Welcher ist Ihr Favorit unter allen Gewinnerfilmen von Cannes? Das ARTE Magazin befragte dazu die ARTE-Zuschauer, Regisseure sowie Filmkritiker und erhielt sehr persönliche Antworten.
Der Gewinnerfilm der ARTE-Zuschauer:
Luchino Viscontis „Tod in Venedig“
Andreas Schreitmüller, Leiter der Redaktion Spiel- und Fernsehfilme bei ARTE: Es entbehrt nicht einer gewissen – fast Mann'schen – Ironie, dass unseren Zuschauern ausgerechnet „Tod in Venedig“ am nachhaltigsten in Erinnerung geblieben ist. Von allen Filmen, die in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurden, hat Luchino Viscontis Literaturverfilmung in der Erinnerung am besten überdauert, jene elegische Hommage an das Vergängliche, das Marode und Moribunde.
Es gab unter den Cannes-Siegern natürlich andere Filme, in denen die Zeitstimmung damals auf den Punkt gebracht wurde („Blow Up“, „Underground“) oder die durch ihre Erzählweise provozierten („Pulp Fiction“, „Elephant“). Wir finden im Ehrenhof zu Cannes Klassiker des Genres („Der dritte Mann“, „Das Piano“) und Monolithen („Apocalypse Now“, „Sex, Lügen und Video“). Und dennoch: Keiner der Mitbewerber in dieser kinematographischen Champions League hat sich so souverän für die Unsterblichkeit qualifiziert wie Gustav Aschenbachs filmische Reise in den Tod. Und das ist schon merkwürdig! Die Favoriten der Kritiker und Regisseure
Michael Althen, Filmkritiker: 1999 lief am vorletzten Festivaltag ein kleiner belgischer Film, dessen Regisseure fast niemand kannte. Auch weil er nur ein einziges Mal gezeigt wurde, war klar: Dieser Film würde kaum gewinnen – so dass man getrost früher abreisen konnte. Aber da machte man die Rechnung ohne Jury-Präsident David Cronenberg: „Rosetta“ von den Brüdern Dardenne gewann die Goldene Palme – und wohl noch nie verpassten so viele Journalisten den Siegerfilm. Ein gnädiges Geschick hatte mich davor bewahrt. Schon deshalb ist mir der Film in goldener Erinnerung: Ich war einer der Wenigen, der nachvollziehen konnte, wie konsequent die Entscheidung für „Rosetta“ war.Michael Althen schreibt als Filmkritiker für die Frankfurter Allgemeine Zeitung
Fritz Göttler, Filmkritiker: Jacques Demys „Die Regenschirme von Cherbourg“ (1964) war einer der ersten Filme, mit dem die Nouvelle Vague in Cannes wahrgenommen und prämiert wurde. Nicht der Mainstream mit den starken Stücken Godards, Truffauts und Co., sondern eine Seitenlinie vom linken Seine-Ufer: Jacques Demy, der Junge aus Nantes, der Freund des Populären. Jahrelang suchte er Produzenten für das Ausnahmeprojekt – ein Film „en chanté“, alle Dialoge gesungen. Über Monate erprobte er die richtige Stimmungslage, dieses Parlando, das die reine Poesie in der Banalität der Alltagssätze entdeckt. Oft bat er die junge Hauptdarstellerin Catherine Deneuve um Geduld. Als Geneviève spielte sie ihm dann eine bewegende Coming-of-age-Geschichte: Man spürte, wie es ist, Ende der 1950er in der französischen Provinz aufzuwachsen, überbehütet von der Mutter, und dann zu erkennen, dass es ohne Schmerz kein Glück gibt, dass das Leben immer auch die Verzagtheit kennt, die Entsagung, die Resignation, die Einsamkeit. Schon hier rumort etwas von dem Bildersturm, der Frankreich bald darauf vibrieren ließ. Ein Demy-Film eignet sich bestens, um zu überprüfen, wie weit es die eigene intellektuelle Verbildetheit gestattet, mitzugehen. Fritz Göttler ist Filmkritiker der Süddeutschen Zeitung
Oliver Hirschbiegel, Regisseur: Kein falscher Ton, keine spekulativen Schnörkel; nie sentimental erzählt Visconti mit Detailgenauigkeit bis ins letzte Glied der Komparserie. „Der Leopard“ (1963) ist imposantes Kino, unantastbar wie ein Monolith und doch voll zärtlicher Liebe für seine Figuren. Ein filmisches Meisterwerk, das in seiner unaufdringlichen Perfektion der tradierten Erzählform damals wie heute hochmodern ewige Gültigkeit verleiht.Oliver Hirschbiegel (geb.1957) gab 2001 sein Debüt mit dem Psychothriller „Das Experiment“. 2004 führte er Regie bei dem weltweit Aufsehen erregenden Spielfilm „Der Untergang“
Ekkehard Knoerer, Filmkritiker: „Der Dialog“ (1974) von Francis Ford Coppola ist ein Film über das Hören, das zum Lauschen, und über das Sehen, das zum Beobachten wird. Archimedische Punkte, orientierende Totalen und eindeutige Aufklärungen werden verweigert. Ein Film, bei dem es auf jeden Ton ankommt – und jedes Wort. Besser als hier war das, was „New Hollywood“ hieß, selten.Ekkehard Knoerer schreibt als Filmkritiker für das Online-Magazin „perlentaucher.de“
Dietrich Kuhlbrodt, Filmkritiker: „Rom, offene Stadt“ (1946) von Roberto Rossellini ist mein Favorit. Ich sah ihn mit 20 oder 21, und er half mir, mich von der Lähmung, Enge und Restauration der Adenauerzeit zu befreien.
Dietrich Kuhlbrodt schreibt u.a. für taz, Konkret, Junge Welt und Szene Hamburg Filmkritiken
Edgar Reitz, Regisseur: Die Liste der Cannes-Gewinner ist ein eindrucksvolles Spiegelbild der internationalen Filmkunst seit 1945. Es fällt mir deswegen nicht leicht, meinen Favoriten zu nennen, denn viele der Titel haben mein persönliches Verständnis von Film zutiefst geprägt. Unvergessliche Bilder tauchen in meiner Erinnerung auf, wenn ich an Buñuels „Viridiana“ denke oder an Fellinis „La Dolce Vita“, an Viscontis „Tod in Venedig“ oder den „Leopard“, den ich in Cannes zum ersten Mal erlebt habe. Mein Favorit aber ist bis heute De Sicas „Das Wunder von Mailand“ (1951). Diesen Film sah ich im ersten Studiensemester in einem Münchner Filmkunsttheater. Von da an wusste ich, wie ich selbst einmal Filme machen wollte. De Sicas Verbundenheit mit seinem Land, der Landschaft, den Städten, der Geschichte und den Menschen, die er beschreibt, blieb mein filmästhetisches Ideal.Edgar Reitz (geb. 1932) ist Filmregisseur und Professor für Film an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Bekannt wurde er vor allem für seine Fernseh-Trilogie „Heimat“
FILMFESTIVAL CANNES 2007: Das Festival findet vom 16. bis 27. Mai 2007 statt. Zutritt zu den Filmvorführungen haben nur Vertreter der Filmbranche, Journalisten sowie angemeldete Gruppen. Daneben gibt es ein öffentliches Strandkino.
Jury-Präsident: Der Regisseur Stephen Frears sitzt dieses Jahr der zehnköpfigen Jury vor.
Zeremonienmeisterin: Die deutsche Schauspielerin Diane Kruger empfängt am Eröffnungsabend die Jury und moderiert die Schlussfeier.






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