Dennis lebt alleine mit seiner siebenjährigen Schwester – in einem von unzähligen Kinderhaushalten in Uganda. Die Gräber der Eltern liegen direkt vor der Hütte. Alles, was den Geschwistern geblieben ist, sind das Transistorradio des Vaters, ein kaputtes Fahrrad und ihr wertvollster Besitz: das Memory Book, das ihnen ihre Mutter geschrieben hat, bevor sie starb.
Aids hat keinen Namen
Mehr als eine Million Menschen in Uganda tragen das HI-Virus in sich. Jede Familie ist irgendwie betroffen. Die Erwachsenen sterben

Solche Informationen lärmen in meinem Kopf, als ich nach Uganda reise, um einen Film über das Memory-Books-Projekt zu machen. Über Menschen, die den Kampf gegen die Tabuisierung von Aids aufgenommen haben und die langsame Auslöschung ihrer Familien nicht mehr hinnehmen wollen. Ein Schamane, den ich während meiner Recherchen treffe, sagt zu mir: „Die Afrikaner werden ohne ihre Kultur nicht überleben – ohne ihre Wurzeln, ohne ihre Ahnen.“
"Dein Zuhause steht unter großen Bäumen, die Schatten spenden. In der Nähe ist eine Schule" … lese ich in dem Memory Book, das Christine für ihre Tochter Viviane geschrieben hat. Daneben eine ungelenke Buntstiftzeichnung: vier Hütten, Bäume, ein Huhn, eine Ziege. Auch Christine ist HIV-positiv, ihr Mann hat sie angesteckt. Vor einigen Jahren ist er gestorben, einen Aids-Test hat er bis zum Schluss nicht machen wollen. Christine ist eine der ersten Frauen, die ein Memory Book geschrieben hat, ein Heft mit vor-gedruckten Überschriften wie "Deine Kindheit", "Meine liebste Erinnerung an dich", "Dein Vater", "Woran deine Eltern glauben", "Was ich dir für die Zukunft wünsche" … Ich lerne die Krankenschwester Christine bei Nacwola kennen, der Selbsthilfegruppe HIV-infizierter und aidskranker Frauen in Uganda.
40.000 Memory Books
Uganda war eines der ersten Länder in Afrika, das aufhörte, die Existenz von Aids zu verleugnen. Dank großangelegter Aufklärungskampagnen ist es heute das einzige afrikanische Land, in dem die Aidsrate gesunken ist. Hier haben sich Ende der 1990er Jahre die ersten Frauen zusammengetan, um endlich zuzugeben: Wir sind krank, und wir müssen damit umgehen. Es entstanden Selbsthilfegruppen wie die Organisation Nacwola, die Frauen durch die Krankheit begleitet, ihnen hilft, die Mutlosigkeit zu überwinden und den Tod der Angehörigen zu verarbeiten. Die sie anhält, sich um die Zukunft ihrer Kinder zu kümmern.
"Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt"
von Henning Mankell
dtv 2006

Ich möchte in meinem Film die Kraft und die Würde dieser Frauen zeigen, die ich bewundere. Doch die Ablehnung, die mir anfangs entgegenschlägt, ist entmutigend. Jedes Gespräch, das ich führe, soll etwas kosten: Reis, Fleisch, Seife. Alles wird anders, als ich Christine kennenlerne. Sie schenkt mir Vertrauen, sie glaubt an meinen Film und sie führt mich in die Nacwola-Gemeinschaft ein. Als die Frauen merken, dass ich ihre Stärke zeigen möchte, vertrauen sie mir allmählich.
Sex ist lebensgefährlich
Bitte, meine Tochter, hab’ keinen Sex, bevor du heiratest – es kann lebensgefährlich sein, schreibt Harriet, eine junge Mutter, in das Memory Book ihrer Tochter Winnie. "Abstain, be faithful, condomise" – seid enthaltsam, seid treu, benutzt Kondome: Das ist das neue ABC, das in den Schulen und Radioshows gelehrt wird. Die Journalisten appellieren: "Glaube keinem, dass er kein Aids hat, es sei denn, du siehst seinen Test". Es erschreckt mich, darüber nachzudenken, was mit einer Gesellschaft passiert, in der das Intimste zwischen zwei Menschen sie ins Grab bringt.In der Dämmerung fahren wir auf den Trans-African-Highway. Kilometerlange Lkw-Schlangen säumen den staubigen Straßenrand. Die Fahrer holen sich etwas zu essen und anschließend eine Frau. Die wenigsten sind Prostituierte, es sind Frauen aus dem Dorf, die sich hier ein wenig Geld verdienen. An diesem Ort breitet sich Aids wie ein Lauffeuer aus. Armut und Aids: der siamesische Zwilling Afrikas. "Lieber sterbe ich morgen an Aids, als heute an Hunger", sagt eine von ihnen.
Lucy, als Baby hast du viel geweint
Niemand außer mir durfte dich tragen. Betty sitzt mit ihren Kindern auf einer Bastmatte vor ihrer traditionellen Rundhütte. Sie ist nie zur Schule gegangen und Analphabetin wie etwa 30 % aller Ugander, deshalb schreibt ihr ältester Sohn George im Memory Book auf, was sie erzählt. Es ist Betty wichtig, dass ihre Kinder später wissen, wo sie herkommen, wer ihr Vater war. Es ist ihr wichtig, Lucy, ihrer Jüngsten, zu sagen, dass sie keine Angst haben soll.Die Memory Books bringen die Menschen zusammen. Mütter halten ihre Kinder im Arm, manche trauen sich erst jetzt, ihnen von der Krankheit zu erzählen. Die Kinder können Fragen stellen und bekommen ehrliche Antworten. Eine ganze Generation erlischt, aber durch die Memory Books entsteht etwas Neues – es bleiben Kinder zurück, die ihre Familiengeschichte kennen und eine Identität haben. Es sind Kinder, die wissen, dass sie geliebt wurden. Kinder, die stolz auf sich und ihre Eltern sein können.
Protokoll: Corinna Daus (ARTE MAGAZIN)






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