Schriftgröße: + -
Home > Die Filme > Vers le sud

Venedig 2005 - Offizieller Wettbewerb - 08/09/05

Vers le sud

Ein Film von Laurent Cantet


Laurent Cantet beleuchtet in paradisischer Kulisse
Haitis das sexuellen Verlangen dreier Frauen

Mit Charlotte Rampling, Karen Young, Louise Portal, Menothy Cesar
(Frankreich, 2005. 105 Min.)

Synopsis : Anfang der 80er Jahre in Haiti: Das am Strand liegende Hotel 'La Petite Anse' empfängt zahlreiche, nach Abwechslung suchende Touristen. Die eigentliche Attraktion bildet eine Gruppe junger Männer, die für ein gutes Essen oder einige Dollars ihre Reize darbieten. Ellen (Charlotte Rampling), Brenda (Karen Young) und Sue (Louise Portal) profitieren ungeniert davon...

Der Trailer zum Film
Im Gespräch mit Charlotte Rampling
Im Gespräch mit Laurent Cantet
Im Gespräch mit Louise Portal
Interview Olivier Bombarda (Real Video)

Kritik : Nach Ressources Humaines und L’emploi du temps schlägt Laurent Cantet eine neue Richtung ein : Weit vom grauen Himmel Paris' oder Genfs entfernt hat sich der französische Regisseur nun als Rahmen seines neuen Filmes Vers le sud die paradisischen Landschaften Haitis ausgesucht. Durch die Novellen des Schriftstellers Dany Laferrière beeinflusst bietet er das Porträt dreier verschiedenen Frauen, die sich durch die sexuellen Reize der jungen Männerbande stark angezogen fühlen.

Ellen (Charlotte Rampling) ist Engländerin, 55, und flösst durch ihre Schönheit, ihren Ehrgeiz und ihre Unabhängigkeit unvermeidlich Respekt ein. Sue, die "Dicke" (Louise Portal) ist Kanadierin; sie ist die zärtlichste von allen und auch diejenige, die für andere Menschen ein offenes Ohr hat. Brenda ist Amerikanerin, neigt zu Depressionen, sie ist die jüngste.
Indem er sich eindringlich mit dem Verlangen dieser drei Frauen befasst, portraitiert Cantet jede Frau im Rahmen dieses originellen Kreises. Einleitend werden drei Szenen gezeigt, in denen jede Frau einzel die Gründe nennt, weshalb sie sich in diesem so weit abgelegenen Hotel befindet. Als gemeinsamer Nenner kommt dabei sofort die sexuelle Misere zum Vorschein, die sie in ihrem Alltag erleben, und die sie in Haiti in den muskulösen Armen farbiger Männer zu überwinden suchen.
Einer davon lockt besonders Ellen und Brenda an: Legda, einen jungen, faszinierend schönen Mann. Die beiden Frauen streben konkurrierend um seine Gunst. Ellen jedoch, die seit vielen Jahren hier schon ihre Gewohnheiten im Umgang mit Legda hat, betrüben allmählig die auffälligen Versuche Brendas, sich ihrem bevorzugten 'Dienstboten' anzunähern.

Langsam aber sicher bringt Cantet die Orientierungslosigkeit jener fünfzigjährigen Frau ans Licht und lässt dabei ihre britische Ruhe zerbröckeln. Mit Entschiedenheit deutet Cantet auf die Zerbrechlickeit dieser Frau hin, deren Diskurs über sexuelle Freiheit letztendlich nichts als eine Fassade ist. Dementsprechend lässt Cantet den Gedanken aufkommen, es gäbe bei den Frauen keine Diskrepanz zwischen Sexualität und Liebe. Dabei ist eigentlich nichts eindeutig, umso weniger als der Mutterinstinkt oft mit von der Partie ist.

Den weiblichen Gestalten gegenüber scheinen die jungen fröhlichen Männer vollkommen unbefangen zu handeln. Aber der Eindruck trügt, denn in Wirklichkeit übersehen sie ihre Herkunft nie. Durch ein Gespräch zwischen Legda und seiner Mutter wird das Ausmass des alltäglichen Elends in Haiti ergreifend deutlich. Durch die Bekenntnisse von Albert, dem Hotelleiter, werden dem Zuschauer die Schamgefühle und die auswegslose Wut eines Volkes bewusst, das vollkommen durch die aussichtslosen, wirtschaftlichen Verhältnisse gelähmt wird.

Was Vers le sud kennzeichnet, ist der so prägnante Kontrast zwischen der paradiesischen Schönheit der Männer und der Umgebung und der trübseligen, brutalen und erschreckend traurigen Realität.

Olivier Bombarda


------------------
Vers le sud
Ein Film von Laurent Cantet
Mit Charlotte Rampling, Karen Young, Louise Portal, Menothy Cesar
(Frankreich, 2005. 105 Min.)
Venedig 2005 - Offizieller Wettbewerb

Erstellt: 30-08-05
Letzte Änderung: 08-09-05