Berlin, Hauptstadt zwischen Vergangenheit und Gegenwart. In der Stadt sucht jeder seinen eigenen Stil, der möglichst etwas mehr als nur Retro sein sollte. Denn eines verbindet die Berliner in ihrer Vielfalt: der Vintage-Kult.
Uta Gayer verkauft in ihrer kleinen Boutique „Lunettes“ im friedlichen Stadtteil Prenzlauer Berg Brillen. Eckige und Schmetterlingsfassungen, bunt oder in dunklen Farben, zieren ihre Verkaufsständer. Brillen sind der absolute Hingucker und krönen als unabdingbares Accessoire jeden Look.
Ob Persol, Dior oder Wayfarer von Ray Ban – die Preise für originelle Modelle liegen bei etwa 100 €. Die legendäre Alpina M1 kostet allerdings immerhin 579 €.
„Eigentlich bin ich eher eine Sammlernatur, als eine Verkäuferin“, erzählt Gayer. „Ich suche auf Flohmärkten oder kontaktiere Unternehmen, um Auslaufmodelle aufzukaufen.“ Stylisten, Requisiteure und andere stöbern in ihren Regalen: „Die Berliner hatte noch nie viel Geld. Sie legen aber großen Wert auf Individualität und einen eigenen Stil.“
Der Berliner Trend zum Vintage ist jedoch nicht nur eine Modeerscheinung, sondern auch eine Lebenseinstellung. In Berlin, das stark durch die Geschichte geprägt ist und in seiner Architektur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ganz unkonventionell verbindet, ist die Begeisterung für Secondhand und Altes im neuen Look deutlich zu erkennen. Die Fußgänger in Prenzlauer Berg oder Berlin Mitte würfeln ihren Look ungeniert und kunterbunt zusammen und kombinieren beispielsweise abgetretene Pumas oder einen Schal in DDR-Farben mit Jeans. Ein individueller und experimenteller Stil.
Secondhand-Läden gibt es übrigens wie Sand am Meer. Bei „Colours“ in Kreuzberg werden die Klamotten nach Gewicht bezahlt: 13,99 € das Kilo. Bei Humana (Secondhand-Imperium mit fast 10 Filialen in der ganzen Stadt) am Frankfurter Tor verteilen sich mehrere Tausend gebrauchte Kleidungsstücke auf die fünf Etagen eines typischen Sovietgebäudes. In der Café-Bar „Wohnzimmer“ am Helmholtzplatzdient das authentische Ambiente einer DDR-Wohnung der 60er als Kulisse. So kann man im Badezimmer genüsslich sein Bier trinken oder in der Küche mit Mustertapete diskutieren. Der Film „Good Bye, Lenin!“ löste 2003 eine regelrechte Ostalgie-Welle aus. Der Verkauf von Gegenständen, Möbeln und Kleidung aus der ehemaligen DDR wie Trabis, die blauen Hemden der Jungen Pioniere, Zetti-Schokolade und Rotkäppchensekt stand hoch im Kurs.
Inzwischen ist dieser kapitalistisch verbrämte Ostalgiehandel wieder eingeschlafen. Dennoch locken die Flohmärkte am Mauerpark oder dem Arkonaplatz Touristenmassen und Vintage-Fans auf der Suche nach den letzten Schätzen an: Paillettenkleider aus den 20ern, einzigartige Stücke von Modedesignern wie Vivienne Westwood, oder, nicht zu vergessen, Inneneinrichtungsgegenstände aus der DDR.
Im Zentrum des ehemaligen Ostberlins, im Umkreis von rund zwei Quadratkilometern um den U-Bahnhof Eberswalder Straße, finden sich einige Duzend Secondhand-Shops. Im Laden „Stiefelkombinat“ wird Kleidung aus den 60ern und 70ern angeboten, aber auch Leuchten und andere typische DDR-Gegenstände. Die Kunden wollen vor allem, so Verkäuferin Franziska, „etwas Besonderes sein, und nicht das gleiche wie alle anderen tragen“. Außerdem lässt sich mit den Klamotten auch Geld sparen, vor allem in Zeiten der Rezession. „Der Vintage-Trend zeigt, dass man auch mit wenig Geld eine gewisse Atmosphäre oder einen Look kreieren kann“. Altes in Ehren zu halten hat schon immer den Charme Berlins ausgemacht, frei nach dem Motto „Geiz ist geil“.
Einfallsreichtum anstelle eines dicken Geldbeutels. Das ist die Berliner Philosophie, die auch bei den meisten Touristen gut ankommt. Mit einem Anteil von 60-70 Prozent stellen sie die größte Käufergruppe dieser Läden. Das ausgezeichnete Preisleistungsverhältnis in Berlins Unterkünften und direkte Billigflugverbindungen mit London, Paris und Spanien bringen Besucher in Strömen nach Berlin. 2008 besuchten 7,9 Millionen Touristen die Stadt, ein Zuwachs von 4,2 Prozent in weniger als einem Jahr. Die 19-jährige Cecilia aus Kopenhagen kommt nur wegen der Klamotten nach Berlin. Sie geht in den Secondhand-Läden auf Schnäppchen-Jagd, da „in Dänemark die Preise zu hoch sind“. Die 20-jährige Französin Capucine, die derzeit ein Praktikum in einem Plattenhandel absolviert, meint: „Mir gefällt es, verschiedene Stile zu mischen. In dieser Hinsicht ist Berlin viel toleranter und extravaganter als Paris. In Frankreich wird jeder, der sich nicht an die Normen hält, schief angeschaut.“
Adelheid Rasche, Direktorin der Kunstbibliothek Berlin und Modehistorikerin, beschreibt den früheren Berliner Stil als „sehr alternativ, sehr links“, in den 80ern als fast schon schrill und geschmacklich grenzwertig. Heute ist die Mode braver, man könnte gar von einer Vereinheitlichung sprechen.
Die Bezeichnung Vintage ist dagegen – paradoxerweise – noch relativ jung. „Die Tatsache, dass auch die Mode eine Geschichte hat, rückte erst vor wenigen Jahrzehnten ins Bewusstsein der Menschen. Tradition und Herstellungsweise wurden sehr wichtig.“ Der Vintage-Boom in Berlin hängt auch mit dem besonderen soziokulturellen Umfeld zusammen: „Seit der Wiedervereinigung kamen viele junge Menschen, Künstler und Kreative aus der ganzen Welt nach Berlin. Sie alle legten eine ausgeprägte Individualität an den Tag.“ Die Hälfte der 3,4 Millionen Einwohner der Stadt ist jünger als 35 Jahre, rund 12% stammen nicht aus Deutschland.
Hinzu kommt das, was Adelheid Rasche mit dem Ausdruck „Fin de Siècle Melancholie“bezeichnet. Möglicherweise zeugt der Vintage-Boom von mangelndem Vertrauen in die Zukunft. „Da wir alles gesehen haben und alles wissen, halten wir uns an die Vergangenheit. Allerdings beziehen wir uns nicht auf eine bestimmte Zeit. Vielmehr suchen wir uns aus jeder Epoche etwas und kombinieren das.“
Aus einer verrückten Mischung – Goldene Zwanziger, Retroschick oder Hippie-Style – kann jeder seinen eigenen Stil mixen.
„Lange Zeit waren die Berliner für ihren lässigen Kleidungsstil bekannt. Nun haben sie endlich bemerkt, dass sie sich auch elegant kleiden könnten“, bemerkt Gerlinde, Eigentümerin der Boutique „Cache Cœur“. In dem vor drei Jahren eröffneten Laden findet sich neben einem Kleid aus weißer Spitze von Alexander Mac Queen ein Paar Schuhe von Givenchy. Ob aus Seide, Tüll, Satin oder Taft, ob Korsage oder Petticoat: Gerlinde verkauft nichts aus zweiter Hand, sondern ausschließlich erste Wahl. Echte Vintage-Kleidung, Luxus. Unzählige Schätze der 50er bis 70er Jahre finden sich in schlichter Atmosphäre zwischen kostbarem Nippes und Designerstühlen. Sie stammen entweder direkt von den großen Modeschöpfern oder von spezialisierten Händlern aus Deutschland, Brüssel oder Paris. Gerlinde mit ihren rot geschminkten Lippen und der theatralischen Sprechweise ist auch mit dem „Swinging London“ vertraut, in dem sie mehrere Jahre gelebt hat. Sie arbeitet viel für Film und Theater. Von sich selbst sagt sie, dass sie schon immer Vintage getragen habe, „auch, als es noch nicht Mode war.“ Denn Vintage steht für sie für Qualität. „In den 50ern wurden Kleider noch für länger als eine Saison konzipiert. Sie hielten mehrere Jahre, wenn nicht ein Leben lang.“ Viele Besucher des Cache Cœurkaufen trotz großen Interesses letztendlich doch nichts. „Das Problem ist nicht unbedingt das Geld. Viele haben zu wenig Selbstvertrauen, um die Kleider zu tragen.“ Das ist der wahre Preis der Individualität.
ZOOM Feiern wie in den 20ern - Die Bohème Sauvage Ob infolge der Wirtschaftskrise oder aufgrund eines modischen Revivals, die Goldenen Zwanziger sind zurück und mischen das Berliner Nachtleben auf. Vor rund 70 Jahren war die Stadt ein Mekka für die Künstler der Zeit. Mit dem Retroschick, der Berlin erfasst hat, sind auch Charleston und Absinth erneut in Mode gekommen. Die Szene hat das Burleske mit Kabarett, Swing und obligatorisch authentischen Dresscode wieder aufleben lassen: Seit mehr als zwei Jahren wird einmal im Monat in verschiedenen, angesagten Etablissements der Hauptstadt die „Bohème Sauvage“ veranstaltet. Das Konzept „läuft ganz gut“. Nach Athen und Wien folgt nun auch bald eine Veranstaltung in Paris. Der Andrang ist groß: In der Regel besuchen zwischen 300 und 600 Gäste aller Altersgruppen und Milieus das beliebte Event. Der Eintrittspreis von 12 Euro ist relativ hoch. Dabei sein darf jeder, der das Spiel mitspielt, sein „Ich“ verwandelt oder sogar eine neue Identität annimmt.