Wenn es dämmrig wird, macht Kenneth Wokorach sich auf den Weg. Denn nachts kommen die Rebellen der Lords Resistance Army aus dem Busch. Sie überfallen die Dörfer der Acholi in Norduganda und entführen Kinder, die sie dann zum kämpfen und töten zwingen. Deshalb schläft der 15jährige schon lange nicht mehr zu Hause.
„Es ist anstrengend und lästig, dass ich jeden Abend weggehen muss und kaum Zeit mit meiner Familie verbringen kann.“ Sein Ziel ist eine Tischlerei am Rande der Kleinstadt Gulu, die sich Abend für Abend in einen Schlafsaal verwandelt – und das schon seit acht Jahren. Nicht nur Jugendliche wie Kenneth Wokorach, auch Mütter mit ihren Kleinkindern bringen sich hinter den dicken Mauern in Sicherheit.
Zur Zeit verhalten sich die Rebellen ruhig, deshalb schlafen nur hundert Menschen in der Tischlerei, zu anderen Zeiten drängen sich an die Tausend hier.
Im ganzen Distrikt Gulu sind in manchen Nächten 40.000 dieser unfreiwilligen Pendler unterwegs gewesen. Inzwischen haben internationale Hilfsorganisationen Schutzräume für die Frauen und Kinder eingerichtet, die sie „Night Commuter“, Nachtpendler, nennen. Mindestens 20.000 Kinder haben die Rebellen in den letzten Jahren gekidnappt, beinahe jede Familie beklagt Vermisste, Verstümmelte und Tote.Kenneth Wokorach:
„Ich komme nachts immer hier her, weil ich Angst habe, dass mich sonst die Rebellen wieder entführen könnten. So wie vor fünf Jahren, als sie mich nachts aus der Hütte meiner Eltern geholt haben.“Nach 19 Monaten konnte Kenneth Wokorach fliehen und zurück zu seinen vier Geschwistern und der Mutter:
„Es tut mir sehr weh, dass ich meinen Sohn nachts nicht bei mir haben kann. Aber nach allem was geschehen ist, habe ich zu große Angst, dass er wieder entführt werden könnte. Solange er dort in der Tischlerei schläft, ist er wenigstens sicher.“
Als die Rebellen Kenneth verschleppten, ihr Dorf ausplünderten und verwüsteten, hat die Familie bei Verwandten am Stadtrand von Gulu Unterschlupf gefunden.
Obwohl ihre Heimat nur 14 Kilometer weiter im Norden liegt, können sie nicht zurück.
Die Mutter: „Vor drei Jahren war ich zum letzten Mal auf unserem Land, gemeinsam mit vier anderen Frauen. Wir wollten Feuerholz holen. Plötzlich kamen die Rebellen: Ich konnte fliehen, aber zwei von den anderen wurden von den Rebellen getötet. Seit dem habe ich mich nie mehr getraut, dort hin zurück zu kehren.“
Solange Kenneth Wokorach denken kann, bestimmt der Buschkrieg im Land der Acholi das Leben seiner Familie: „Es wird immer so weiter gehen: Ich lebe nur noch von einem Tag zum nächsten und versuche, mit irgendwelchen Gelegenheitsjobs die Kinder satt zu kriegen und ihr Schulgeld zu bezahlen. Meine Kinder sind jetzt meine einzige Hoffnung.“
Die Regierung hat die Menschen schon lange allein gelassen: Seit 20 Jahren terrorisieren die Rebellen der LRA die Bevölkerung in Norduganda.
Die allgegenwärtigen Soldaten der ugandischen Armee haben daran nichts geändert. Inzwischen fühlen sich viele Acholi auch von ihnen eher bedroht als beschützt.
Staatspräsident Yoweri Museveni verspricht mal militärische Vernichtung, mal Verhandlungen mit der LRA – bislang folgenlos. Und auch die andern Politiker haben die Leiden der Menschen im Norden bisher ignoriert.Nur die katholische Kirche traut sich, diese Politik offen zu kritisieren. Sie hat eine Friedensinitiative ins Leben gerufen, die von Pater Cuprion Ocen geleitet wird:„Wieso ist die ugandische Regierung nicht in der Lage, die LRA in Schach zu halten? Wie viele LRA-Rebellen gibt es denn überhaupt? Wir kämpfen im Kongo, wir kämpfen in Ruanda und da sollen wir nicht in der Lage sein, mit der LRA fertig zu werden?
Stattdessen hat das ugandische Militär inzwischen fast die gesamte Landbevölkerung in Flüchtlingslager umgesiedelt – angeblich zu ihrer eigenen Sicherheit:„Diese Flüchtlingslager wurden am Anfang „geschützte Dörfer“ genannt. Komischerweise befindet sich der Militärposten aber immer mittendrin, im Inneren des Lagers. Man weiß also nicht, wer hier eigentlich wen schützt: Das Militär die Zivilisten, oder doch eher die Zivilisten das Militär?“
Fast 1,5 Millionen Acholi leben mittlerweile in solchen Lagern. Bauern, die früher gut von ihrer Hände Arbeit leben konnten, sind jetzt auf die Zuteilungen internationaler Hilfsorganisationen angewiesen. Viele Kinder sind fehl ernährt, in den überfüllten Lagern breiten sich Krankheiten aus, die medizinische Versorgung ist unzureichend. Auch um die Kinder zur Schule zu schicken, fehlt den völlig verarmten Familien meist das Geld.
Paul Rubangakene ist Sozialarbeiter bei der Caritas Gulu, eine der ersten Hilfsorganisationen, die sich um die Menschen in den über 50 Flüchtlingslagern des Distrikts gekümmert hat :„Wir beraten die Leute und nehmen uns Zeit, ihnen zuzuhören. Sie leben seit 20 Jahren im Krieg und viele sind in gewisser Weise traumatisiert. Man merkt ihnen ihre Verzweiflung an, das Gefühl in einer völlig aussichtslosen Situation zu leben. Wir versuchen ihnen Mut zu machen, so dass sie damit umgehen können.“
„Das größte Problem in den Lagern ist meiner Meinung nach, dass die Familien nicht mehr funktionieren, und die Eltern unter diesen Bedingungen überhaupt nicht mehr für ihre Kinder sorgen können. Sie sind so verarmt, dass es kaum für das Nötigste reicht. Und um das wenige, was da ist, gibt es dann auch noch Streit. Die Männer, traditionell eigentlich die Ernährer der Familie, können diese Rolle hier nicht mehr ausfüllen. Sie werden dann oft gewalttätig, damit sie sich ihre eigene Machtlosigkeit in dieser Situation nicht eingestehen müssen.“
Männer, die jetzt mit Kartenspiel und Alkohol die Zeit totschlagen, waren einst die stolzen Hüter der Kornkammer Ugandas.
Jetzt dürfen ihre Familien nur noch aufs Feld, wenn die ugandische Armee es erlaubt – falls es nah genug am Lager liegt, wie das Land von Betty Amito und ihren Kindern:
„Wir leben wie Gefangene im Lager. Es ist viel zu eng, ich muss mit meinen sechs Kindern in einer winzigen Hütte wohnen. Außerdem ist es wirklich schwer, genug Nahrungsmittel zu beschaffen – ganz anders als hier, wo es nie ein Problem war, die Kinder zu ernähren und unterzubringen. Hier hatte jeder genug Platz für sich – und im Lager findet man noch nicht mal Platz, um seinen Müll los zu werden!“
Betty Amito wurde von staatlichen Milizen gezwungen, im Lager zu leben, nachdem die Rebellen ihre Heimat unsicher gemacht hatten:
“Hier ist unser eigentliches zu Hause, wo wir früher sehr komfortabel gelebt haben. Man kann ja die Überreste der Gebäude noch sehen: Also, diese Hütte hier und die andere da gehörten der zweiten Frau meines Mannes, dahinter liegt ihr Feld.
Und ich hatte drei Hütten, diese die schon völlig zusammengebrochen ist, für die Kinder, die andere die noch zur Hälfte steht für mich, und die dritte da war meine Küche.“
Warum das staatliche Militär solche Ländereien nicht schützen kann, fragen sich viele Bauern und auch die kirchlichen Friedensaktivisten:
„Vielleicht hält die Regierung unsere Leute in den Lagern fest, damit sie ihr Land verlieren? Diesen Verdacht haben jedenfalls viele von uns. Denn einige hochrangige Offiziere der ugandischen Armee bewirtschaften hier in der Gegend jetzt Ländereien, die so groß sind, dass sie Helfer für die Ernte anheuern müssen. Wenn die Offiziere ihre Höfe hier sicher bewirtschaften können, warum können sie die anderen Leute nicht zurück auf ihr Land lassen, und sie dort beschützen?“
In den Lagern stehen die Hütten so eng, das die Grasdächer schnell Feuer fangen. In Awer, nördlich von Gulu, sind innerhalb von zwei Stunden 780 Hütten abgebrannt.
Doch größere Abstände zwischen den Hütten, effektiverer Brandschutz oder andere technische Verbesserungen im Lager lösen das eigentliche Problem nicht, meint Sozialarbeiter Paul Rubangakene:
„Es hilft nichts, die Lebensbedingungen in den Lagern zu verbessern, weil dieses Leben den Gewohnheiten und Bedürfnissen der Leute von Grund auf widerspricht. Statt dessen sollte man lieber die Sicherheitslage verbessern, damit die Leute nach Hause zurückkehren können.“
Sicher werden sich die Menschen in Norduganda erst fühlen, wenn die Überfälle der LRA aufhören.
Dazu müsste die Regierung ein Friedensangebot machen, das die Rebellen endlich aus dem Busch lockt und ihnen ein normales Leben ohne Waffen ermöglicht.
Erst dann können die Acholi wieder so eigenverantwortlich leben, wie sie es gewohnt waren.
Dann müsste auch Kenneth Wokorach endlich nicht mehr in der Tischlerei schlafen – und die Angst vor den Rebellen wäre nur noch ein böser Alptraum.
Paul Rubangakene: „Die Acholi werden nie mehr dasselbe Volk sein wie früher, aber sie können sich ihren kulturellen Wurzeln wieder annähern. Denn diese Menschen sind emotional sehr stabil. Die Acholi sind sehr liebevoll und verantwortungsbewusst, und sie sind nicht nachtragend. Deshalb bin ich mir ziemlich sicher, dass sie die Fähigkeit haben, noch einmal von vorne zu beginnen und ihre Zukunft neu zu erschaffen.“
Ob sie diese Chance jemals bekommen, hängt von der ugandischen Regierung ab. Nur sie kann den Krieg beenden, unter dem 1,5 Millionen Acholi leiden.







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