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22. European Film Awards

Die Preise der 22. European Film Awards gehen an Kate Winsletm Michael Haneke, Tahar Rahim, Anthony Dod Mantle ... in den folgenden Kategorien

> V. Schlöndorff im Interview

22. European Film Awards

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22. European Film Awards

Europäischer Filmpreis 2009 - 07/12/09

Volker Schlöndorff: "Kulturell ist in Europa noch viel zu machen"

Interview mit dem Regisseur Volker Schlöndorff, Vize-Präsident und Deputy Chairman der European Film Academy (EFA).

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Herr Schlöndorff, die European Film Academy vergibt in diesem Jahr wieder in einer großen Gala die Europäischen Filmpreise. Sie sind zusammen mit Nik Powell „Deputy Chairman“ der Academy, also Mitglied des Vorstands dieser 1988 gegründeten Institution für den europäischen Film, mit inzwischen immerhin über 2000 professionellen Mitglieder. Können Sie die wichtigsten und vornehmsten Aufgaben der European Film Academy beschreiben?

 

Ja, die wichtigste Aufgabe ist eigentlich, die europäische Kulturfahne hochzuhalten. Denn wir haben doch bemerkt: Auf der einen Seite haben wir uns in Europa vereinigt und haben alle die gleiche Währung und auf der anderen Seite sind die kulturellen Barrieren immer höher geworden, anstatt dass auch hier mehr Austausch stattfindet. Gerade der europäische Film hat im Grunde dasselbe Imageproblem wie Europa insgesamt, nämlich: Er kommt oft nicht wirklich gut an in den Mitgliedsländern. Man interessiert sich in jedem Land vor allem für den nationalen Film und dann natürlich für den amerikanischen oder, sagen wir, den globalen Film. Aber die Filme der europäischen Nachbarn kommen zu kurz. Die Franzosen sehen keine deutschen, keine italienischen Filme mehr, wir keine französischen, keine spanischen Filme und so weiter. Also kulturell ist in Europa noch viel zu machen. Das ist für den Buchmarkt übrigens ganz ähnlich, aber ganz besonders der Kinofilm eignet sich eigentlich gut für den kulturellen Austausch mit den Nachbarn, und da will die European Film Academy ihren Teil dazu beitragen.

 

Was kann man da tun? Wo liegen da die Akzente der Arbeit der Academy?

 

Die Academy ist zunächst einmal, wie alle Akademien, auch eine Arbeitsakademie - wie Sie schon sagten, mit über 2000 Mitgliedern aus inzwischen an die 30 Ländern, denn wir fassen Europa kulturell etwas weiter als die Union selbst. Wir haben Israel mit dabei, wir haben auch Russland mit dabei und natürlich alle europäischen Länder, die an Russland angrenzen. Schon allein die zwei- bis dreimal im Jahr stattfindenden Treffen der Delegierten schaffen doch sehr viel Gemeinsamkeit über die Probleme: Was kann man tun, dass die europäische Filmproduktion weitergeht und dass sie ihr Publikum findet? Das ist ja unser Anliegen: dass wir Verleiher finden, welche die Filme nicht nur im Entstehungsland sondern eben auch in den europäischen Nachbarländern ins Kino bringen, und dass wir sie miteinander ins Gespräch bringen. Wir haben auch im letzten Jahr zwei Arbeitssitzungen mit dem EU-Kommissionspräsidenten Barroso gemacht, wegen der ganzen europäischen Film-Problematik, einmal sogar ein langes Wochenende in Essen, wo wir darauf hingewiesen haben, dass ja gerade die Präsenz von europäischen Filmen auch in möglichst vielen europäischen Fernsehprogrammen dabei helfen könnte, über den nationalen bzw. amerikanischen Filmhorizont hinaus zu schauen. Aber zurzeit haben wir eben eher eine gegenläufige Entwicklung. Es gibt zwar so eine Direktive, „Télévision sans frontières“, also Fernsehen ohne Grenzen. Das sollte eigentlich für den Austausch von Filmen gut sein. Tatsächlich wird das aber dazu benutzt, dass jeder nur seine eigenen, nationalen Filme zeigt. Das ist also nicht nur ein kulturelles sondern auch ein politisches Problem, und ein Überlebensproblem für die europäischen Filmemacher.

 

Also da hat die EFA noch viel Arbeit vor sich in einem schwierigen Umfeld. Aber es sind auch große Preise zu vergeben. Die Europäischen Filmpreise – die „Awards“ - werden in diesem Jahr ausnahmsweise im Rahmen der europäischen  Kulturhauptstadt „Ruhr.2010“ am 12. Dezember in Bochum in der Jahrhunderthalle vergeben, eine Referenz an das Ruhrgebiet als bedeutende europäische Kulturregion. In der Kategorie Spielfilm werden den Academy-Mitgliedern 40 Filme aus über 20 europäischen Ländern vorgeschlagen, schließlich werden sechs Filme nominiert, darunter in diesem Jahr zwei deutsche „Der Vorleser“ und der Cannes-Gewinner „Das weiße Band“.

 

Ja, die sind schon nominiert. Wir, die Delegierten, mussten uns durch den großen Berg von 40 Filmen durchfressen. Aber inzwischen ist es beim Spielfilm reduziert auf die sechs nominierten Filme, wie in den anderen Kategorien auch. 

 

 

Ist es insofern ein gutes Jahr für den europäischen und insbesondere für den deutschen Film?

 

Wissen Sie, künstlerisch sind Gott sei Dank alle Jahre gut gewesen, seitdem Ingmar Bergman die Academy damals zusammen mit Wim Wenders vor 20 Jahren gegründet hat. Denn bei so vielen Mitgliedsstaaten in ganz Europa kommen natürlich immer mindestens ein gutes Dutzend hervorragender Filme zusammen.

Dieses Jahr ist die Auswahl auch sehr breit angelegt, denn man hat einerseits fast den  Mainstream mit dem „Vorleser“ von Stephen Daldry - das ist ja eine internationale, eigentlich mehr britische als deutsche Produktion, muss man schon sagen, der auch den Oscar für die beste weibliche Hauptrolle (Kate Winslet) bekam. Und dann, mit „Das weiße Band“, natürlich ein rein deutscher Film beziehungsweise eine deutsch-französische Koproduktion, denn Haneke ist ja praktisch französisiert, und auch ein Großteil der Finanzierung kommt aus Frankreich. Das ist das Musterbeispiel, beinahe ein typischer ARTE-Film, könnte man sagen.

 

Wie kommt es denn letztlich zu dieser Auswahl der sechs nominierten Filme bzw. der sechs Regisseure, Schauspieler, Drehbuchautoren?

Das ist natürlich wie bei all diesen Akademien vom Oscar bis zur EFA so, dass man nicht allen Mitgliedern alles vorschlagen kann, man muss eine Auswahl machen. Wir haben verschiedene Gremien und Freiwillige, die sich melden. Wir haben zunächst einmal eine Vorauswahl, bei der jedes Land zwei Filme ins Rennen schicken kann, damit sind wir dann schon bei über 50 Filmen ungefähr. Die schauen sich dann ausgewählte Mitglieder, ich schätze, dass das etwa hundert sind, alle an und geben ihre Stimmen dazu ab. Da bleiben dann eben zum Schluss diese Kategorien übrig, wobei natürlich wieder die Kameraleute speziell über die Kamerafilme abstimmen, die Regisseure über die Regieleistung, Autoren über die Autorenleistung usw. Das ist eben das übliche pluralistische, aufgefächerte Verfahren - nie perfekt, aber eigentlich ganz gut. Ich glaube, man kann sagen, dass da keiner auf der Strecke bleibt, der es verdient hätte, dabei zu sein.

 

Will, kann und soll man eigentlich den European Film Award immer mit dem amerikanischen Academy Award, dem Oscar, vergleichen, oder würden Sie da unterschiedliche Zielsetzungen und unterschiedliche Akzente sehen?

Sicherlich, das ist von der Sache her ganz anders angelegt. Die europäischen Filme, um die es bei uns geht, sind dem größeren Publikum ja praktisch unbekannt. Wie wir bereits festgestellt haben, kennt jeder fast nur die Filme aus seinem eigenen Land. Die EFA-Awards sind eben gerade dazu bestimmt, die Filme in Europa bekannter zu machen, also sie werden praktisch erst nach der Preisverleihung richtig entdeckt.

Wohingegen es bei den Oscars so ist, dass das Gesamtpublikum, und auch die Mitglieder der Academy, die Filme im Laufe des Jahres zuvor schon gesehen haben, weil es eben auch sehr populäre Filme sind, und dann werden die besten ausgezeichnet. Das ist praktisch genau das gegenläufige Verfahren. Wir zeichnen aus, damit die Filme entdeckt werden, damit sie gesehen werden vom Publikum, und damit sie in den verschiedenen europäischen Ländern auch im Fernsehen gezeigt werden.

 

Wir hatten gerade darüber gesprochen, dass es immer weniger Austausch auf dem europäischen Filmmarkt gibt, dass man zu wenig von den Nachbarländern Filme im Kino sieht. War das früher eigentlich anders, in den sechziger und siebziger Jahren?

 

Ja, ich denke schon. Ich nenne mal einige Namen: Wenn ein Film von Fellini, von Visconti, von Antonioni, von Bunuel, von Bergman, von Chabrol, Godard oder Tony Richardson ins Kino kam, dann hat er in allen europäischen Ländern etwa die gleichen Zuschauerzahlen gehabt.

In abstrakten Zahlen kann man sagen: Der französische Film hatte in Deutschland einen Marktanteil von 20 Prozent, inzwischen liegt er unter ein Prozent. Umgekehrt hatte der deutsche Filme in Frankreich mal 12, 15 Prozent, inzwischen null Komma sowieso Prozent. Das geht über alle Länder so weiter. In den letzten 20 Jahren haben sich die Marktanteile immer weiter nach unten entwickelt, trotz ARTE, trotz der vielen Versuche von europäischen Initiativen...

 

... und trotz der Academy...

 

... ja, trotz der Academy. Man muss nur deutlich sagen: Umso wichtiger ist es, dass wir weitermachen.

 

Ihrem Kollegen Nik Powell habe ich auch einmal diese Frage gestellt. Er meinte, das sei zwar so mit den Marktanteilen in den europäischen Ländern, aber der DVD-Markt würde da einiges wettmachen, weil in jedem europäischen Land inzwischen fast jeder europäische Film für Filmfans zumindest verfügbar ist als DVD. Das war ja früher nicht so.

 

Das ist richtig. Nur die Verkaufszahlen belegen leider, dass es längst nicht ausreicht... Also statistisch habe ich recht, ideell hat er recht.

 

Wenn es denn bald keine teuren Filmkopien mehr geben wird, sondern nur noch digital vom Satellit oder von der Festplatte in den Kinosälen auf die Leinwand projiziert wird, ist das vielleicht eine bessere Zukunft für die kleinen europäischen Filme, die dann kostengünstig in die europäischen Kinos kommen können?

 

Naja, es ist eine große Hilfe, wegen der Kosten und wegen der Sprachvielfalt, denn die digitale Ausstrahlung erlaubt ja, dass man ganz viele verschiedene Sprachfassungen und Untertitelfassungen gleichzeitig mit anbieten kann - also von Land zu Land, wo das sonst riesige Kosten verursacht.

Man kann dann beispielsweise auch in Litauen einen französischen oder deutschen Film mit Untertiteln zeigen, in der Originalfassung oder in welcher Fassung auch immer das gewünscht wird.

 

Und die Verleiher sparen erhebliche Kosten für die Kopien...

 

Ja, und vor allen Dingen die kleinen verdienstvollen Filmkunst-Kinos, die überhaupt solche Programme noch aufrechterhalten, und die es sich gar nicht leisten können, auch platzmäßig, so viele 35-mm-Kopien hinten in ihrer Kabine zu stapeln, denen kommt das sehr zugute.

 

Diesen Prozess der Digitalisierung sehen Sie optimistisch?

 

Den sehe ich sehr optimistisch, gerade, wenn man ihn eben nicht auf 3-D und Multiplexe beschränkt, also auf Kino als Kirmes und Achterbahn. Das ist ja auch ganz schön, aber wenn man den Prozess auch auf den kulturellen Sektor ausweitet und auf die Programmkinos und „die siebte Kunstform“, wie der Film bei den Franzosen genannt wird, dann ist das ein Riesenfortschritt.

 

Fördert die European Film Academy auch diese Entwicklung?

 

Wir haben gar kein Geld dafür, wir sind froh, wenn wir selbst über die Runden kommen, mit viel persönlichem Einsatz und Sponsoring. Wir können das nur ideell fördern, indem wir es erklären, indem wir eine Sensibilität dafür schaffen.

 

Wo steht der deutsche und der europäische Film in der Zukunft, im Zeitalter dieser Digitalisierung aller Produktionsbereiche - das betrifft ja nicht nur die Projektion im Kino - und mit den Zwängen der jetzt diskutierten „amphibischen“ Filmproduktion? Sie haben da ja die entsprechenden Diskussionen zu diesen Zwängen geführt – wenn man gleichermaßen für Kino und TV produzieren muss. Wie sehen Sie diese Zukunft?

 

Die Digitalisierung hat den großen Vorteil, dass alles greifbar wird. Es hat auch den Vorteil, dass die Produktionskosten erheblich sinken. Jeder kann praktisch, wenn er aus der Filmhochschule kommt, einen Film machen. Der Nachteil ist, dass es vollkommen unüberschaubar wird. Es ist wie auf dem Buchmarkt. Man weiß gar nicht mehr: Welches Buch soll ich mir denn nun greifen und welchen Film soll ich mir überhaupt anschauen. Deshalb ist die Academy wieder so wichtig, dass sie ein paar Leuchttürme da heraushebt und sagt: Du musst nicht alles sehen, aber das, das und das solltest Du gesehen haben. Und es gibt eben eine wahnsinnige Vielfalt und Lebendigkeit in der Produktion, auch durch die vielen Filmhochschulen und die Ausbildung. Das Visuelle überlebt stärker als das Gedruckte. Alle jungen Leuten hängen am Computer. Computer, Fernsehen und Film verschmelzen ineinander. Die Zukunft sieht für mich eigentlich sehr gut aus im audiovisuellen Medienbereich.

 

Es gibt aber immer noch einige Regisseure, wie zum Beispiel Tarantino, der sagt: Ich fasse die digitalen Produktionsbedingungen nicht an. Der will immer noch auf 35 mm-Film drehen.

 

Naja, das will ich auch. Ich halte es auch nicht unbedingt immer für einen Segen, dass jeder eine kleine Digitalkamera in die Hand nimmt und meint, er könnte jetzt einen Film machen. Das ist wie mit Papier und Feder – es kann auch nicht jeder gleich ein Buch schreiben. Trotzdem wird aber der Vertrieb – und gerade die Filme von Tarantino leben doch sehr stark von der DVD und von der digitalen Distribution – das wird dadurch sehr erleichtert und kommt den Filmen letztlich zugute, das sollte man immer mit bedenken.

 

 

Interview: Thomas Neuhauser (ARTE / November 2009)

Erstellt: 05-11-09
Letzte Änderung: 07-12-09