Schriftgröße: + -
Home > Die Welt verstehen > Geschichte auf ARTE

Geschichte auf ARTE

Monatliches Onlinemagazin mit Informationen zu den wichtigsten historischen Sendungen auf ARTE und mehr: Geschichte hinter den Geschichten

> Schwerpunkte > Sophie Scholl > Vom Leichtsinn junger Helden

Geschichte auf ARTE

Monatliches Onlinemagazin mit Informationen zu den wichtigsten historischen Sendungen auf ARTE und mehr: Geschichte hinter den Geschichten

Geschichte auf ARTE

04/06/07

Vom Leichtsinn junger Helden

Das Schicksal der Mitglieder der „Weißen Rose“ bewegt die Menschen bis heute. Für ihre beeindruckende Darstellung der jungen Widerstandskämpferin Sophie Scholl wurde Julia Jentsch mehrfach ausgezeichnet. Im Interview erzählt sie von dieser ganz besonderen Rolle.

Weitere Artikel zum Thema

Die Darstellung der Sophie Scholl verschaffte ihr 2005 international Anerkennung. Dabei hatte sie zuvor schon in Filmen wie „Die fetten Jahre sind vorbei“ oder „Schneeland“ für Aufsehen gesorgt. Und auch auf der Theaterbühne hatte sie längst einen Namen: als Antigone, Desdemona oder Elektra, um nur einige Figuren zu nennen. Eine rasante Karriere, von der die bescheidene 29-jährige Schauspielerin regelrecht überrollt wurde. ARTE traf Julia Jentsch in Berlin zum Interview.

ARTE: Frau Jentsch, stimmt es, dass Sie alles getan hätten, um die Rolle der Sophie Scholl zu bekommen?
Julia Jentsch: (lacht) Das ist eines der Zitate, die so hartnäckig kursieren. Mich hat einfach das Drehbuch gepackt. Diese jungen Menschen, die sich verantwortlich gefühlt haben für sich selbst, für ihre Familie, aber auch für ihr Land. Sie haben kritisch reflektiert, was um sie herum passiert, und sie haben gehandelt.

ARTE: Und das obwohl sie noch sehr jung waren – noch jünger als Sie, als Sie die Rolle gespielt haben.
Julia Jentsch: Ich glaube, dass den Mitgliedern der „Weißen Rose“ ihre Jugend auch geholfen hat. Gerade wenn man jung ist, glaubt man daran, die Welt verändern zu können. Die Schwester eines ehemaligen „Weiße Rose“-Mitglieds, Anneliese Knoop-Graf, hat in einem Interview gesagt, dass leichtsinnig auch „leichten Sinns“ bedeutet, und für das, was die Geschwister Scholl gemacht haben, musste man leichten Sinns sein.

ARTE: Der Film basiert nicht nur auf Interviews mit Zeitzeugen wie Anneliese Knoop-Graf, sondern auch auf den Verhörprotokollen der Nazis. Haben Sie diese Protokolle zur Vorbereitung gelesen?
Julia Jentsch: Für mich waren vor allem diese Protokolle der Verhöre mit den Mitgliedern der „Weißen Rose“ interessant. Ich wollte herausfinden, wie Sophie Scholl war, wie sie die letzten Tage erlebt hat, wie sie auf ihre Umwelt gewirkt hat. Das war es auch, was Regisseur Marc Rothemund an dem Thema so spannend fand, der sich die Protokolle im Stasi-Archiv kopiert hat.

ARTE: Hat man eine andere Verantwortung, wenn man weiß, dass Geschwister, Freunde und Hinterbliebene der Opfer den Film sehen werden?
Julia Jentsch: Bei einer realen Person hat man immer den Anspruch, ihr gerecht zu werden, ihr gegenüber Respekt zu zeigen. Deswegen war ich auch sehr aufgeregt bei der ersten Vorführung des Films, die extra für die Zeitzeugen veranstaltet wurde. Was ich dann ganz toll fand, war die Reaktion von Elisabeth Hartnagel, Sophies und Hans’ Schwester. Sie sagte zu mir, dass niemand ihre Schwester zeigen könne, wie sie wirklich war, aber dass sie sich freue, wenn mit dem Film das Andenken an ihre Geschwister aufrecht erhalten und ihre Geschichte den heutigen Jugendlichen zugänglich gemacht würde. Und das ist es ja auch, was die Scholls wollten: die Idee von Menschlichkeit und Frieden in die Zukunft transportieren.

ARTE: Dabei haben sicher auch die Kostüme geholfen. Sie sind so schlicht, dass man sich die Personen auch heute gut vorstellen kann.
Julia Jentsch: Es ging ja auch weniger um die Historie als vielmehr um die Menschen. Die sollten im Vordergrund stehen, der Zuschauer sollte nicht abgelenkt werden von anderen Dingen. Die Kostümbildnerin hat tolle Arbeit geleistet, denn sie hat ein Kostüm entworfen, das historisch korrekt ist, aber trotzdem nicht auffällt. So ähnlich brav sah Sophie Scholl auf den letzten Originalfotos aus. Es gibt aber auch ganz andere Bilder von ihr, mit wildem Bubikopf zum Beispiel.

ARTE: Eine Szene, die besonders im Gedächtnis bleibt, ist der Schrei, den Sie als Sophie Scholl kurz vor der Hinrichtung alleine in der Zelle ausstoßen. Wie stellen Sie so eine tiefe Emotion ad hoc vor der Kamera her?
Julia Jentsch: Den ganzen Film über hat uns die Frage begleitet: „Was überwiegt bei Sophie Scholl, die Beherrschung der Gefühle oder brechen die Emotionen doch hervor?“ Meistens gab es eine überlieferte Beschreibung ihrer Haltung, aber in dieser Szene war sie ganz alleine in ihrer Zelle. Ich wusste, dass hier etwas platzen musste. Vorher war sie so beherrscht, aber aus dieser Anspannung heraus konnte nur ein Schrei entstehen.

ARTE: Als Sie Sophie Scholl gedreht haben, standen Sie gleichzeitig als Antigone auf der Bühne der Münchner Kammerspiele. Beides sind Frauen mit Zivilcourage, die sich den herrschenden Gesetzen verweigern. Ähnliches gilt für Jule, die Sie in „Die fetten Jahre sind vorbei“ spielten. Was interessiert Sie an diesen politisch handelnden Figuren?
Julia Jentsch: Es gibt sicher Phasen, in denen man sich für bestimmte Rollen und Inhalte besonders interessiert. Mein Hauptinteresse galt den Geschichten und den Menschen. Die Jule in „Die fetten Jahre sind vorbei“ etwa war für mich zwar eine politisch interessierte Figur, aber vor allem eine Frau, die auf der Suche ist.

ARTE: Sie haben neben Ihrem Engagement an den Kammerspielen in den vergangenen Jahren einige Filme gedreht. Eigentlich sehen es Intendanten ja nicht so gerne, wenn ihre Schauspieler beim Film „fremdgehen“.
Julia Jentsch: Ich hatte oft das Glück, dass die Filme in den Theaterferien gedreht wurden. Aber es gibt dieses Fremdeln zwischen Theater und Film. Beides nebeneinander zu leben ist natürlich sehr schwierig, weil die Rhythmen und Arbeitsweisen so unterschiedlich sind.

ARTE: Ein weiterer großer Unterschied zwischen Film und Theater ist das Publikum. Wie wichtig sind Ihnen die direkten Reaktionen des Publikums, die es so ja nur im Theater gibt?
Julia Jentsch: Im Theater kann das Publikum die Schauspieler direkt beeinflussen, es kann sie motivieren, die Konzentration erhöhen, aber auch ablenken. Das ist das Besondere. Und das ist es auch, was ich am Theater so toll finde: Menschen erzählen eine Geschichte und andere sind dabei und schauen sich das an.

ARTE: Ist die Lust am Erzählen auch der Grund, warum Sie Schauspielerin geworden sind? Stimmt es, dass Sie ursprünglich Goldschmiedin werden wollten?
Julia Jentsch: (lacht) Ja, Goldschmiedin wollte ich tatsächlich eine Zeit lang werden, weil ich etwas machen wollte, bei dem ich am Ende sehe, was ich tue. Mit dem Schauspiel ist das ähnlich. Trotzdem dachte ich auf der Schauspielschule noch nicht, dass dies mein Beruf werden würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man das regelmäßig macht und damit Geld verdient.

ARTE: Jetzt verdienen Sie damit nicht nur Geld, sondern auch Ruhm. Für Ihre schauspielerischen Leistungen als Sophie Scholl haben Sie durchweg gute Kritiken bekommen. Am Theater ist es oft viel schwieriger, eine gute Kritik zu kriegen. Lesen Sie die Kritiken noch?
Julia Jentsch: Ich lese sie viel weniger als am Anfang. Im Theater sind Kritiken schwierig. Die Premiere ist gerade vorbei, die Produktion ist einem noch so nah und dann bewerten die Kritiker diesen einen Abend schon so hart. Eine Kritik ist sicher wichtig für die Menschen, die sich das Stück anschauen wollen, aber für die Menschen, die es gemacht haben, ist sie nicht besonders hilfreich. Beim Film ist das anders, weil die Arbeit daran länger zurück liegt, wenn er das erste Mal gezeigt wird.

ARTE: Die Sophie Scholl durften Sie nun spielen. Für welche Rolle würden Sie denn heute alles tun?
Julia Jentsch: (lacht) Im Film würde ich gerne mal eine Seeräuberin spielen oder eine Spionin. Aber jetzt kommt erst mal das Filmprojekt „Bob’s Not Gay“ zustande, eine Gesellschaftskomödie mit politischen Momenten, in der ich eine sehr verliebte junge Frau spiele.

Das Gespräch führte Sabine Köhncke für das ARTE Magazin.

Erstellt: 31-05-07
Letzte Änderung: 04-06-07