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Im Gespräch mit... - 05/03/08

Ulla Hahn

Der Teufelsbraten


Die Welt im Kopf erweitern

Ulla Hahn war als Kind der „Teufelsbraten“. 2001 schrieb sie den Roman „Das verborgene Wort“ und verarbeitete darin ihre eigene Kindheit im Rheinland der 1950er Jahre. Ein Interview.

ARTE: Was dachten oder fühlten Sie, als Sie von der Verfilmung Ihres Romans erfuhren?
Ulla Hahn: Das Gespräch mit dem Produzenten Günter Rohrbach über eine Verfilmung habe ich schon vor sechs Jahren geführt und ich war sicher, dass der Stoff bei ihm in guten Händen ist. Als ich dann hörte, dass es losgeht, war ich mit dem Kopf schon ganz woanders.

ARTE: Konnten Sie auf das Drehbuch Einfluss nehmen oder wollten Sie das vielleicht gar nicht?
Ulla Hahn: Ich wollte nicht. Es freut mich, wenn die Produkte meiner Fantasie die Fantasie von Menschen, die ich schätze, anregen. Ich mische mich da nicht ein.

ARTE: Hilla gelingt es, mit starkem Willen und mit der Unterstützung von Lehrern und des Pastors, die Klassenschranken zu überwinden. Ohne diese Hilfe wäre ihr Leben wohl anders verlaufen, oder?
Ulla Hahn: Für meine Romanfigur wie auch für mich war der frühe Besuch des Kindergartens mit seinen liebevollen katholischen Schwestern die erste Befreiung aus der engen Häuslichkeit. Ohne meine Schutzengel, wie ich die Ordensschwestern, Lehrer und den Pastor gerne nenne, wäre Hilla/Ulla vielleicht Kinderschwester geworden, in den Augen der Mutter die höchste Stufe auf der sozialen Leiter. Oder sie hätte Peter, den Gärtner, geheiratet. Nicht die schlechtesten Lebenswege. Doch für meine Hilla sicher nicht die richtigen.

ARTE: Heute geht man von Chancengleichheit aus: Hat ein Arbeiterkind denn wirklich alle Möglichkeiten?
Ulla Hahn: Theoretisch ja, praktisch nein. Die größte Begabung nützt nichts, wenn sie nicht angeregt wird. Ob dies durch Eltern geschieht oder Personen außerhalb der Familie, spielt keine große Rolle. Und wenn Sie mir hier eine Bemerkung zu einer aktuellen Diskussion erlauben: Kinder aus sozial schwachen Familien und Kinder mit Migrationshintergrund können gar nicht früh genug von Krippen oder Kitas profitieren.

ARTE: Können Sie der strengen Erziehung und Gottesfürchtigkeit von damals auch Positives abgewinnen?
Ulla Hahn: Meine Eltern wussten es nicht besser; in ihrer Zeit gab es die Chancen nicht, die ich dann schon hatte. Und Kirche hatte ja nicht nur mit Verboten zu tun.

ARTE: Wie stehen Sie heute zu Kirche und Religion?
Ulla Hahn: Meine ersten Geschichten waren die aus der Bibel, schönere gibt es nicht. Meinen ersten Luxus erlebte ich in der Kirche, wo es Blumen gab und Kerzen, die seidenen Priestergewänder, Weihrauch, Fahnen. Musik. Prächtigkeit eben. An meinem Verhältnis zur Bibel hat sich bis heute nichts geändert; sie ist unerschöpflich. Und von meiner, der katholischen Kirche, erwarte ich, dass sie standhaft bleibt in ihrem Kern, der Verkündigung des Wortes Gottes. Kirche soll sozial sein, aber kein Ersatz für eine Sozialstation.

ARTE: In Ihrer Jugend war Literatur für Sie Freiheit. Was bedeutet Ihnen Lesen und Schreiben heute?
Ulla Hahn: Beides ist für mich so lebensnotwendig wie eh und je. Gibt es eine größere Freiheit, als sich Buch für Buch den Horizont, die Welt im Kopf zu erweitern? Lesend – und schreibend auch.

ARTE: 2001 sprachen Sie davon, die Geschichte der Hilla in die 68er Zeit fortschreiben zu wollen. Können Sie bereits einen Vorgeschmack geben?
Ulla Hahn: Ich schließe gerade einen zweiten Band ab: Hillas Jahre im Aufbaugymnasium, die erste Studienzeit. Eine Periode der Abschiede und Aufbrüche. Stärker noch als im ersten Band spielen die Möglichkeiten und Grenzen der Sprache und Literatur eine Rolle.

ARTE: Wie gefällt Ihnen der Film „Der Teufelsbraten“?
Ulla Hahn: Ich bin selbst gespannt, wie ich diese Frage einmal beantworten werde. Aber solange ich mit meiner Hilla noch nicht „fertig“ bin, möchte ich meine Bilder im Kopf, die ich notwendig zum Schreiben brauche, nicht mit denen des Films vermischen. Die Besetzung finde ich jedenfalls großartig.

Das Interview führte Nina Vey für das ARTE Magazin.
ARTE INTERVIEW


Lange Zeit war sie als Lyrikerin bekannt, bis Ulla Hahn 2001 mit ihrem Roman „Das verborgene Wort“ Aufsehen erregte. Der Roman vermischt zwar die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion, war für die Autorin aber eine wichtige Arbeit, um ihr späteres Denken und Handeln zu verstehen. Gleichzeitig gibt er Einblick in das dörfliche Leben einer ganzen Generation. Mit dem ARTE Magazin sprach Ulla Hahn über die Hauptfigur Hilla und ihre Schutzengel auf dem Weg der Befreiung.

Ulla Hahn wurde am 30. April 1946 geboren. Die promovierte Germanistin zählt zu den wichtigsten deutschsprachigen Lyrikerinnen. „Das verborgene Wort“ ist ihr zweiter Roman. 2002 erhielt sie dafür den Deutschen Bücherpreis.

LYRIK VON ULLA HAHN:
(Auswahl): „So offen die Welt“ (2004); „Galileo und zwei Frauen“ (2003); „Epikurs Garten“ (1995); „Unerhörte Nähe“ (1988) „Herz über Kopf“ (1981)

PROSA:
„Dichter in der Welt. Mein Schreiben und Lesen“. (Essays, Reden, Kritiken, 2006); „Liebesarten“. Erzählungen (2006); „Unscharfe Bilder“ (2003); „Das verborgene Wort“ (2001); „Ein Mann im Haus“ (1991). Alle Bücher bei DVA erschienen

Erstellt: 05-03-08
Letzte Änderung: 05-03-08