Tal nordwärts, Richtung Tucson. Da: ganz frische Spuren".
Erste Meldungen treffen ein: "Posten 8: Sie haben 10 geortet. Ungefähr 8 vielleicht".

Die Patrouille ist unterwegs. In Mexiko, in Südamerika geht das Gerücht um, dass die USA Flüchtlinge legal als Einwanderer anerkennen werden. Deshalb kommen sie in Scharen. Oft sind es kleine Gruppen ohne Fluchthelfer. Sie wollen um jeden Preis zu uns. Die Grenzposten sagen, dass sich seitdem die Zahl der Illegalen im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt hat: "Wenn diese Leute erst mal hier sind, dann bekommen sie auch Kinder. Und die gehen dann bei uns zur Schule. Sie können nicht einmal englisch. Die Lehrer müssen in zwei Sprachen unterrichten. Das kostet Geld. Und benachteiligt unsere Kinder. Wenn der Lehrer spanisch spricht, verstehen das die amerikanischen Kinder nicht. Für uns hat das nur Nachteile".

Die Minute Men verfolgen und melden die Flüchtlinge. Enrique Morones dagegen hilft ihnen. Einmal wöchentlich versorgt er rund zwanzig strategische Stellen mit Wasser: "Hier hatten wir einige Kanister Wasser bereit gestellt. Jetzt fehlen ein paar. Das ist offensichtlich".
Manche werfen ihm vor, dass er Menschen dazu anstiftet, das Gesetz zu brechen. Er sieht in seiner Aktion eine einfache Geste, um Leben zu retten: "In der Wüste suchen die Leute nach Orientierungspunkten, wie diese Telefonmasten. Die Fluchthelfer sagen: behaltet die Masten im Auge und geht nordwärts. Deshalb haben wir diese Stelle ausgesucht. Die meisten Einwanderer ziehen nachts los. Sie können nichts erkennen. Außer etwas zieht ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie sehen dieses Licht. Und auch die Wasserkanister. 10 000 Menschen sind gestorben, weil sie versucht haben, in den USA Arbeit zu finden. Das ist nicht gerecht. Es muss etwas getan werden. Deshalb helfen die Border Angels. Im Sommer stellen wir Wasser zur Verfügung, im Winter Nahrung und Decken".

Zurück in Arizona bei den Minutemen: "Die Zukunft sieht düster aus. Wenn das hier so weiter geht. In 10 Jahren wird hier nichts mehr sein, wie es war".
- Wie wird es denn sein ?
- Wie in Mexiko. Sie sind 20 Millionen. Stellen Sie sich mal vor, sie bringen ihre Familien mit. Wieviel werden es dann sein? Auf jeden Fall enorm viel.

Gegen Mitternacht, Ende der Operation. Die Nacht verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle. Die Minute Men kehren ins Hauptquartier zurück zum Debriefing. Die Gruppe von 8 Flüchtlingen, die kurz zuvor entdeckt wurde, konnte von der Grenzpolizei gefasst werden: "Diese Gruppe, diese Leute kommen aus einem Dorf, einer Stadt, ich weiß nicht wo, im Norden von Mexiko. Ich habe den Grenzposten bei Ihren Nachforschungen geholfen, deshalb weiß ich es. Sie hatten ein Mädchen bei sich. Alle denken, sie sind arm. Doch das Mädchen hatte eine Goldkette mit einem so dicken Medaillon. Und eines der Kinder hatte einen so dicken Batzen Geld in seiner Tasche".
- Vielleicht ist das alles was sie besitzen.
- Und die wollen Amnestie?

Mitleid ist keine Sache der Minutemen. Doch in ihren nationalistisch geprägten Reden bringen sie eine Angst zum Ausdruck, die viele US-Bürger mit ihnen teilen. In einer vor wenigen Tagen veröffentlichten Umfrage gaben 90 % der Bevölkerung an, die illegale Einwanderung sei für das ganze Land ein ernsthaftes Problem.

Selbst die Katholische Kirche gesteht ein, dass etwas getan werden muss. In San Diego, Kalifornien engagieren sich viele Bischöfe und andere Geistliche, süd- und nordamerikanischer Herkunft, für die Einwanderer ohne Papiere. Einige haben die Demonstrationen unterstützt. Doch sie sind alle der Ansicht, dass die Einwanderung kontrolliert werden muss.
Pater Andres: "Mit diesem Zustrom an den Grenzen, wird uns bewusst, dass auch Terroristen ins Land kommen können. Deshalb brauchen wir eine Reform der Einwanderungsgesetze. Doch der Vorschlag des Senats ist ein wahrer Angriff auf die Würde des Menschen".

Die Debatte um das geplante Gesetz und die Kundgebungen haben das Bewusstein geweckt. Die legal in den USA lebenden Mexikaner haben politisch Gewicht. Doch bislang haben nur 20 % der Chicanos von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht: "Sehr viele Latinos wurden eingebürgert. Sie haben die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Ich wähle seit 5 oder 6 Jahren. Ich hoffe, dass wir die Dinge ändern und besser leben können. Viele unserer Familien leben am Rand der Gesellschaft. Doch wir sind zahlreich und haben Gewicht. Wir müssen endlich wählen gehen".

Zurück in Mexiko, im Haus der Einwanderer. Es ist drei Uhr morgens. Martin und zwei seiner Weggefährten brechen in Richtung Grenze auf. Sie ist gut bewacht, die Patrouille dreht ihre Runde. Dennoch: die Drei wollen es wagen. Sie haben nur leichtes Gepäck. Eine Tasche mit Pullovern. Ein wenig zu essen. Ein Personalausweis. Das ist mehr oder weniger alles.
Martin Celedon: "So können wir nachher mit dem Zug oder Bus fahren. Seit den Anschlägen vom 11. September wollen sie unsere Papiere sehen. Sie wollen wissen, wer sich auf ihrem Staatsgebiet befindet".

Ohne große Hoffnung, ein letzter Blick auf die andere Seite, auf der Suche nach einem Schlupfloch. Plötzlich gelingt es einem von ihnen, zwischen zwei Platten durchzukommen. Die anderen warten, ob die Patrouille ihn entdeckt. Nichts zu machen. Das Fahrzeug der Patrouille nähert sich. An diesem Abend wird es keiner schaffen.

Vor fünf Tagen haben Martin und seine Kameraden das Haus der Einwanderer verlassen müssen. Sie sind nach Osten weiter gezogen, um ihr Glück in der Wüste zu suchen.

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mittwochs gegen 21.35 Uhr
Wiederholungsamstags um 9h00

Erstellt: 04-05-06
Letzte Änderung: 04-05-06