Seit einiger Zeit ist ein klarer Trend zu mehr "Materialität" in der Medienkunst zu beobachten. Vermeintliche Pixelbildschirme werden durch Kerzen in Bierdosen animiert, haptisches Feedback lässt Datenübertragung "anfühlen", statt digitaler Flüsse thematisieren Künstler/innen die Abnutzungserscheinungen von Vinyl, und stellen den abstrakten Zeichen eine physische Realität entgegen – so auch Reiters und Starskys "Turntable Improvisationen", eine digital-analoge Programm-Musik.Plattenkratzen, Nadelaufsetzen und Vinyl-Knistern – aus diesen Störgeräuschen der "eigentlichen" musikalischen Information generiert Ushi Reiter Rhythmus-Strukturen und ein Klangspektrum, das seltsamerweise als Übersättigungseffekt des Sampling-Zeitalters verstanden werden kann. Waren die Musique Concrète-Komponisten der ersten Stunde in den 50er Jahren einst darauf bedacht, in ihrem analogen Spiel mit Klangmodulen eine Art Grammatik und neue Kombinationsmöglichkeiten für nicht in Notenschrift festgehaltene Töne zu schaffen, wie sie mit der Digitaltechnologie und Soundbearbeitungsprogrammen heute in jedem Homestudio machbar sind, so suchen Reiter und Starsky nach Möglichkeiten, die unendliche Kombinatorik der Maschinen wieder im konkreten Alltag zu erden – und zwar in Ton und Bild, die sich dabei gegenseitig in die Hände spielen.
Sie tun dies mittels liebevoller Alltagspoetik: Da wären zunächst die fast anachronistisch-bemitleidenswert anmutenden Diaprojektoren, mit denen Starsky ganzflächig in den ganzen Saal statt auf die üblichen formatierten Videoleinwände projiziert. Man stellt schnell fest: Hier sind es nicht computeranimierte Schriftzeichen sondern durchgerührte Nudelsuppenbuchstaben, in welche ein Haartrockner Bewegung bringt. Schrift wird hier nicht nur als eine blosse Programmiersprache verstanden: deutsche akademische Texte in gothischen Lettern wirken kulturell stärker aufgeladen als der vermittelte Inhalt es preisgibt. Schreibmaschinenbuschstaben, Computerdruckbild und konkrete Objekte werden parallel gesetzt zu Hyroglyphen.
Und: Die Paradigmen Räumlichkeit versus Linearität werden hier stets gegeneinander ausgespielt. Ein mit Buchstaben bedruckter Globus wird über die Nudeln gerollt, während sich anderswo digital animierte Buchsstaben räumlich winden. Buchstaben im Kreis projiziert ergeben ein konkretes ornamentales Muster – Druckbuchstaben in einer Reihe dagegen ergeben einen verständlichen Satz. Das setzt sich im Klang fort. Während Notenschrift projiziert wird, ertönt ein Wecker – ein Ton-Körper, der klanglich komplexer ist als jedmögliche Notierung. "Turntable Improvisationen" ist eine Kampfansage an entkörperlichte Zeichenprozesse.
Das FestivalTransmediale 07 - "Unifinished"
vom 31. Januar bis zum 04. Feburar 2007
in Berlin
>> Offizielle Website der Transmediale
Links>> Offizielle Website von Ushi Reiter
>> Julia Zdarsky alias Starsky






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