Vier Aufnahmen des Leipziger Fotografen Gerhard Gäbler verraten viel von den tiefgreifenden Veränderungen, denen die Menschen in der DDR vom Mauerfall bis zum Tag der Vereinigung beider deutscher Staaten am 3.10.1990 ausgesetzt waren.

Forum: Feiern wir in Deutschland den falschen Nationalfeiertag? Das entscheidende Datum der Friedlichen Revolution im Herbst 1989 war der 9. Oktober. Ohne diese Leipziger Montagsdemo wäre es weder zum Mauerfall am 9. November 1989 noch zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 gekommen. Sollte deshalb nicht der 9. Oktober zum Nationalfeiertag erklärt werden?
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Der Fotograf Gerhard Gäbler dokumentiert das Jahr der deutschen VereinigungDie Fülle der Ereignisse vom Mauerfall bis zum Tag der Vereinigung beider deutscher Staaten am 3.10.1990 in ein Bild zu fassen, ist schier unmöglich. Zuviel ist in diesen 11 Monaten geschehen. Auch die vier Aufnahmen des Leipziger Fotografen Gerhard Gäbler können nur einen Teil davon widerspiegeln. Dennoch verraten sie viel von den tiefgreifenden Veränderungen, denen die Menschen in der DDR damals ausgesetzt waren. Veränderungen, die sie sich gewünscht hatten, die zu verarbeiten aber nicht einfach war.Ein Artikel von Prof. Dr. Bernd LindnerIn Kooperation mit dem MDRDer friedliche Ausgang der Revolution in der DDR wurde in Leipzig entschieden. Als dort am 9. Oktober 1989 über 70.000 Demonstranten erfolgreich der schwerbewaffneten Staatsmacht trotzten, hätte keiner von ihnen bereits zu sagen vermocht, dass dies der Beginn vom Ende der DDR war. Angetreten waren sie mit dem Ziel, das System gründlich zu reformieren. Schlag auf Schlag trieben sie die Entwicklung voran: Demonstrationen erfassten das ganze Land. Neu entstandene Bürgerbewegungen brachen Verkrustungen aus 40 Jahren SED-Diktatur auf. Der Partei- und Staatschef Erich Honecker musste von allen seinen Ämtern zurücktreten und viele seiner Vasallen folgten ihm nach. Am 9. November dann fiel überraschend die Mauer und machte den Weg in ein vereinigtes Deutschland frei.
All diese Stationen hat der 1952 in Leipzig geborene Fotograf Gerhard Gäbler mit der Kamera festgehalten. Auch nach dem Fall der Mauer blieb er auf den Straßen der (Noch-)DDR und dokumentierte den Prozess der Vereinigung. Eindrucksvolle Bilder vom Wahlkampf im Februar/März 1990 zur ersten frei gewählten Volkskammer in der Geschichte der DDR entstanden ebenso wie während der Währungsunion im Juni/Juli oder rund um die Jubelfeiern zum Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober des gleichen Jahres. Doch galt seine Aufmerksamkeit nicht nur den äußeren Höhepunkten der Entwicklung. Vielmehr interessierten ihn die Umwälzungen, die sich im Alltag der Menschen vollzogen und wie diese sie veränderten. Er fotografierte sie beim Einkauf vor den (plötzlich) übervollen Supermarktregalen, bei der letzten Schicht in ihrem alten, maroden Werk wie auch bei ihrem ersten Gang zum Arbeitsamt. Er blickte in ihre freudigen, nachdenklichen wie auch ratlosen Gesichter; hielt Gesten der Begeisterung und der Tatkraft ebenso fest wie die der Hilflosigkeit und Verzagtheit. Zugleich setzte er damit einen fotografischen Ansatz fort, den er schon seit Ende der 1970er Jahre konsequent verfolgte: Chronist des Alltags zu sein!

Als der Westen im Osten einzogAnfang der 1990er-Jahre überschwemmte die westliche Warenwelt den Osten, und vieles "Made in GDR" verschwand. Der Fotograf Mahmoud Dabdoub hat diesen Prozess festgehalten – manchmal staunend, manchmal kopfschüttelnd.
Fotogalerie beim MDR Portal "Damals im Osten"

Begonnen hat Gerhard Gäbler als Autodidakt. Beharrlich fotografierte der Diplom-Chemiker damals seine unmittelbare Lebensumwelt, die triste, verfallende Leipziger Ostvorstadt. Hier fand er, wie in einem Nukleus, all das, was für ihn Leben in der DDR ausmachte. Gerade deshalb ist in den streng gebauten Schwarz/Weiß-Aufnahmen jener Jahre soviel Direktheit und Nähe zu spüren. Immer aber auch ein Stück Distanz. Als er 1986 – mit 34 Jahren – an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst ein Studium der Fotografie aufnahm, hatte er seine künstlerische Handschrift bereits gefunden. Seine kritischen Bilder vom Alltag im “real existierenden Sozialismus” fanden dagegen zu DDR-Zeiten weder in Ausstellungen noch in Publikationen Öffentlichkeit. Erst ab 1990 konnte Gerhard Gäbler seine Arbeiten weltweit zwischen Hamburg, Köln, Paris, Grenoble, Boston und Houston ausstellen. In seiner Heimatstadt waren 2000 und 2009 bereits zwei große Fotoschauen seinem Werk gewidmet. Heute finden sich seine Bilder in vielen renommierten Sammlungen und Museen und ihr Schöpfer zählt unumstritten zu den wichtigsten Vertretern der “Leipziger Schule der Fotografie.”
Das belegen auch die vier hier ausgewählten Aufnahmen, die sich vorwiegend mit dem beschäftigen, worauf sich die Ankunft im Westen – nach dem Abklingen des ersten Vereinigungsjubels – für viele Ostdeutsche fokussierte: auf den Markt und das Geld.
Weitere Fotografien von Gerhard Gäbler sind u. a. zu sehen in den Fotobänden “Ostbad” (Bonn 1991), „Von Leipzig nach Deutschland“ (Leipzig 1991), „Westwärts“ (München 1994), „Gerhard Gäbler, Fotografien 1978 – 1999“ (Dresden 2000), „Foto-Anschlag. Vier Generationen ostdeutscher Fotografen“ (Leipzig 2002), „Das XX. Jahrhundert – Fotografien zur deutschen Geschichte“ (Heidelberg 2004) und „Die geteilte Zeit“ (Leipzig 2009), sowie auf dem Internetportal
„Das Wunder von Leipzig“Reaktionen in Frankreich auf die Wiedervereinigung. Das neu entstandene "Groß-Deutschland" sorgte im Nachbarland Frankreich für Unruhe. Besonders die Presse schürte altbekannte Ängste vor dem mächtigen Nachbarn auf der anderen Seite des Rheins.
Eine Reportage von Nathalie Daiber