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16/01/07

Unerhört schwarz

Die Geschichte des Kleinen Schwarzen


Es ist schon ein frecher Entwurf, den die eleganten Damen beim Durchblättern der Modezeitschrift „Vogue“ vom Mai 1926 erblicken: ein schlichtes, schmuckloses Kleid. Ohne Taille, ohne Ausschnitt, mit langen Armen, einem knielangen, also unerhört kurzem Rock und in einer noch unerhörteren Farbe: schwarz. Schwarz, das ist die Farbe der Witwen und Dienstmädchen. Wer es sich leisten kann, trägt es nicht. Doch nun wird ein Kleid in dieser Unfarbe in der edlen „Vogue“ präsentiert. Empörend!

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Dieser Entwurf des ersten „Kleinen Schwarzen“ ist von Coco Chanel. Chanel prägt entscheidend die Mode der Zwanziger Jahre, die nicht nur für einen neuen Kleidungsstil, sondern auch für einen ganz neuen, modernen Frauentyp steht. Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg sind für viele Frauen eine Zeit der Emanzipation. In Deutschland bekommen sie 1918 das Wahlrecht. In Frankreich müssen die Frauen darauf zwar noch bis 1944 warten, doch auch hier erobern sie sich in den Zwanziger Jahren alle Bereiche des Lebens: Als Telephonistin oder Sekretärin verdienen sie sich ihr eigenes Geld, mit der Zigarette in der Hand stürzen sie sich – auch ohne männliche Begleitung – ins Nachtleben und am Wochenende wird Tennis gespielt.

Mit der Zuschauerrolle geben sich die jungen Frauen nicht mehr zufrieden. Noch nie hat die Welt so viele Rennfahrerinnen, Tennisspielerinnen oder Abenteurerinnen gesehen. Die Zwanziger Jahre sind besonders für die Frauen wild. Die Kleidung soll die neue Freiheit ausdrücken. Es ist die Zeit der Bubiköpfe (frz.: garçonne), die praktische Kurzhaarfrisuren tragen und ihre Körper aus den engen Korsetten der Belle Epoque befreien.

Mode in Bewegung

Mode zu entwerfen, in der frau sich bewegen kann – das ist Coco Chanels Devise und die ist revolutionär. Bislang sollte Mode schön und eindrucksvoll aussehen, um die Stellung oder den Reichtum des Ehemannes zu repräsentieren. Ob sich frau in den bodenlangen Kleidern mit ihren geschnürten Taillen bewegen konnte, war unwichtig. Kleidung mit Bewegungsfreiheit war etwas für Dienstmädchen. In den Zwanzigern jedoch ändert sich der Anspruch an die Mode. Wer kann schon im Korsett Charleston tanzen?

Coco Chanels „Kleines Schwarzes“ sitzt auch ohne Korsett, der Rock ist kurz genug, um große Schritte wagen zu können und es ist so locker geschnitten, das frau darin einen ganzen Tag – und, wenn sie will, auch die ganze Nacht – gut angezogen aussieht. Außerdem sieht man schwarzem Stoff Flecken und Falten kaum an.

Aber das „Kleine Schwarze“ bedeutet nicht nur Freiheit, sondern auch Eleganz. Chanel erkennt, das schwarz keinesfalls trist aussieht. Schwarz ist zwar die Farbe der Trauer und damit der Witwen. Aber es wirkt auch geheimnisvoll und irgendwie verführerisch – eine Farbe für Frauen, nichts für Püppchen.

Armer Look für reiche Mädels

Viele Zeitgenossen, die der Mode der fliederfarbenen Seidenkleider hinterher trauern, empfinden das „Kleine Schwarze“ als ärmlichen Stofffetzen. In den Dreißiger Jahren jedoch, zur Zeit der Weltwirtschaftskrise, wird es zum idealen Kleidungsstück. In der „In Vogue“ heißt es: „Jetzt, wo es als Zeichen des schlechten Geschmacks galt, reich auszusehen, kam der 'arme' Look in Mode. Damen, die immer noch märchenhaft reich waren, liefen in simplen schwarzen Kleidern rum.“ Das „Kleine Schwarze“ wird massenhaft kopiert. Wer sich kein Chanel-Kleid leisten kann, schneidert es nach. Der Schnitt ist einfach und schwarzer Stoff überall zu bekommen. Auch die Massenproduktion der Konfektionskleider läuft in den Zwanziger Jahren an.

Aber erst in den Fünfziger Jahren wird das „Kleine Schwarze“ zum Klassiker. Christian Dior, Givenchy und – noch immer – Coco Chanel entwerfen „Kleine Schwarze“, die nun wieder eine Taille und einen schwingenden Rock haben: Das Cocktail-Kleid ist in Mode.

Nicht immer klein, aber immer schwarz

„Es war ein warmer Abend, fast schon Sommer, und sie trug ein schmales schlichtes schwarzes Kleid, schwarze Sandaletten, eine halsenge Perlenkette.“ So beschreibt Truman Capote 1958 die Hauptfigur Holly Golightly in seiner Geschichte „Frühstück bei Tiffany“, die 1961 mit Audrey Hepburn in der Hauptrolle verfilmt wird. Das lange ärmellose Kleid, das sie in dem Film trägt, wurde vom Pariser Modeschöpfer Givenchy entworfen. Es gilt als das „Kleine Schwarze“ schlechthin. Wer denkt nicht bei „Kleines Schwarzes“ an Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“?

Seitdem ist das Kleid nicht mehr aus der Mode gekommen. Was auch daran liegen mag, dass es sich jedem neuen Stil anpasst. Das „Kleine Schwarze“ ist mal lang, mal kurz. Es kann Schulterpolster haben oder schulterfrei sein, einen schmalen Rock haben oder vier Lagen Petticoats. Mal ist es dekolletiert, mal hochgeschlossen, mal hat es einen Rückenausschnitt, mal keinen. Nur eins ist es immer: schwarz.

Vanessa Loewel

Erstellt: 10-01-07
Letzte Änderung: 16-01-07