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05/10/11

Visafrei bis Shanghai

Ein Beitrag von Schriftsteller Ingo Schulze zum 9.10.1989 in Leipzig

Ich fuhr am 2. Oktober zum ersten Mal nach Leipzig, weil in der Woche zuvor zehntausend Leute demonstriert und statt „Wir wollen raus!“ nun „Wir bleiben hier!“ gerufen hatten. Plötzlich ging es nicht mehr allein um die individuelle Lösung, sondern um die Veränderung im Land. Großartig daran war, dass nun plötzlich Dank der von den vielen kleinen Oppositionsgruppen geschaffenen Strukturen – wie zum Beispiel der wöchentlichen Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche - der Protest von Tausenden organisiert und artikuliert werden konnte. Am 2. Oktober und am 9. Oktober, gab es noch viel Angst. Trotzdem, so glaubte ich, hatte man keine andere Wahl, weil man sonst vor sich selbst und vor anderen unglaubwürdig geworden wäre. Man war ja geblieben, um etwas zu verändern. Und wann, wenn nicht jetzt, sollte man auf die Straße gehen.

Am 9. Oktober, dem ersten Montag nach dem 40. Jahrestag der DDR, wussten alle, dass in Leipzig eine Entscheidung fallen würde. Entweder würde es die „chinesische Lösung“ geben oder etwas Ungeahntes würde geschehen. Wir standen auf dem Karl-Marx-Platz und warteten, dass es achtzehn Uhr wurde. Und auf ein Mal war die Demonstration da. Trotz der Androhung von Waffengewalt und eines starken Polizeiaufgebots strömten wie durch ein Wunder plötzlich siebzigtausend Menschen zusammen. Wir marschierten nicht in Reihen, eher glich es einem Spaziergang von sehr vielen kleinen Gruppen. Wer sich die wenigen Fotos von damals ansieht, wird die Zwischenräume bemerken. Mit dieser Menge hatte der „Sicherheitsapparat“ nicht gerechnet. Doch genauso entscheidend wir die Anzahl jener, die sich auf die Straßen wagten, war auch die Tatsache, dass die Demonstration vollkommen friedlich blieb. Kein Blumentopf, keine Fensterscheibe ging zu Bruch. Es gab keine nützlichen Idioten, die einen Vorwand zum Eingreifen geliefert hätten. Auch siebzigtausend Demonstranten wären gegen Maschinengewehre machtlos gewesen. Immerhin so viel Vernunft, Anstand und Mut fand sich dann doch auf der anderen Seite, um sich zurückzuziehen und „in den Schatten zu treten“, wie es in einem Befehl der Polizei hieß. Nachdem die siebzigtausend den Leipziger Stadtring umrundet hatten, der Kreis geschlossen war, glich unser Jubel den Trompeten von Jericho. Von da an wurde tatsächlich alles anders.

Bei diesen ersten Demonstrationen im Oktober 89 in Leipzig glaube ich eine Ahnung davon bekommen zu haben, was zweihundert Jahre zuvor mit Fraternité gemeint gewesen sein könnte. Es war die Freude und die Dankbarkeit gegenüber den Fremden in deiner Nähe, die dasselbe riskierten wie du, auf die du angewiesen warst so wie sie auf dich angewiesen waren, mit denen zusammen man in dieselben Sprechchöre einstimmte, weil man gegen dasselbe war und ohne die man sich gar nicht erst auf die Straße gewagt hätte. Und wir waren auch stolz, dass wir es den anderen gleichtaten, den Polen, den Ungarn, den Tschechoslowaken. Wir wussten, dass wir ohne Veränderungen in Moskau keine Chance gehabt hätten und wir fühlten uns solidarisch mit den Chinesen, deren Protest nur vier Monate zuvor unter dem Beifall auch unserer Regierung niedergewalzt worden war. Eines der ersten schmalen Transparente, das über den Köpfen der Demonstranten weitergereicht wurde, so dass man darauf Tausende Fingerabdrücke finden würde, hieß: Visafrei bis Shanghai! Vielleicht war das auch die schönste Losung in Leipzig. Die Berliner Mauer wurde wie nebenbei eingerissen, man machte nicht an ihr halt. Sie meinte den ganzen Osten, die ganze Welt. Auch diese Forderung von damals wartet heute noch auf ihre Erfüllung.


  • Das Wunder von Leipzig
    Am 9. Oktober 1989 entscheidet sich in Leipzig die Zukunft der DDR. Bleibt die Demonstration am Abend friedlich, dann besteht Hoffnung auf Reformen im Land. Wird der Protestzug aber blutig niedergeschlagen, droht der Republik eine neue Eiszeit.

  • Blog: "Mein 1989. Winds of Change in Osteuropa"
    Nicht nur die Ereignisse in der DDR bewegten die Welt, 1989 bedeutete auch für die osteuropäischen Länder einen tiefen Einschnitt. Der Kommunismus war endgültig bankrott. Die Sowjetunion überließ ihre Satellitenstaaten dem eigenen Schicksal.

  • Rezension: Der Vorhang geht auf. Das Ende der Diktaturen in Osteuropa
    1989 war der Kommunismus endgültig bankrott. Die Sowjetunion überließ ihre Satellitenstaaten dem eigenen Schicksal, von der "sanften" Revolution in der CSSR bis zum Massaker in Bulgarien. Der ungarische Schriftsteller György Dalos hat eine fazinierende Zusammenschau verfasst.


Erstellt: 30-04-09
Letzte Änderung: 05-10-11