Die zentrale Frage ist eigentlich das Staunen über die Tatsache, dass ein kleines Volk ohne nationale Heimstatt, trotz furchtbarer Verfolgungsphasen und gegen alle Versuchungen der Umwelt seine eigene Identität behaupten konnte, und dies nicht als „Fossil“, sondern als Kraftwerk des Geistes und der Kultur. Es ist ungeheuer spannend, dieser Geschichte nachzugehen, die wirksamen Kräfte bloßzulegen und die Formen, in denen sie sich gestaltet haben. Die Welt steht noch immer im Schlagschatten des Holocaust, der die große und vielfarbige Erfolgsgeschichte der Juden vor den wechselnden Kulissen der Zeiten und Kontinente verdunkelt. Das Buch möchte dafür wieder die Augen öffnen. Es hat seinen Zweck erreicht, wenn der Leser seinerseits zu fragen beginnt, sich der Erinnerung stellt und sich so gegen Vorurteile und Klischees immunisiert.
Welchen Raum nimmt die Geschichte nach der Shoah, die Geschichte Israels in Ihrem Buch ein?
Man darf den Staat Israel nicht mit dem Judentum verwechseln. Allein in den USA leben mehr Juden als in Israel. Nach 2000 Jahren gibt es jedoch erstmalig wieder eine „nationale Adresse“, die nicht mehr zur Disposition steht. Für alle Zukunft soll es einen Ort geben, wohin sich Juden aus Unterdrückung und Verfolgung retten können. Das Buch berichtet in zwei Kapiteln über die Entstehung und Geschichte des jungen Staates (bis zum jüngsten Libanonkrieg). Es versucht, die im Palästinakonflikt wirksamen Faktoren zu kennzeichnen.
Bieten Sie neue Perspektiven auf die jüdische Geschichte?
Ich gehe nicht als Forscher und Wissenschaftler an den Stoff heran, sondern als Journalist. Ich erfinde nicht, aber mir begegnen neue Perspektiven, die ich dem Leser vermitteln möchte. Das gelingt immer nur dann, wenn er dabei seine heutigen Interessen und Wahrnehmungsweisen spüren darf. Zum Beispiel kann man die Geschichte der Juden als zweieinhalbtausendjähriges Einüben in globale Zusammenhänge verstehen, zu Anfang gewiss eine unfreiwillige Herausforderung, die sie dann aber konstruktiv, menschlich und zukunftsfähig gestaltet und gemeistert haben. Allein dieser Aspekt müsste uns heutige „Globalisierungsphoben“ hellwach machen. Eine andere Kraftlinie der jüdischen Geschichte ist ihre Fähigkeit, im heftigen, aber respektvollen Streit um den nächsten Schritt zu ringen. Hier haben sie Erfahrungen, die aus ideologischen und fundamentalistischen Sackgassen heraushelfen können. Und nicht zuletzt durchzieht die jüdische Geschichte eine tiefe Achtung vor dem Eigenwert der Schöpfung, eine Lektion, die die technische Zivilisation mit ihrer Raubmentalität dringend zu lernen hat.
Für wen ist Ihr Buch gemacht?
Mein Leser möchte sich in seiner Welt orientieren und die prägenden Faktoren der Zivilisation begreifen. Er will Kenntnisse sammeln oder vertiefen. Er möchte vor allem auch eine der spannendsten Geschichten nacherleben, die sich die Menschheit erzählen kann. Es ist nicht die Geschichte eines „Systems“ oder einer „Idee“, sondern die eines unbändigen Lebenswillens, der sich gegen alle Vernichtungsversuche behauptet hat.
Judentum bedeutete jahrhundertelang Leben in der Diaspora. Welche Einstellungen sind dadurch entstanden?
Da ihr Gott der Herr des Universums war, mit dem sie ein unkündbares Bündnis hatten, konnte man sie aus Ländern, aber nie aus ihrer religiösen Heimat vertreiben. Das gab ihnen die Kraft und die innere Freiheit, das Leben in der Diaspora nicht nur als nationale Katastrophe zu empfinden, sondern es positiv zu gestalten. Hinzu kam die Liebe zum Buch und die Lust, im Streitgespräch um die jeweils vorläufige Wahrheit zu ringen. Wer mit dem einen Bein so geborgen in den Traditionen steht, kann mit dem anderen dynamisch experimentieren. Während die anderen Völker zum Teil noch heute auf ihren nationalen Bauchnabel starren, haben sie deshalb schon immer grenzüberschreitend gedacht, gehandelt und gelebt. So konnten sie wo und solange man sie ließ in der umgebenden Gesellschaft eine konstruktive Rolle spielen. Hass und Verfolgung waren immer zum Schaden der Verfolger.
Was macht jüdische Identität heute aus?
Die Juden sind eine Schicksalsgemeinschaft mit einer langen, trotz der Zerstreuung gemeinsam erlebten und erlittenen Geschichte. Bei aller Bandbreite der religiösen Vorstellungen und Temperamente eint sie der Glaube an den einen und unnennbaren Gott. Er ist das, was nach der Abwehr aller Götzen und Idole übrig bleibt. Im Rahmen ihrer Traditionen und Feste, die sie immer wieder mit den bedeutenden Ereignissen ihrer Geschichte verbinden, genehmigen sie sich viele Varianten individueller Lebensgestaltung. Dieses geübte „Dasein in Zwischenräumen“ erzeugt immer wieder neue Spannkraft und mindert ängstliche Melancholie vor den Herausforderungen der Moderne. Dazu gehört ein berechtigter Stolz auf herausragende Leistungen auf allen Gebieten von Kultur und Wissenschaft.
Das Interview führte Angelika Schindler, ARTE am 6.3.2007
- Geschichte eines Volkes zum Miterleben
Lesen und hören Sie hier auch ein Interview mit Filmautorin Nina Koshofer über die Entstehung der Reihe








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