Nicht nur in Afrika oder dem Nahen Osten werden schwindende Wasserreserven zum Konfliktstoff : Auch in Kanada schlagen Umweltschützer jetzt Alarm : Denn die USA mit ihren Giganten-Städten im trockenen Westen sehen ihre eigenen Frischwasservorräte schrumpfen und Präsident Bush schielt durstig auf die Grossen Seen.
Diese « Great Lakes » zwischen Kanada und den USA sind das grösste Süsswasser- vorkommen der Welt. Da die kanadisch-amerikanische Grenze mitten durch die Seen verläuft, müssten beide Länder bei Wassernutzung und –verbrauch eigentlich eng zusammenarbeiten. Doch einen bilateralen Vertrag darüber, wer wann und wieviel aus den Seen abzapfen darf, gibt es nicht. So fürchtet Ottawa, dass Washington die Reserven in Zukunft einseitig und ohne Absprache abpumpen könnte – die Folge wäre eine ökologische Katastrophe. In den nächsten zwanzig Jahren droht zwischen Kanada und den USA ein offener Konflikt um die Grossen Seen.
Umweltschützer befürchten, dass die Kanadier vor dem « Grossen Bruder » einknicken werden. Doch wie das blaue Gold vor Ausverkauf und Ausbeutung schützen ? « Lasst uns unser Wasser verkaufen, bevor sie es uns stehlen » – so titelte noch vor kurzem ein kanadisches Nachrichtenmagazin. Ei
Es wird sie nicht mehr lange geben : Die Niagara-Fälle zwischen den USA und Kanada. Denn entweder wäscht die Erosion sie weg - das kann noch 2000 Jahre dauern … … oder die Amerikaner ziehen den Stöpsel aus den Grossen Seen – und das droht schon in den nächsten Jahren.Chief Dean Jacobs, Walpole-Häuptling: « Wir sind sehr besorgt über jene politischen Giganten, die mit ihrer Macht alle regionalen Regierungen überrumpeln. Ganz Kanada ist beunruhigt über das, was sich in den USA anbahnt. Denn der südliche und Mittlere Westen Amerikas hat die Absicht, die Grossen Seen abzuleiten. Das passiert schon jetzt ! Wir müssen dieses Vorgehen stoppen und den Prozess umkehren. »
3000 Kubikmeter Wasser in der Sekunde schiessen hier in die Tiefe. Das sind 250 000 volle Badewannen. Wie gesagt : Pro sekunde. Fiele der Wasserspiegel des Erie-Sees nur um 20 Zentimeter, wäre Schluss mit dem Naturschauspiel.
Nicht viele der jährlich 12 Millionen Touristen sind sich bewusst , dass die Grossen Seen längst ein geopolitischer Zankapfel zwischen Ottawa und Washington sind.
Ein Turist: « Wasser ist ein Riesenstreitpunkt hier vor Ort. Ich hoffe, beide Länder können was tun, damit die Fälle nicht ganz verschwinden. Aber das wird schwierig. Denn in der Tat brauchen die US-Amerikaner sehr viel Wasser. Jetzt müssen beide eben einen Kompromiss finden - oder Beschränkungen. Jedenfalls wird das ganze ein Dauer-Thema werden. »
Die Niagarafälle mit ihren 54 Metern Höhenunterschied sind die Verbindung zwischen dem Erie- und dem tiefergelegenen Ontariosee.
Alle fünf Grossen Seen sind durch natürliche Überläufe und auch durch schiffbare Kanäle miteinander verbunden.
Als einziger liegt nur der Michigansee (der linke untere im Bild) vollständig auf dem Territorium der USA, quer durch die vier anderen läuft die amerikanisch-kanadische Staatsgrenze. Die Verantwortung für das zusammenhängende Ökosystem ist also eine geteilte. Die sogenannten « Great Lakes » sind die grösste Süsswasserfläche der Welt. Ein Fünftel der weltweiten Trinkwasservorräte ruhen hier. Mit 245.000 Quadratkilometern bedecken sie eine Fläche zehn mal so gross wie Belgien.
Im Dezember 2005, nach zehn Jahren Streit, hatten sich die beiden kanadischen Anrainerprovinzen und 8 Bundessstaaten auf der US-Seite regional darauf einigen können, keine weiteren Ableitungen zuzulassen.
Dieser « (Great Lakes) Annex » ist jedoch ein wässriges Gentlemens-Agreement zwischen Regionen. Was fehlt, ist ein echter binationaler Vertrag zwischen USA und Kanada auf Regierungsebene. Die USA können also jederzeit einseitig ihren Durst aus den Grossen Seen stillen.
David Ramsey, Ontario Minister für Naturschätze: «Nein, diese Befürchtung habe ich nicht. Denn immerhin ist das Schöne an dem Abkommen, dass wir uns auf einer unteren Ebene haben einigen können. Vor Ort denken wir nämlich das Gleiche über dieWasserproblematik. Wir wissen auf beiden Seiten, dass uns Gefahr aus dem Südwesten der USA droht. Deshalb haben wir uns als direkt Betroffene auch zusammengesetzt. Und die US-Anrainerstaaten haben untereinander sogar nochmal eine Schutzgemeinschaft gegründet. Unsere nächsten Nachbarn in der USA sehen die Bedrohung also genauso klar wie wir am kanadischen Ufer. Wir sind uns einig, dass wir nicht mehr Wasser aus den Grossen Seen ableiten oder abpumpen dürfen, die Umwelt würde das nicht vertragen. Und sie müssen wir schützen. »
Doch ganz so optimistisch wie der Provinz-Minister in Toronto sind nicht alle Kanadier. Überall im Land regen sich inzwischen Ängste gegen den unersättlich Grossen Bruder aus dem Süden. Manche fürchten, die Amerikaner könnten sich demnächst einfach selbstbedienen. Im Kampf ums Wasser sehen sie gar die nationale Souveränität Kanadas bedroht.
An vorderster Front in der grossen Seen-Schlacht die Umwelt-Organisation « Council of Canadians ».
Eduardo Sousa: « Ich habe sozusagen ein Albtraum-Szenario im Kopf – in dem wir eines Tages so eine Art zusammengeschrumpften, trockengefallenen Aral-See hier statt der Grossen Seen haben werden. Denn an so vielen Stellen wird derzeit volles Rohr aus den Seen abgepumpt und Grundwasser gezogen ! Ganz ohne jede Rücksicht auf Nachhaltigkeit. Klar wollte man in dem Annex-Abkommen Grenzwerte der Wasserentnahme festlegen. Doch es gibt darin noch nicht einmal Standards, wie die Wasserentnahme überhaupt gemessen wird. »
Weltwasserwoche in Toronto. Allenthalben gibt es zahlreiche Veranstaltungen zum Thema. Basisarbeit wie dieses Theaterstück an vielen Schulen, aber auch Vorträge an Universitäten, und Protestmärsche vor den Ministerien.
Ein junger Mann: « Die kanadische Regierung ist dabei, Wasser zu kommerzialisieren, indem sie öffentlich-private Unternehmenspartnerschaften promotet. Sogenannte P 3s. »
Bisher ist vor allem ein Aufklärungsprozess im Gange. Was langsam Platz greift, ist eine Bewusstseinswerdung in der breiten Bevölkerung. Und wie immer, wenn es zum Thema Wasser kommt, dann kommt es unweigerlich auch zu Emotionen in der Debatte. Eine Frau: « Jene Kräfte, die wie nie zuvor den Ausverkauf und die Privatisierung unserer Wasserreserven vorbereiten wollen, sie werden immer mehr –überall im Land und weltweit wächst aber auch der Widerstand. »
Alle Zuflüsse im Seebecken gelangen vom Oberen See in den Huron- und Michigan-See, fliessen dann weiter durch Erie- und Ontario und entleeren sich über den Sankt-Lorenz-Strom in den Atlantik.
Aber schon heute leiten die USA Millionen Kubikmeter aus dem Michigansee ab. Es grassiert die Angst, dass sich Kanada gegen weitere Begehrlichkeiten der USA nicht wehren kann.
Eduardo Sousa: « Das ist doch die Realität : Die südlichen Staaten der USA nutzen Wasser in völlig unverantwortlicher Art und Weise. Sie legen unsere Wasservorräte regelrecht trocken – und der Druck, Wasser aus den Grossen Seen zu pumpen und in die Südstaaten zu verfrachten, dieser Druck wird in den nächsten Jahren riesig gross werden. Gleichzeitig liegt die Machtbasis von Präsident Bushja vor allem in jenen südwestlichen US-Staaten.Und ausserdem verlagert sich auch die Bevölkerungsdichte immer mehr in jene Regionen. Das Abkommen vom Dezember wollte nun zwar die Seen vor weiteren Ableitungen schützen – doch sie werden sehen – dies wird nun doch passieren. »
Problemfall Chicago : Früher floß der Chicago-River in den Michigan-See hinein. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Fluss dann einfach umgeleitet: Raus aus dem See. Seitdem fließt das Wasser in die andere Richtung quer durch Chicago bis runter in den Mississipi. Und von dort nach Süden hinein in den Golf von Mexiko. Die Umkehr der Natur mittels Pumpen, Schleusen und einem Kanal.
Fast 10 Millionen Menschen leben allein in Chicago. Der Wasserverbrauch pro Kopf liegt in den USA bei fast 300 Litern pro Tag. In Europa ist es weniger als die Hälfte. Wieviel über den Chicago River abgeleitet werden darf, bestimmt einzig und allein der Oberste Gerichtshof der USA – ohne Mitspracherecht Kanadas. Der Konflikt ist sogar schon Gesprächsstoff an der Chicagoer Börse.
Ein Börsenmakler: « Na ja, wenn die ‘Existenz-Ängste’ weiter zunehmen, dann wird das Problem heftiger und die Spannungen zwischen beiden Ländern und ihren Gesellschaften werden steigen. »
ARTE : "Wird Kanada also eines Tages sein Frischwasser kommerzialisieren ?"
Ein Börsenmakler: «Oh Absolut ! Wasser wird weltweit eine Handelsware werden. Ist es ja schon, und nicht mehr lange – und es wird eine regelrechtes Wirtschaftsgut werden. Wasser wird in Zukunft genauso notiert werden wie Gold, Erdöl oder andere Rohstoffe. »
Geht die wirtschaftliche Entwicklung so weiter – dann wird die Trinkwasservergeudung in den nächsten 30 Jahren um 10 Prozent steigen. Weltweit.
Von den Wassermassen der Grossen Seen erneuern sich jedes Jahr allerdings nicht mehr als ein Prozent. Über natürliche Zuflüsse und Niederschläge. Doch schon heute wird den Seen schätzungsweise mehr Wasser entnommen als wieder in sie rückgeleitet wird. Kommt dazu dass viele dieser Einleitungen stark verschmutzt sind.
Marilyn Baxter, Bay Area Restoration Council, Hamilton: «Die Umweltverschmutzung der Grossen Seen hat drei Quellen : Einerseits Landwirtschaft, andererseits Industrie und schliesslich die urbanen Zentren. Schon allein jede Toilettenspülung muss ja in Kläranlagen gereinigt werden. Auch unser gebrauchtes Trinkwasser muss wieder geklärt und rückgeführt werden.Die Verschmutzung sieht man am besten im Sommer : Da verfärbnen sich die Algen auf den Felsen grün - das heisst, es besteht Verschmutzung – es fängt an zu stinken. Die Gewässer sind stark verschmutzt und ich würde mir das Gegenteil wünschen. »
Die letzten Zahlen zeigen dass binnen drei Jahren allein die industriellen Einleitungen um 21 Prozent gestiegen sind. Stahlerzeuger, Aluminium- und Kupferhütten, sowie Papierindustrie liegen wegen des grossen Wasserbedarf direkt an den Ufern. Wasser und Seeböden sind mit Furanen, Dioxinen und Quecksilber verseucht.Noch immer sind die Amerikaner die grössten Verschmutzer, doch die Kanadier ziehen mit immer stärkerer Industrialisierung nach.
John Hall, Canada Centre for Inland Waters: « Es gibt längs der grossen Seen ganze 43 als stark verschmutzt deklarierte Zonen– und nur zwei kleinere, weniger verschmutzte Zonen auf der kanadischen Seite sind bisher einigermassen gesäubert worden. Es gibt also noch gigantisch viel zu tun. »
Allein die Aufbereitung der Wasserqualität im Hafenbecken von Hamilton Harbour am Ontario-See und eine Reinigung des kontaminierten Seegrundes würde 90 Millionen Dollar kosten.
Aber noch eine Gefahr droht den Grossen Seen. Die globale Erwärmung. Weder die USA noch die konservative Regierung Kanadas stehen hinter dem Kyoto- Protokoll.
Sarah Miller, Canadian Environmental Law Association: « Die Lage ist sehr ernst : Wie sie selbst sehen können ist der Hafen von Toronto heute eisfrei. Normalerweise würde sich die Fähre aber durch dickes Eis stampfen. Und es wäre schwierig in die Docks zu fahren. So war es noch letztes Jahr. Die Klimaerwärmung bedeutet für die Grossen Seen, dass viel weniger Wasser in die Seen zufliesst. Und anders als bei den Ozeanen, wo der Wasserpegel steigen wird, wird der Wasserstand in den Grossen Seen sinken. Dies wird massive Konsequenzen haben. So wird unter diesen Bedingungen beispielweise Salzwasser landeinwärts in den Sankt-Lorenz-Strom eindringen bis hoch nach Montreal. »
Am Ufer hat man den Eindruck, noch vor einem Überfluss an sauberem Wasser zu stehen.
Doch das ist trügerisch, was schon die ersten Bewohner der Grossen Seen erkannt hatten : Sie verbrauchten nur so viele Naturgüter, wie sich unter natürlichen Bedingungen wieder erneuern konnten.
Chief Dean Jacobs, Walpole First Nation:«In meinem kurzen Leben als Umwelt-Anwalt für meinen Stamm habe ich gelernt, dass wir nicht nur ein Umdenken auf der Ebene der Regierungen brauchen, wir brauchen vielmehr einen Wandel in der Gesellschaft, eine Umkehr im Umgang mit Wasser.
Wir müssen wieder dahin zurück, dass wir Mutter Erde wieder gut behandeln und nicht meinen dass sie eine unbegrenzte Ressource ist. Ihre Schätze sind begrenzt. Wir müssen uns also heute höchst verantwortlich benehmen, sodass künftige Generationen genauso davon ihren Nutzen haben können - wie wir heute. »
Zur Philosophie seines Stammes gehört es, alle wichtigen Entscheidungen immer im Hinblick auf die kommenden sieben Generationen zu tun. Erde, Luft und Wasser zu respektieren war ihnen eine Ehre..







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