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ARTE Reportage vom 1. Februar 2006 - 20/02/06

Vogelgrippe in der Türkei: Die Seuche der Armen

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    Autor und Schnitt: Gunnar Köhne, Kamera: Ferhat Yalciner

Ein letztes Gebet für Fatma. Eine Woche nach dem Tod des 16jährigen Mädchens versammeln sich die Verwandten noch einmal an ihrem Grab. So will es die Tradition.
Die junge Kurdin Fatma starb an der Vogelgrippe – eine Krankheit, von der sie hier, im äussersten Osten der Türkei, noch nie zuvor gehört hatten. Auch Fatmas Vater, Mehmet Emin Özcan, nimmt noch einmal Abschied. Die Großmutter ruft ihrer Enkelin hinterher: Du warst so ein gutes Mädchen! Und:Dein Tod erinnert uns an unsere Armut.

Das Haus der Familie Özcan am Stadtrand von Dogubayazit. Mehmet Emin Özcan ist Gelegenheitsarbeiter. Ohne die Unterstützung seiner Verwandten könnte er seine siebenköpfige Familie nicht durchbringen. Wie fast alle im Ort hatten auch die Özcans ein paar Enten im Hof. Sie zu versorgen war Aufgabe seiner Tochter Fatma. Von der Vogelgrippe wussten sie nichts – sie haben keinen Fernseher und lesen können sie auch nicht. Äusserlich krank seien seine Tiere nicht gewesen. Mitte Januar habe Fatma plötzlich über Schmerzen, Fieber und Husten geklagt:
„Ich will kein Federvieh mehr haben. Hätte ich gewusst, dass Fatma sterben könnte, hätte ich doch keine Enten gehalten! Wir haben noch vor drei Wochen einen Enterich geschlachtet und zuhause gegessen. Wenn wir das alles gewusst hätten, hätten wir das doch nicht gemacht.“

Vier Menschen starben offiziell in der Türkei an der Vogelgrippe. Alle stammten aus der Gegend von Dogubayazit, alle waren bitterarm, alle waren Kurden und alle waren Kinder. Ihr Tod wirft ein Schlaglicht auf die Zustände im Südosten der Türkei. Fatma und die anderen kranken Kinder waren zuerst ins Krankenhaus der Stadt gebracht worden. Es ist ein heruntergekommener Bau, viel zu klein mit zu wenig Ärzten für die 60.000 Einwohner-Stadt. Am Aufnahmeschalter drängen sich die Patienten. Der Mitarbeiter trägt vorsichtshalber Mundschutz.

Aufnahmen eines Lokalfernsehens vor zwei Wochen: Mehmet Emin Özcan diskutiert mit dem Oberarzt, was mit seiner schwer kranken Tochter Fatma zu tun sei. Die Özcans sind nicht krankenversichert. Der Arzt bietet an, sie in die Uni-Klinik der Stadt Van zu schicken. Denn ihm fehlen die Möglichkeiten für eine präzise Diagnose. Özcan hat Angst, weil seine erste Frau und Fatmas Mutter vor neun Jahren auf dem nach Van gestorben war. Kurz darauf willigt er dennoch ein. Doch für Fatma kommt jede Hilfe zu spät.

Der Ararat, der stolze Hausberg Dogubayazits. Ihm zuliebe verirren sich manchmal Touristen hierher. Ansonsten gibt es es im Dreiländereck zwischen der Türkei, Armenien und Iran nicht viel Geld zu verdienen. Die Arbeitslosenquote liegt bei geschätzten 70 Prozent. Die Menschen leben von ihrem Vieh.
Seit der Iran den Grenzverkehr mit der Türkei aus Furcht vor der Vogelgrippe eingeschränkt hat, ist auch der grenzüberschreitende Kleinhandel zusammengebrochen. Die Kurden sehen sich von der Regierung in Ankara im Stci gelassen.
Dass die Vogelgrippe nur in dieser Region Todesopfer gefordert hat, ist für die Bürgermeisterin von Dogubayazitist kein Zufall:
„Wir fühlen uns an den Rand gedrängt. In der Türkei gibt es ein Zweiklassensystem. Im Falle der Vogelgrippe wurden im Westen des Landes die notwendigen Schutzmassnahmen getroffen, aber in Dogubayazit wird nichts getan, obwohl ständig neue Verdachtsfälle in die Krankenhäuser eingeliefert werden! Vielleicht gab es hier schon vor Jahren die Vogelgrippe! Uns hat ja niemand aufgeklärt. Hier sterben dauernd Menschen an Lungenentzündung. Vielleicht war es ja Vogelgrippe? Wer weiss das schon?“

1000 Kilometer weiter westlich vor den Toren der Hauptstadt Ankara. Ein Kontrollposten der Gesundheitsbehörden. Seit sich hier zwei Kinder mit dem Vogelgrippevirus angesteckt haben, steht das Gebiet weiträumig unter Quarantäne. Warnschilder weisen auf das Risiko hin. Die Reifen der vorbeifahrenden Autos werden desinfiziert. Hier konnte das für Menschen tödliche Virus H5N1 kein weiteres Unheil anrichten.

In Dogubayazit hingegen von Schutzmassnahmen keine Spur. Nirgendwo Checkpoints, Warnhinweise oder auch nur ein aufklärendes Plakat. Auch ausländische Experten der Weltgesundheitsorganisation oder der EU sind in Dogubayazit noch nicht gesehen worden. Die Bürgermeisterin wollte über die städtischen Lautsprecher auf kurdisch über die unheimliche Krankheit informieren. Der Governeur, hier links im Bild, hat es ihr untersagt.
Bürgerversammlung in Dogubayazit. Nach dem Absingen der Nationalhymne bemüht sich der Gouverneur, Rauf Ulusoy, als Vertreter der Regierung höchste Autorität der Stadt, die besorgten Gemüter zu beruhigen:
„Hier bei uns wurde erstmals der gefährliche Erreger festgestellt. Damit konnte die ganze Türkei gewarnt werden. Das ist ein grosser Erfolg, auch wenn das vielleicht nicht jeder sieht! Und man darf nicht vergessen: Vier Kinder sind leider gestorben, aber viele tausend andere sind vor dem Tod bewahrt worden!“
Dann zählt der Amtsveterinär der Stadt auf, man habe in und um Dogubayazit 73.000 Stück Geflügel getötet. Aber es gebe leider immer noch Bürger, die ihre Hühner nicht rausrückten: „Zu manchen Höfen sind wir sechzehn Mal gefahren. Aber jedes Mal haben sie sich geweigert, ihre Hühner herzugeben. Wenn das so weiter geht, müssen wir das nächste Mal von der Polizei begleitet werden. So leid es mir tut.“

Im Krankhaus nebenan herrscht Aufregung. Wieder wurden Patienten mit Verdacht auf Vogelgrippe eingeliefert. Die lokale Presse ist vor Ort - im Rest des Landes dagegen liest und hört man schon lange nichts mehr aus Dogubayazit. Das Krankenzimmer der Neuankömmlinge - jeder kann ein und aus gehen. Doktor oder Krankenschwester Weit und breit weder ein Arzt oder Krankenschwestern. Sie könnten die Kinder ohnehin nicht auf Vogelgrippe testen. Die Patienten müssen auf irgendeinem Wege in die nächste Grosstadt gebracht werden.
Am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg in das Dorf, aus dem die kranken Kinder stammen. Es liegt am Fuße des Ararat. Die Bewohner müssen ihr Trinkwasser auf Eselsrücken von einer Quelle nach Hause bringen.

Immerhin: Am Vortag waren endlich die Behörden gekommen, um die Enten und Hühner einzusammeln und anschliessend zu vergraben. Einige Dörfler versuchten sie vor den Häschern zu verstecken. Aus Verzweifelung und weil ihnen, die oft kein Türkisch sprechen, immer noch niemand gesagt hatte, warum ihnen ihr Besitz genommen würde:
„Ich weiss nur, dass in Dogubayazit ein paar Menschen gestorben sind. Und dass dann bei uns im Dorf auch ein paar Leute krank wurden. Diese Krankheit macht das ganze Volk kaputt.“

In einer Hütte am Dorfrand finden wir die kranken Kinder der Familie Ulutas. Sie waren vom Krankenhaus durch die beissende Kälte wieder zurück nach Hause geschickt worden. Ob sie nur an einer einfachen Grippe leiden oder ob es die Vogelgrippe ist – niemand hat es untersucht. So liegen sie im eiskalten Zimmer unter einer Decke und hoffen auf Genesung.

Kälte, Armut, ein jahrzehntelanger Bürgerkrieg und nun noch die unheimliche Seuche. In Türkisch-Kurdistan ist die Verzweifelung groß. Aus Ankara sind noch nicht einmal die zugesagten drei Euro Entschädigung pro Huhn eingetroffen.
Ein Vertreter der türkischen Regierungspartei hat Mehmet Emin Özcan nach Fatmas Tod besucht und ihm Arbeit und Wohnung in Istanbul versprochen. So wird die Familie Özcan Dogubayazit vielleicht bald verlassen. Seinen beiden ihm noch verbliebenen kleinen Töchter Filiz und Sibel hofft Özcan in der Großstadt eine bessere Zukunft bieten zu können:
„Ich weiss nicht, ob ich es mir leisten werden kann, aber ich wünsche mir, dass meine verbliebenen fünf Kinder zur Schule gehen und eine Ausbildung bekommen.“

Seit dem Tod ihrer großen Schwester haben die beiden Mädchen Angst vor Vögeln. Sie gehen kaum mehr aus dem Haus.
“Wenn jetzt meine große Schwester Fatma hier wäre, dann würde ich ihr sagen: Heute mache ich den Abwasch für dich, du sollst es nicht so schwer haben.“
Der türkische Osten braucht Hilfe. Sonst war Fatma Özcan aus Dogubayazit nicht das letzte Opfer der Vogelgrippe in der Türkei.


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ARTE Reportage
Das internationale Nachrichtenmagazin
mittwochs gegen 21.35 Uhr

Erstellt: 02-02-06
Letzte Änderung: 20-02-06