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François Truffaut - Ein Leben fürs Kino

ARTE widmet dem Regisseur anlässlich seines 20. Todestages einen Schwerpunkt und gibt Einblick in sein Schaffen. Interaktive Animation.

François Truffaut - Ein Leben fürs Kino

13/10/04

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Kino war seine Leidenschaft, sein Lebensinhalt. Er war die Ikone der Nouvelle Vague. Mir rund 20 Werken schrieb François Truffaut Filmgeschichte. Eine Annäherung an sein Leben.

„Ich darf meine Träume verwirklichen und werde auch noch dafür bezahlt, ich bin der glücklichste Mensch auf Erden“. Für François Truffaut war das Kino ein wunderbares Spielzeug, das ihm ermöglichte, die Spiele seiner Kindheit zu verlängern und das Leben buchstäblich zu verbessern, indem er es nach seiner Façon arrangierte. Früh ließ er sich vom Kino verzaubern, verschwand ganze Tage in den dunklen Sälen der Pariser Kinos, tauchte ein in Liebesgeschichten und Thriller und vergaß die Welt draußen. Er muss ein einsames neugieriges Kind gewesen sein, eines, das jede Strafe für seine unwiderstehliche Lust am Sehen auf sich nahm.
Am 6. Februar 1932 als uneheliches Kind in Paris geboren, wuchs Truffaut zunächst bei Pflegeeltern und seiner Großmutter auf. Als die Mutter heiratete, entzog er sich dem Regiment des strengen Stiefvaters, schwänzte die Schule und verbrachte seine Zeit lieber in der Traumwelt des Kinos oder auf den Straßen. Seine ersten 200 Filme sah er „im Stande der Heimlichkeit, im Schutz der Schule, die ich schwänzte, indem ich mir durch den Notausgang oder die Toilettenfenster des Kinos freien Eintritt verschaffte“. Kein Wunder also, dass die Polizei auf den jugendlichen Kino-Fan aufmerksam wurde und seine entnervten Eltern ihn sogar in ein Erziehungsheim einwiesen. Truffauts Vergehen: Er hatte mit einem Freund zusammen einen Filmclub gegründet und ein finanzielles Desaster angerichtet.
Die Bedeutung seiner Rebellion ist nur nachvollziehbar, wenn man sich die ungeheure Sogwirkung des Kinos im Paris der Nachkriegszeit vorstellt. Französische und internationale Filme jedes Genres und jeder Qualität liefen rund um die Uhr. Filme zu diskutieren war ein beliebtes Gesellschaftsspiel, die zahlreichen Filmclubs wurden zu Treffpunkten für eine neue Generation von Cineasten. Freundschaften entwickelten sich, aus denen zehn Jahre später die Bewegung der Nouvelle Vague entstand.
Truffauts Passion war auch in einem praktischen Sinn Überlebensmittel. Der berühmte Pariser Lehrer und Autor André Bazin nahm den 17-Jährigen in seine Familie auf und förderte sein Talent, über die Filme, die ihn begeisterten, zu schreiben. Truffauts schmale Existenz als Gelegenheitsarbeiter und Soldat wendete sich erst allmählich zum Besseren, als er Filmkritiker für verschiedene Zeitschriften wurde, vor allem für die von seinen Freunden, den Regisseuren Jacques Rivette, Eric Rohmer und Jean-Luc Godard, gegründeten „Cahiers du Cinéma“. Als er im Militärdienst wegen Desertion in Handschellen lag und Zeit hatte, sich mit Orson Welles’ „Othello“ zu beschäftigen, wurde er sich endgültig seiner künftigen Aufgabe bewusst. 170 Artikel schrieb er über die „Filme meines Lebens“ (so der Titel eines seiner Bücher). Kritik lag ihm weniger am Herzen als die enthusiastische Beschreibung und Wertschätzung puren
Kino-Vergnügens. Seine Interviewfrage „Wie haben Sie das gemacht, Mr. Hitchcock?“ führte zum Beispiel zu einem der aufschlussreichsten Filmbücher aller Zeiten.
Wie selbstverständlich wuchs Truffaut im Freundeskreis der Pariser Cinephilen ins Filmemachen hinein. Bei seinen ersten Kurzfilmen „Une Visite“ (1955) und „Die Unverschämten“ („Les Mistons“, 1957) übte er das Inszenieren mit Laiendarstellern, drehte in Wohnungen und auf der Straße, nutzte die Technik der leichteren 16-mm-Kamera und holte sich als Ratgeber, Koautoren und Schnittmeister Freunde wie Jacques Doniol-Valcroze, Alain Resnais und Jean-Luc Godard. Sein autobiografisch inspiriertes Langfilmdebüt „Sie küssten und sie schlugen ihn“ („Les Quatre Cent Coups“, 1959) über einen rebellischen Jungen (gespielt von Jean-Pierre Léaud als Truffauts Alter Ego) an der Schwelle zur Pubertät brachte ihm 1959 die Goldene Palme in Cannes ein - der Startschuss für die Erfolgsgeschichte der Nouvelle Vague, deren Experimente das Kino und seine Erzählformen grundlegend veränderten.
Unter den rund 20 Filmen, die Truffaut bis zu seinem frühen Tod 1984 vollendete, sind Liebesfilme, Tragikomödien und Thriller. Viele wurden Klassiker des europäischen Kinos, darunter zwei der poetischsten und rätselhaftesten Filme mit Jeanne Moreau: „Jules und Jim“ (1961) und „Die Braut trug Schwarz“ („La mariée était en noire“, 1967). „Das Geheimnis der falschen Braut“ („La sirène du Mississippi“, 1968) und „Die letzte Metro“ („Le dernier métro“, 1980) gelten bis heute als zwei der schönsten Erfolge von Catherine Deneuve.
Er hat es offen gefeiert: „Schöne Dinge mit schönen Frauen zu tun“ war eines der Lieblingsmotive des Filmregisseurs. Der Gang, das Haar, die Ausstrahlung seiner Stars faszinierten ihn ebenso wie die Beschwörung ihrer weiblichen Stärken. Seine letzte Geliebte Fanny Ardant verkörperte dieses Ideal in dreien seiner Filme, darunter die bezeichnende Komödie „Der Mann, der die Frauen liebte“ („L’Homme qui aimait les femmes“, 1976).
François Truffauts schwierige Jugend, seine einsame pubertäre Rebellion finden sich als zweite gewichtige autobiografische Spur in seinem Werk, in den Kurzfilmen wie in den Spielfilmen. Jean-Pierre Léaud, der bereits den Antoine Doinel in „Sie küssten und sie schlugen ihn“ spielte, wurde als Hauptfigur vier weiterer Doinel-Komödien zu einer Ikone der Nouvelle Vague. Aus der Schwierigkeit, erwachsen zu werden, schöpfte François Truffaut die Lust am Realismus der Träume, die seine Filme auszeichnet.

Claudia Lennsen für das ARTE Magazin

Erstellt: 27-09-04
Letzte Änderung: 13-10-04