- Synopsis
London, 1950: Versa Drake lebt mit ihrem Mann Stan und ihren beiden erwachsenen Kindern Sid und Ethel in bescheidenen Verhältnissen. Sie sind eine intakte, glückliche Familie. Vera ist Putzfrau, Stan arbeitet als Mechaniker in der Autowerkstatt seines Bruders, Sid ist Herrenschneider und Ethel testet in einer Fabrik die Funktionsfähigkeit von Glühbirnen. Aber Vera, die selbstlos auch anderen Mitgliedern ihrer Familie hilft, hat ein sorgfältig gehütetes Geheimnis: Ohne Geld dafür zu nehmen, hilft sie jungen Frauen bei der Abtreibung ungewollter Schwangerschaften. Als eines Tages eines der Mädchen nach einem mittels Einlauf eingeleiteten Abtreibungsversuchs in lebensbedrohlichem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert wird, kommt die Polizei auf Veras Spur. Veras heile Welt gerät aus den Fugen.
Im Gespräch mit Mike Leigh (Real Video)Vendedig 2004
- Der Kommentar zum Film
chon immer handelten Mike Leighs Filme von Familien, in den Kinder eine große Rolle spielten. Entweder hatte man sie oder man hatte sie nicht, entweder wollte man sie verzweifelt oder man wollte eben nichts mit ihnen zu tun haben, wie die von Brenda Blethyn alias Cynthia in „Secrets and Lies“ in einem One-night-Stand gezeugte und dann zur Adoption frei gegebene farbige Tochter. Im Zeitalter der Promiskuität und der Überbevölkerung hat Mike Leigh mit „Vera Drake“ einen Film über die Abtreibung gedreht und ihn gleichzeitig - um die nahe liegende propagandistisch gefärbte Pro-Contra-Debatte zu vermeiden - in das England der unmittelbaren Nachkriegszeit verlegt, als die Liberalisierung des gesellschaftlichen Lebens noch in weiter Ferne lag und die viktorianischen Sitten der Vorkriegszeit noch überall präsent waren. Abtreibungen waren bei strenger Strafe verboten, aber sie wurden trotzdem überall vorgenommen – heimlich und mit primitivsten Instrumentarien von einfachen Frauen wie Vera Drake. Nicht aus Geldgründen, sondern, weil es eben einfach nötig war und Menschenliebe das dazugehörige Motiv. Mittels dieses intelligenten Kniffs formuliert Mike Leigh die impliziten, komplexen moralischen Dilemmata der Abtreibungsdebatte als Fragen und eben nicht als schwarzweißmalernde Schlussfolgerungen. Hat Vera ungeborenes Leben getötet, wie es ihr der eigene Sohn vorwirft oder Frauen aus ihrer Misere befreit? Hat sie den jungen Frauen gegenüber verantwortungslos und ihren Tod billigend gehandelt oder war ihre sanfte, sorgfältig durchgeführte Methode das geringste Übel? Ist sie eine Lügnerin und hat sie damit ihre Familie verraten oder sie im Gegenteil geschützt, wenn sie ihr über 20 Jahre ihr illegales Doppelleben verschwiegen hat?
Die Engelmacherin Vera Drake ist jedenfalls durch und durch menschlich: eine leicht gebückt, mit kleinen schnellen Schritten von einem Arbeitsplatz zum anderen, von der eigenen bettlägrigen Mutter zum kriegsversehrten Schwippschwager tippelnde Ehefrau und Mutter, die trotz ihrer 45 Jahre mit ihren ergrauten Schläfen schon aussieht wie 60. Immer summt sie fröhlich-abgehackte Melodien vor sich her, immer hat sie Worte des Trostes für diejenigen bereit, denen es nicht so gut geht wie ihr und ihrer Familie oder ihre verzweifelten, von ihr abhängigen Patientinnen. Die hat sich in einer kleinen, klaustrophobischen Wohnung, die Mike Leighs Kameramann Dick Pope in dunklen, monochromen Farben ablichtet, so funktional eingerichtet wie möglich: im Wohnzimmer gibt es einen Sessel für den Ehemann und eine kleine Couch für die Gäste, wo beispielsweise auch der neue buckelige Freund Platz nehmen darf, der endlich für das verschämte Aschenputtel Ethel gefunden wurde. Gesprochen wird in dieser Familie nur über das Tagesgeschäft, den Luxus emotionaler Einblicke in verschüttete Seelenlandschaften erlauben die vom wirtschaftlichen Überleben bestimmten Nachkriegsjahre einfach nicht. Dabei erweist sich Mike Leigh abermals als ein Meister des Subtextes, der im Gesagten das Ungesagte oder manchmal auch das Gegenteil des Gesagten zu verstecken weiß. Ein Anti-Ken-Loch gewissermaßen, der seine Figuren unaufdringlich, behutsam und geduldig-langsam exponiert, bis alles an seinem Platz ist und sich die Geschichte ihrem eigenen immanenten Rhythmus folgend ohne künstliche dramatische Einsprengsel zu Ende erzählt.
- Das Bonusmaterial
6 Monate Proben, Recherchen, Diskussionen, Improvisationen – so viel wie kaum ein anderer Regisseur seinen Schauspielern zubilligt – standen am Anfang von Mike Leighs 50er-Jahre-Melodram „Vera Drake“, jener von Imelda Staunton verkörperten fiktiven Hausfrau und Ehefrau, die jahrelang eine Doppelexistenz als ‚Engelmacherin’ führt und zahlreiche illegale Abtreibungen vornimmt, bis sie entdeckt und verhaftet wird. In dieser auch für Mike Leigh’s Verhältnisse außergewöhnlichen langen Vorbereitungszeit erfand der Regisseur seine Geschichte und seine Charaktere, stehen doch am Anfang jedes seiner Filmprojekte nur eine Idee, eine Vorstellung von einer Figur oder eine abstrakte Handlung fest. Die Schauspieler werden von Beginn an eng in das Geschehen miteingebunden, müssen recherchieren, das Wesen der Figur und ihre Hintergrundgeschichte selbst erfinden. All das hält Mike Leigh im parallel erarbeiteten Drehbuch fest.
Die beiden Hauptdarsteller Imelda Staunton und Phil Davis erläutern, wie sie ihre jeweilige Figur unter der Anleitung Mike Leighs von Geburt an erfanden und mit Details anreicherten. Erst in dem Augenblick, in dem sich die beiden Charaktere in ihrem fiktiven Leben das erste Mal begegnen, ließ Mike Leigh auch die beiden Hauptdarsteller das erste Mal aufeinander treffen. Nun folgt der schwierigere Teil der Vorbereitung – die Figuren müssen ihr Verhalten und ihr Verhältnis zueinander definieren, ihre Fähigkeit bzw. Unfähigkeit zur Kommunikation, ihre Sprache (eine schwierige Aufgabe, denn die Schauspieler mussten den Cockney-Akzent der 50er Jahre erlernen). Die Handlung spielt in den Filmen eine nur untergeordnete Rolle. Trotz allem dürfte es in Großbritannien und auch sonst auf der Welt niemandem geben, der nicht wenigstens einmal gerne mit Mike Leigh drehen würde – ist doch die Zusammenarbeit mit ihm ein äußerst privilegierter und dazu noch bezahlter Privatunterricht.
Schade, dass die Extras nur Interviews als interessanten Bonus enthalten – eine Dokumentation über die Dreh- und Entwicklungsarbeit fehlt leider.
Martin Rosefeldt
Vera Drake
Regie: Mike Leigh
Musik: Andrew Dickson
- Technische Angaben
Sprachen: Deutsch (Dolby Digital 5.1) Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bildformat: 16:9, 1.85:1
Dolby, DTS Surround Sound, Surround Sound, PAL
Laufzeit: 120 Minuten
Produktion: 2004
- Extras
- Interviews mit Imelda Staunton /Phil Davis/Mike Leigh
- Besetzung/Stab
- Fotogalerie






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Im Gesagten das Ungesagte oder manchmal
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