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Managergehälter und Hungerlöhne

Immer mehr Beschäftigte sind zu Geringverdienern geworden. Die Gehälter von Topmanagern hingegen klettern in astronomische Höhen.

Managergehälter und Hungerlöhne

07/11/08

Vorsicht, Management!

Modernes Management steht unter dem Diktat der Ökonomie und dem freien Spiel der Kräfte. Welche Regeln und Grenzen gelten noch? Und vor allem: Welchen Stellenwert hat der Arbeitnehmer im Rennen um immer höhere Prämien und Renditen?

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Dieser Tage schrecken Meldungen über Massenentlassungen und Sozialpläne die Öffentlichkeit immer wieder auf, doch der Effekt hält nicht lange an, und die Finanzwelt macht im Großen und Ganzen weiter wie gehabt. Selbst die schwere Krise, die derzeit an den Grundfesten der Finanzwirtschaft rüttelt, löst kein Hinterfragen ihrer Mechanismen und Instrumente aus. Geld dient dem Geld, lautet allem Anschein nach ihr unwidersprochenes Paradigma. Die Anlagestrategien der Investoren fördern eine rein auf Rendite ausgerichtete Kultur und erhöhen somit den Druck auf die Arbeitnehmerschaft. Mit desaströser Wirkung auf das Humankapital: Stress, Unzufriedenheit am Arbeitsplatz, Depressionen, lange Krankenstände bis hin zum Selbstmord sind die Folgen. Immer wieder muss die Notwendigkeit von Kosteneinsparungen herhalten, um Stellenstreichungen zu begründen. In der Auswahl der Managementmethoden herrscht heute Konsens unter den Wettbewerbern: Die Manager kopieren sich gegenseitig, Modelle und Strukturen basieren auf einheitlichen Theorien, ohne Rücksicht auf die besonderen Gegebenheiten des einzelnen Unternehmens.
"Fat cats": Wer verdient, was er kassiert?
Aufgrund ihrer groß- zügig bemessenen Gehälter nennt man sie "fat cats". Was ver- dienten Konzernchefs im Geschäftsjahr 2006/2007. Die im Stoxx (Aktienindex) gelisteten Konzerne zahlten insgesamt 1,2 Milliarden Euro. Einige Topverdiener:

Wendelin Wiedeking, Vorstandsvorsitzender der Porsche-AG: 72,6 Mio €

Josef Ackermann, Vorstandschef der Deutschen Bank AG: 13,83 Mio €

Jean-Pierre Garnier, ehem. Vorstandschef von GlaxoSmithKline Gmbh & Co.KG: 13,812 Mio €

Arun Sarin, ehem. Vorstand der Vodafone GmbH: 12,674 Mio €

Daniel Vasella, Vorsitzender Ge- schäftsführer Novartis GmbH: 11,487 Mio €

Cynthia Carroll, Vorstand Anglo American Public limited company: 10,817 Mio €

Peter Löscher, Vorstandsvorsitzen- der Siemens AG: 10,813 Mio €

Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender Daimler AG: 9,645 Mio €

Olli-Pekka Kallasvuo, Präsident und Vorstand der Nokia GmbH: 9,808 Mio €

Daniel Bouton, ehem. Vorstandsvorsitzender der Société Générale: 5,943 Mio €

Bedeutet dies in letzter Konsequenz, dass die Aktionäre Alleinherrscher über die Unternehmen sind? Dieser Schluss liegt nahe, denkt man an die Macht der Private-Equity-Gesellschaften. Immer zahlreicher durchforsten sie den Markt und prüfen die Rentabilität von Unternehmen, in die ihre Kapitalgeber investiert haben. Doch ihr Hauptziel ist das Aufspüren von Firmen mit passendem Profil, bei denen sie dann möglichst günstig einsteigen, um deren Attraktivität (wieder) zu steigern, und – in der Regel durch eine Neuausrichtung des Managements – Profite zu generieren und sich so das Vertrauen der Investoren zu sichern. Und wenn sie dann die Kontrolle über das Unternehmen übernommen haben - natürlich unter Berufung auf Ethik und eigene Wohltaten - ernten sie die Früchte ihrer Lobby-Arbeit in Form gigantischer Erfolgsprämien.

Rationalisierung im Interesse der Effizienz

Entspricht dieses Verhalten der ursprünglichen Bedeutung von Management? Etymologisch stammt der Begriff „Management“ aus dem Lateinischen manum agere - „an der Hand führen“. Historisch bedeutet er „ein Haus führen, die Mitarbeiter eines Teams lenken, Lagerbestände und Kosten verwalten.“ Die Managementlehre ist eine relativ junge Disziplin. Die ersten Managementtheorien aus dem 19. Jahrhundert räumen der angemessenen und leistungsgerechten Entlohnung der Mitarbeiter eine zentrale Bedeutung ein. Sie orientiert sich nicht in erster Linie an der Vielseitigkeit, sondern an der Qualifikation und dem fachlichen Know-how des Einzelnen (dieses Prinzip gilt im Wesentlichen bis heute, allerdings mit einer Verschiebung der Schwerpunkte: heute ist neben dem Fachwissen des Arbeitnehmers auch seine vielseitige Einsatzfähigkeit ein wichtiges Auswahl- und Qualifizierungsmerkmal.)

Überall wird rationalisiert. Theorie und Konzept der Rationalisierung von Arbeitsprozessen stammen von dem amerikanischen Ingenieur Frederick Winslow Taylor. Nach ihm wurde der „Taylorismus“ benannt. Er unterteilte die Arbeitsprozesse in einzelne Schritte und Handgriffe, hielt mit der Stoppuhr fest, wie lange ein Arbeiter benötigte, um einzelne Arbeitsschritte auszuführen, und ermittelte so die Taktung für das Fließband. Taylors Lehre von der wissenschaftlichen Betriebsführung bildete die Grundlage für die industrielle Revolution des 20. Jahrhunderts. Sie verbannte jede Art intellektueller Tätigkeit aus den Fabrikhallen und siedelte sie in den Planungsbüros und Organisationseinheiten der Unternehmen an. Etwa zur gleichen Zeit begründete der französische Bergbauingenieur Henri Fayol die Management- bzw. Verwaltungstheorie und definierte die verschiedenen Funktionen des Managements: Vorschau und Planung, Organisation, Leitung, Koordination und Kontrolle. Sie sind bis heute Grundlage des modernen Organisationsmanagements. Der deutsche Nationalökonom und Mitbegründer der Soziologie Max Weber entwickelte ebenfalls Theorien zu Management und idealer Unternehmensführung. Seine Ideen zum Thema Personalmanagement, Unternehmensstrategie, Finanzen und Marketing fanden im Frankreich der 1970er- und 1980er-Jahre breiten Anklang.

Ein Zustand permanenter Instabilität

In der Zwischenzeit haben sich diese Lehren ebenso wie die Realität weiter entwickelt. Der aktuelle Trend geht eher in Richtung des Dokumentarfilms „J'ai mal au travail“ (Ich leide an meinem Arbeitsplatz) von Jean-Michel Carré aus dem Jahr 2004. Die Gründe dafür sind leicht auszumachen: Stress, Mobbing, rohe Umgangsformen, anhaltender und ständig zunehmender Druck. Die Arbeitnehmer sind heute stärker als je zuvor dem wachsamen Auge ihrer Vorgesetzten ausgesetzt. Sie müssen funktionieren und dürfen keinen Fingerbreit vom vorgegebenen Ziel abweichen, dessen Einhaltung ständig kontrolliert wird. Aus der Reihe tanzen ist nicht gestattet, Widerspruch und Wettbewerb – seien sie noch so anregend und belebend – werden unterdrückt. Es herrscht permanente Verunsicherung, die im Ergebnis zwangsläufig zu rein zufälligen Resultaten führt. Eine beunruhigende Tatsache für die treibenden Kräfte im Unternehmen, die gezwungen sind, auf Sicht zu steuern, und für Investoren, die Unsicherheit von Natur aus verabscheuen.

Eine solche Strategie bietet kaum Raum für eine nachhaltige Unternehmenspolitik; die langfristige Unternehmensentwicklung und das Wohlbefinden der Arbeitnehmer bleiben auf der Strecke, denn es geht allein darum, die Ansprüche der Aktionäre so rasch und gut wie möglich zu erfüllen und ihnen Sicherheit zu vermitteln.
Aus dieser Situation heraus lässt sich mancher Mitarbeiter auf riskante Handlungen ein, um sein Planziel zu erreichen. Die Affäre des Wertpapierhändlers Jérôme Kerviel, der seinem Arbeitgeber, der französischen Großbank Société Générale, einen Verlust von ca. 5 Milliarden Euro eingehandelt haben soll, ist nur ein Beispiel von Tausenden – wenn auch ein besonders spektakuläres – für den ständigen Wettlauf nach Ergebnis und Profit.
Derweil vertieft sich die Kluft zwischen Management und Arbeitnehmerschaft zusehends. Soziale und finanzielle Ungleichheit sowie exorbitante Gefälle in der Bezahlung tragen dazu bei. Hinzu kommt die Belastung des Arbeitsklimas, weil die Ängste der Manager sich auf die Arbeitnehmer übertragen, was in vielerlei Hinsicht Spannungen schafft.

Wie konnte sich diese Doktrin überall durchsetzen? Zu hinterfragen sind die Realität der Märkte, das durch diese Gegebenheiten geprägte soziale Umfeld, aber auch die Ausbildungsinhalte an den Wirtschafts- und Management-Hochschulen sowie die dort unterrichteten, klar definierten Managementmodelle. Schwebte Fayol und Weber noch ein europäisches Managementmodell vor, so grenzt es heute an Idealismus, weiterhin an ein solches zu glauben. Längst hat das europäische Modell der sozialen Marktwirtschaft vor dem ultra-liberalen aggressiven amerikanischen Turbokapitalismus kapituliert.

Die soziale Verantwortung des Unternehmers

Angesichts der unersättlichen Forderungen nach immer höheren Renditen bietet sich als mögliche Alternative allein das Konzept des sozial verantwortlichen Unternehmertums an. Ein solches fordert jedoch andere Strukturen: kleinere, nicht börsennotierte Unternehmen, die dem Druck der Aktienmärkte und der Investoren nicht ausgesetzt sind, sich – auch moralisch - ihren Mitarbeitern stärker verpflichtet fühlen und soweit wie möglich Arbeitsplätze dauerhaft erhalten. Verantwortliches Unternehmertum trägt zur Rehabilitierung einer gewissen Ausprägung des Managements in den Augen der Öffentlichkeit und, noch wichtiger, der betroffenen Arbeitnehmer bei. Ein solches Modell steht jedoch im krassen Gegensatz zur gängigen Praxis der multinationalen Unternehmen, die eher Stellen abbauen und Produktionen in billigere Länder verlagern, anstatt Arbeitsplätze zu sichern und ihren Mitarbeitern, wenn auch keine goldene, so doch eine absehbare und gesicherte Zukunft zu bieten. Der Einsatz ist hoch. Auf dem Spiel stehen das soziale Gleichgewicht und die Zukunft mehrerer Generationen von Arbeitnehmern, allen voran die der heutigen Berufseinsteiger und der mittleren Altersgruppe, die in zehn oder zwanzig Jahren in Rente gehen werden.

Alexis Fricker

Erstellt: 29-09-08
Letzte Änderung: 07-11-08