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05.03.05 UM 19.00 - 07.03.05 UM 17.00 / Das FORUM der Europäer - 08/03/05

Unsere Terror-Kinder

Moderation : Anne-Sophie Mercier et Matthias Beermann



Im April 2003 machte ein Bericht des Französischen Senats auf die kritische Situation von Kindern und Jugendlichen aufmerksam. Dieses Problem bereitet überall in Europa Sorgen: Frankreich, Deutschland, Großbritannien, aber auch die neuen Mitgliedsländer der EU sind mit dem schwierigen Verhalten immer jüngerer Kinder konfrontiert.
Wo liegen die Ursachen? Dauert das Erwachsenwerden heute länger, ist es schwieriger geworden als in der vorindustriellen Ära? Haben die Heranwachsenden in einer Gesellschaft, die Erfolg zum obersten Prinzip erhebt, mehr Angst vor Misserfolgen? Und versuchen sie, das Problem vor allem auf eine für sie selbst und für andere zerstörerische Art und Weise zu bewältigen? Gibt es Gesellschaften, die mehr Angst und Unwohlsein produzieren als andere?
Der Eintritt in die Welt der Erwachsenen erfolgt durch Rituale. Haben diese „Prüfungen“ im modernen Europa an Wirkung verloren? Die Jugendlichen von heute müssen sich selbst bei den Großen einführen. Oder bringen unsere alternden Gesellschaften vielleicht immer weniger Toleranz gegenüber ihren Kindern auf?
Wie auch immer: Dieser Missstand betrifft sowohl Kinder und Jugendliche als auch die Elterngeneration, und zwar in allen europäischen Ländern.

Studiogast : Boris Cyrulnik
Der Neuropsychiater, Psychoanalytiker und Psychologe Boris Cyrulnik zählt in Frankreich zu den Pionieren der Ethologie (die Lehre vom Verhalten der Lebewesen in ihrem natürlichen Umfeld). Seine Eltern, aus Russland und Polen eingewanderte Juden, starben im Konzentrationslager. In Frankreich wurde er vor allem durch seine Werke über das Konzept der „résilience“ (Widerstandskraft) bekannt, das heißt, die Fähigkeit, vor allem von Kindern, psychische Traumen und schwerste emotionale Verletzungen wie Vergewaltigung, Krieg, Trauer, Krankheit usw. überwinden zu können.
Boris Cyrulnik hat zahlreiche Bücher zu diesem Thema veröffentlicht, darunter „Sous le Signe du Lien“ (Im Zeichen der Bindung), „Un Merveilleux Malheur“ (in Deutschland erschienen unter dem Titel „Ein wunderbares Unglück“), „Les vilains petits canards“ („Die Kraft, die im Unglück liegt“) und „Parler d’Amour au Bord du Gouffre“ (Gespräche Über die Liebe am Rande des Abgrunds)

Lodz: Orientierungslose Jugendliche auf der Suche nach Idealen

In Lodz, dem ehemaligen Hauptindustriestandort Polens, liegt der Kommunismus schon weit zurück. Die unter 20-Jährigen haben ihn nicht mehr erlebt. Sagen sie deshalb, dass es ihnen an Bezügen und Idealen fehlt? Manche trauern sogar den Zeiten von Solidarnosc nach, denn damals „gab es etwas zu tun, Ideale, nach denen man streben konnte“. Heute gibt es dagegen nur wenig legale Abwechslung, und außer dem Fußball haben die Jugendlichen kaum andere Perspektiven als die, ins Ausland zu gehen. Daher florieren Kleinkriminalität, Drogenhandel und Schwarzarbeit. Wer nicht zu den Neureichen der 90er-Jahre zählt, versucht sich durchzuschlagen, wie es gerade geht.
In Lodz, früher eine bedeutende und sichere Industriestadt, herrscht heute ein soziales Vakuum. 60 % der Kleinkriminalität gehen auf das Konto von Minderjährigen. Wie reagieren Polizei, Vereine und städtische Behörden auf diese Situation? Wie kann man Schläger von ziellosen und gelangweilten Jugendlichen unterscheiden. Wie der Jugend neue Werte und Ziele vermitteln?



Deutschland: Gewalt schon im Kindergarten

Schutzgelderpressung, Schlägereien, Beleidigungen, Mobbing: Das alles gehört auf den Schulhöfen von Gymnasien und anderen weiterführenden Schulen fast schon zum Alltag. Beängstigend ist aber, dass dieses Treiben nun auch schon in Grundschulen und sogar in Kindergärten um sich greift.
In Deutschland will das Bundesministerium für Bildung mit dem Programm „Faustlos“ einer weiteren Zunahme solcher Probleme vorbeugen. In Unterrichtsstunden und Seminaren sowie anhand von Spielen soll das Projekt Kindern vermitteln, wie sie ihre Gefühle gewaltfrei äußern können. Es richtet sich jeweils an alle Schüler einer Klasse und stigmatisiert keinen, der sich möglicherweise ohnehin schon ausgrenzt fühlt. Manchen deutschen Lehrern wurde so bewusst, dass sich gewalttätiges Verhalten bereits im Kleinkindalter herausbildet, und sie vertreten die Auffassung, dass es durch präventive Maßnahmen gemäßigt werden kann. Doch die Lösungsangebote finden nicht immer einhellige Zustimmung, und auch die Rolle und Verantwortung der Eltern werden unterschiedlich bewertet.


Großbritannien: Teenager in Stadtzentren unerwünscht
Mit einem neuen Programm will die britische Regierung auf die Sorgen der Elterngeneration wegen des Verhaltens mancher Jugendlicher reagieren. Die Behörden des Landes haben Maßnahmen zur „Senkung der Kriminalität“ ergriffen, die insbesondere sehr junge Straftäter betreffen. In den Zentren der Großstädte wurde für Jugendliche unter 16 Jahren eine völlige Ausgangsperre verhängt. So soll verhindert werden, dass die Teenager lärmend durch die Innenstädte ziehen. Darüber hinaus wurde die so genannte „Anti-social behaviour order“ (ASBO) gegen anti-soziales Verhalten erlassen. Dieses Rechtsinstrument ermöglicht es Polizisten, auf der Straße jeden anzuhalten, der sich „anti-sozial“ verhält. In den diesbezüglichen Statistiken tauchen Alkohol und Jugendliche oft auf. Die Regierung hat sogar eine Website eingerichtet, auf der die erfassten Daten und die Ergebnisse der neuen Maßnahmen veröffentlicht werden. Für manche Bürgerrechtsorganisationen ist die ASBO-Bestimmung eines totalitären Regimes würdig. Doch die Regierung weist dies zurück und versichert, die Maßnahmen würden eine effektive Kanalisierung der Energie der Jugendlichen bewirken. Ein Generationenkonflikt zeichnet sich ab: Auf der einen Seite die Erwachsenen (und Eltern), die die Gewalt der Jugendlichen nicht mehr länger mit ansehen und sogar Berührungspunkte mit ihnen vermeiden wollen, auf der anderen Seite die Jugendlichen, deren Verhalten man zu zügeln sucht, ohne nach den wahren Ursachen zu fragen.


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Das Forum der Europäer
samstags um 19.00 Uhr
Wiederholung montags um 17.00 Uhr

Erstellt: 03-03-05
Letzte Änderung: 08-03-05