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Zitaten - Ballade

„Europa – was ist das eigentlich?“, so fragen sich viele Europäer seit den Anfängen des Aufbaus eines gemeinsamen Europas. Die Definitionen von Historikern, (...)

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05/11/08

Vaclav Havel (Tschechische Republik)

und der Krieg im ehemaligen Jugoslawien


Vaclav Havel (Prag, 1936), Dramaturg, Schriftsteller und Politiker, ist eine außergewöhnliche Person: Er ist ein engagierter Intellektueller und verleugnet, als er an die Macht kommt, nicht die Werte, für die er zu seiner Zeit als Dissident gekämpft hat.
Nach seiner Mitwirkung am „Prager Frühling“ im Jahr 1968 und an der Gründung der Charta 77 im Jahr 1970 sind seine Werke zwanzig Jahre lang verboten. Zwischen 1977 und 1989 wird er mehrfach wegen „subversiver“ und „staatsfeindlicher“ Aktivitäten verhaftet und zu Zwangsarbeit verurteilt. Nach seiner Freilassung im Jahr 1989, die auf internationalen Druck hin erfolgt, übernimmt er den Vorsitz des „Bürgerforums“, das die „Samtene Revolution“ ins Leben ruft, die ganz ohne Blutvergießen zum Niedergang des kommunistischen Regimes führt. 1990 wird er zum Staatspräsidenten der Tschechoslowakei gewählt, kann jedoch die Spaltung des Landes nicht verhindern. Aus diesem Grund tritt er 1992 zurück. Als Präsident der neuen Tschechischen Republik repräsentiert er von 1993 bis 2003 trotz seiner schwachen Gesundheit sein Land auf der europäischen und internationalen Bühne und setzt sich unermüdlich für die Menschenrechte ein.

„Einige hundert Kilometer von hier wütet ein fürchterlicher und wahnsinniger Krieg, und wir alle verfolgen ihn mit unsicherem Schweigen und warten darauf, wie er ausgeht. Wer wird gewinnen, die Serben oder die anderen? Und wir vergessen vollkommen, dass dieser Krieg nicht nur der Krieg der Serben gegen die anderen ist, sondern ein Krieg, bei dem es um unsere Zukunft geht. Tatsächlich führen ihn die, für die die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen ethnischen Gruppen das höchste aller Dinge ist, gegen diejenigen, die höhere Werte verteidigen als zufällige Blutsverwandtschaften. Dieser Krieg wird gegen uns alle geführt, gegen die Menschenrechte, gegen die Koexistenz von Menschen unterschiedlicher Herkunft oder Konfession, es ist ein Krieg gegen das staatsbürgerliche Prinzip, ein Krieg zwischen all dem, was uns voneinander trennt, und dem, was uns verbindet. Ja, in Bosnien wird ein Krieg gegen ein aufblühendes Nebeneinanderleben geführt, begründet auf der Universalität der Menschenrechte und der schon immer existierenden Universalität der Beziehung zwischen Mensch und Universum. Es ist der Angriff der allerdunkelsten Vergangenheit gegen eine annehmbare Zukunft. Der Angriff des Bösen gegen die moralische Ordnung.

Der Europarat kann diesem Krieg kein Ende setzen. Doch die Staaten, die darin vertreten sind, haben die Kraft dazu. Die Verpflichtungen des Europarats als Schöpfer und Hüter der europäischen und universellen Werte besteht darin, auf diesen Krieg aufmerksam zu machen und ihn bei seinem richtigen Namen zu nennen. Es muss klar gesagt werden, dass es sich um einen Krieg gegen all die Werte handelt, die der Europarat in seinen Dokumenten ausdrückt, Werte, um die er sich kümmert, die er zu pflegen und zu bewahren versucht.

Europa – genau wie die gesamte heutige Welt – befindet sich an einem historischen Scheideweg. Entweder es gelingt ihm, eine neue Verantwortlichkeit zu entwickeln, die aus der universellen spirituellen Erfahrung des Menschen heraus entsteht und die moralische Botschaft respektiert, die diese Erfahrung an uns richtet, oder aber es begeht denselben fatalen Fehler, für den es im Laufe dieses Jahrhunderts bereits zweimal teuer bezahlen musste, wenn es nämlich die Augen vor dem Übel des Nationalismus verschließt, ein Übel, das wie jedes andere Übel auch, ansteckend ist.
Erlauben Sie mir zum Abschluss meine feste Hoffnung auszudrücken, dass der Menschenverstand, der Anstand, die Solidarität und der Wunsch nach Verständnis und einem annehmbaren Miteinander all das besiegen werden, was sie bedroht. […]“

Vaclav Havel, der tschechische Staatspräsident, hielt diese Rede am 29. Juni 1995 in Straßburg, als er anlässlich der Einweihung des neuen Palais der Menschenrechte den Vorsitz des Ministerkomitees des Europarats übernahm.
Seit er seine Bürgerfreiheit wiedererlangt hat, reist Vaclav Havel, erholt sich und spielt mit dem Gedanken, wieder mit dem Schreiben anzufangen. Je weniger er über seine Projekte spricht, umso besser geht es ihm.

Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 05-11-08