Für diejenigen, die den Anfang verpasst haben …
Nostalgische Musik erklingt, ein Blaufilter liegt über dem Bild: Während des Vorspanns sieht man einige Paare abwechselnd ganz nah vor der Kamera tanzen. Zuerst sind Vincent (Yves Montand) und Catherine (Stéphane Audran) im Vordergrund, dann François (Michel Piccoli) und Lucie (Marie Dubois), schließlich Paul (Serge Reggiani) und Julia (Antonella Lualdi). Der Vorspann endet jedoch mit einer disharmonischen Note: Das Bild von einer monochromen, glücklichen Vergangenheit verschwimmt und wird durch ein qualmendes Holzfeuer ersetzt. Farbe und Gegenwart melden sich zurück. Das Feuer wird von kleinen Kindern unterhalten, direkt neben einer Hütte im Garten des Hauses von Paul und Julia. Es ist Wochenende und die Freunde des Paares sind zahlreich erschienen. Man spielt Fußball. Jean (Gérard Depardieu) rennt dem Ball hinterher, Vincent, François und Paul stoßen zum Spiel hinzu. Im Haus ruht sich Marie (Ludmila Mickaël) aus, Vincents junge Geliebte. Das Telefon klingelt, Catherine möchte Vincent sprechen. In diesem Moment wird das Fußballspiel durch einen beginnenden Brand unterbrochen. Jean stürzt sich in die Glut, um eine Butanflasche herauszuholen, und das Feuer wird bezwungen. Vincent vergewissert sich, dass wirklich alles gelöscht ist, erteilt ein paar überflüssige Ratschläge und nimmt dann Catherines zweiten Anruf entgegen. Betrübt gesellt er sich anschließend zu seinen Freunden, die alle zusammen in der Küche einen Imbiss zu sich nehmen. Ein unerwarteter Gast erscheint, der charmante Jacques (Umberto Orsini). Das Wochenende klingt aus und alle kehren zu ihren alltäglichen Sorgen zurück.
Die Dinge des Lebens
Es ist kein Zufall, dass Vincent im Titel als Erster genannt wird. Zwar handelt es sich um einen Ensemblefilm über eine Gruppe von alten Freunden und ihr persönliches Umfeld. Sie sehen sich gegenseitig beim Älterwerden zu und erleben auch die Verzichte, Kompromisse und Misserfolge der anderen. Doch derjenige, dem im Film insgesamt am meisten Dinge widerfahren und den die meisten Schicksalsschläge treffen, ist zweifellos Vincent (seine Frau beantragt die Scheidung, seine Geliebte verlässt ihn, Gläubiger setzen ihm die Pistole auf die Brust, seine Gesundheit verschlechtert sich …). Und weil er sich wehrt, erlangt er die Aufmerksamkeit der Zuschauer, wenn auch nicht die seiner Freunde. Letztere haben im Übrigen ihre eigenen Probleme. Es gelingt Sautet, all diese Geschichten parallel verlaufen zu lassen, indem er sie unterschiedlich gewichtet und einander gegenüberstellt. So erklären sich die Vielfalt und der Reichtum seines Films, der komplex, bewusst unspektakulär und voller Leben ist. Der Regisseur spielt seinen Figuren gegenüber nicht den übermächtigen Schöpfer, sondern zeigt sie auf Augenhöhe. Dass er dennoch eine gewisse Distanz zu ihnen wahrt, liegt an seiner Zurückhaltung und seiner Abscheu vor Sentimentalität, nicht etwa an mangelndem Wohlwollen. Tatsächlich geht der Film viel sanfter mit den Protagonisten um als die Buchvorlage von Claude Néron, „La grande marrade“. Néron schrieb das Drehbuch zu „Vincent, François, Paul und die anderen“ gemeinsam mit Jean-Loup Dabadie, dem Sautet bereits das Drehbuch zu „Die Dinge des Lebens“ verdankte, zu jenem Film also, durch den er die Gunst von Publikum und Kritikern wiedererlangte. Die meisten Filme, die Sautet von diesem Zeitpunkt an drehte, hätten ebenfalls „Die Dinge des Lebens“ heißen können.
Eine Musik, die nicht aus dem Kopf geht
Sautet hat oft erklärt, dass beim Regieführen eine „unsichtbare Magie“ am Werk sein müsse. Doch um besondere Stimmungen zu erzeugen und um eigentlich recht gewöhnlichen Figuren ausreichend Leben einzuhauchen, mussten bestimmte Grundvoraussetzungen erfüllt sein. Jedes Detail seiner Filme sollte um jeden Preis nach seinen Vorstellungen umgesetzt werden. Aus diesem Grund setzte er oft bekannte Schauspieler ein, insbesondere Montand und Piccoli, und arbeitete wiederholt mit denselben Mitarbeitern. Zu diesen gehörte der Komponist Philippe Sarde, denn die Musik nahm in Sautets Denkweise immer einen wichtigen Platz ein. Er sagte zum Beispiel, dass er mit Romy Schneider gut auskam, weil sie die Musik verstand. Mit Yves Montand und Serge Reggiani, beide professionelle Chansonniers, und Michel Piccoli, dessen Eltern Musiker waren, verhielt es sich wahrscheinlich ebenso. Abschließend lässt sich in jedem Fall sagen, dass Sautets Filme mit ihrem Rhythmus, ihrer Stimmung und ihren Farben eine Zeit geprägt haben und dass sie dennoch nicht veralten, da sie den Menschen in den Mittelpunkt stellen.
Links
- Trailer zu „Vincent, François, Paul und die anderen“
- Filmlektion am Beispiel von „Vincent, François, Paul und die anderen“ von N. T. Binh (auf Französisch)
- Claude Sautet (auf Deutsch)
- Trailer zu „Die Dinge des Lebens“ (auf Englisch)
- Ausschnitt aus „Die Dinge des Lebens“ (auf Französisch)






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