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18/01/05

Urban Legends: Märchen von heute

Auch heute gibt es das noch: Geschichten, die weitererzählt werden, die man gar nicht richtig glauben mag, die aber trotzdem durch die Welt wandern - als moderne Sagen oder Urban Legends. Damit beleben sie eine Tradition, die oft schon längst tot geglaubt ist: Das mündliche Erzählen. Aber so wie es im 19. Jahrhundert die Brüder Grimm gegeben hat, gibt es auch jetzt Forscher, die moderne Sagen sammeln und niederschreiben. In den 60er Jahren begannen Wissenschaftler in den USA sich mit dieser Erzählform zu beschäftigen. Seit den 80ern gibt es den Trend auch in Europa, vor allem in Großbritannien, wenig später auch in Deutschland. Beobachtungen von Tina von Löhneysen.



Vor kurzem hat mir eine Freundin folgende Geschichte erzählt: Sie sei im Urlaub gewesen an der belgischen Nordseeküste. Dort habe sie von einem Mann im Supermarkt wiederum diese Geschichte erzählt bekommen. Früher habe man die Apartment-Blocks mit den Ferienwohnungen in dem Urlaubsort über den Winter stillgelegt, die Heizungsanlage ausgestellt und den Strom abgeschaltet. Eine Frau hatte bis zum letzten Tag Urlaub in einer der Ferienwohnungen gemacht. Abreisebereit, die Koffer schon im Auto, fehlte ihr plötzlich das mühevoll geschmierte Proviantpaket. Sie drehte um, stieg in den Aufzug, um in den fünften Stock zu fahren. Genau in diesem Moment stellte der Hausmeister den Strom ab: Der Aufzug blieb stecken, der Alarm funktionierte nicht mehr. Erst im nächsten Frühjahr entdeckten die ersten Urlauber der Saison die Reste der Frau im Fahrstuhl.

Hat Ihnen diese Geschichte auch schon mal jemand erzählt? Oder vielleicht die vom Mörder auf der Autorückbank? Oder die von der vergessenen Ehefrau an der Autobahnraststätte? Und immer ist es der Freund eines Freundes, der das selbst erlebt hat. Oder die Klavierlehrerin der Tochter meiner Kollegin. Oder der Fliesenleger der Tante meiner Nachbarin. Und immer ist die Geschichte ganz bestimmt so passiert.

Die meisten dieser Geschichten sind aber nie so passiert. Stattdessen wandern sie als moderne Sagen, oder Urban Legends durch die Welt. Damit beleben sie eine Tradition, die oft schon längst tot geglaubt ist: Das mündliche Erzählen. Aber so wie es im 19. Jahrhundert die Brüder Grimm gegeben hat, gibt es auch jetzt Forscher, die moderne Sagen sammeln und niederschreiben. In den 60er Jahren begannen Wissenschaftler in den USA sich mit dieser Erzählform zu beschäftigen. Seit den 80ern gibt es den Trend auch in Europa, vor allem in Großbritannien, wenig später auch in Deutschland.

Zwar stehen die Urban Legends in einer mündlichen Tradition, tauchen aber auch immer wieder in den Medien auf und verbreiten sich dadurch schnell und über große Entfernungen hinweg. So taucht zum Beispiel die Geschichte von der vergessenen Ehefrau am Autobahnrasthof jedes Jahr zur Ferienzeit auf, in Deutschland genauso wie in den USA oder Schweden. Bestimmte Geschichten existieren schon seit Jahrzehnten, kommen nach unterschiedlichen langen Pausen immer mal wieder in Umlauf, manchmal leicht abgewandelt.

Mit modernen Sagen reagiert eine Gesellschaft aber auch auf aktuelle Ereignisse, sagt der Erzählforscher Rolf Wilhelm Brednich. Meist dienen die Geschichten dann als Mittel, um Ängste zu bewältigen. So sind zum Beispiel nach dem 11. September 2001 viele Legenden um die Terroranschläge auf das World Trade Center entstanden. Eine davon sagt, dass die Attentäter sich einige Tage nach dem Anschlag telefonisch bei Freunden gemeldet hätten. So wie hier entsteht das Sagenhafte an den Geschichten dadurch, dass sie zwar relativ unglaublich klingen, aber für den Zuhörer kaum zu widerlegen sind.

Da fällt mir ein: Bevor ich mich an den Computer gesetzt habe, rief meine Mutter an und hat mir erzählt, dass ihre Kollegin...

Buchtipps:
Rolf Wilhelm Brednich, Pinguine in Rückenlage, Verlag C. H. Beck, 2004
Rolf Wilhelm Brednich, Die Spinne in der Yucca-Palme, Verlag C.H. Beck, 1990

Von Tina von Löhneysen, Dezember 2004

Erstellt: 21-12-04
Letzte Änderung: 18-01-05