Zur FotogalerieVöllig verrückt und zum Lachen komisch
Es fällt schwer, das Wort „verrückt“ im Kinokontext genauso wie im realen Leben zu verwenden. Letztlich ist man für andere immer ein Verrückter, es ist nur eine Frage des Blickwinkels oder eben des Films. Doch das Kino begann erst spät damit, Entgleisungen des Verstandes zum Thema zu machen, das Unerklärliche darzustellen und Randerscheinungen als normal hinzunehmen. Dabei ist das Kino ebenso alt wie die Psychoanalyse und beleuchtete im Laufe des 20. Jahrhunderts in schöner Eintracht alle Seelenzustände und Tabus der Menschheit. Zunächst wurde Verrücktheit als etwas Komisches dargestellt – man denke an die extravaganten Tricksereien von Georges Méliès, die Lachsalven, die die irrwitzigen Marx Brothers auslösten, oder die Neurosen, hysterischen Anfälle und zwanghaften Manien des berühmtesten depressiven Hypochonders der Welt, Woody Allen.Gruseliger Wahnsinn
Die expressionistischen Filmemacher aus Deutschland waren die ersten, die sich in Fantasyfilmen wie „Orlacs Hände“, „Der Golem“ und insbesondere „Das Cabinet des Dr. Caligari“ auch mit der düsteren Seite von Verrücktheit und Wahnsinn auseinander setzten. Als erster brach Fritz Lang mit dem Tabu – vielleicht auch, weil in seinem Fall der Wahnsinn ein anderes unausgesprochenes, aber sehr reelles Grauen überdecken sollte, nämlich das Aufkommen des Nationalsozialismus. In „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ wird das Medium Kino voll ausgeschöpft, um in Bild und Ton ein mordendes dementes Ungeheuer zu erschaffen. Die Figur des M, des Kindermörders, der kleine Mädchen mit Zöpfen und rosafarbenen Kleidchen umbringt, basiert auf dem authentischen Fall des „Vampirs von Düsseldorf“. Damit waren also todbringende Psychopathen auf das Kinopublikum losgelassen. Doch bevor Massaker im Breitwandformat richtig in Mode kamen, bedurfte es erst noch eines Weltkrieges. Psychopathie als Kunst
Alfred Hitchcock adelte schließlich den mörderischen Psychopathen und schuf 1960 mit „Psycho“ so etwas wie die Bibel des Genres. Norman Bates, ein introvertierter Präparator und äußerst reinlicher junger Mann (insbesondere, wenn er junge Mädchen unter der Dusche umbringt), der seine Mutter zu sehr liebt und dem der junge Anthony Perkins seine kantigen Züge lieh, sollte zur Paradefigur des verschrobenen Mörders werden. Neben diesem großen Klassiker lotete Hitchcock normabweichende Verhaltensweisen subtil und präzise auch in „Marnie“ und „Vertigo“ aus und machte so Wahnsinn zu einem Kunstwerk. Im selben Jahr drehte Michael Powell in einer wegweisenden Inszenierung „Augen der Angst“ über einen Mörder aus dem Filmmilieu und schuf einen wunderbaren Film im Film. An diese Perfektion kam nur Stanley Kubrick 1977 mit „Shining“ heran, in dem Jack Nicholson einen Schriftsteller spielt, der mit seiner Familie in einem düsteren, einsam in den Bergen gelegenen Hotel lebt und nach und nach den Verstand verliert. Unheimlich! So mancher Kinofreund (es werden keine Namen genannt!) kann diesen Film auch heute noch nicht am Stück sehen. Genres des Wahnsinns
Anschließend wurde das Verrücktsein in allen Variationen und Genres durchkonjugiert. Zunächst kam der Thriller, man denke beispielsweise an „Weiblich, ledig, jung sucht...“ von Barbet Schroeder, „Das Schweigen der Lämmer“ von Jonathan Demme (hier ist der Psychiater der Gefährlichste von allen!), „Dressed to kill“ von Brian de Palma (ein ähnlicher Fall) oder „Der Frauenmörder von Boston“ von Richard Fleischer. Von da ist es nicht mehr weit bis zum Horror- und Fantasyfilm. Neben verschiedensten Versionen von „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ seien genannt: - die Geschichte eines Mädchens, das nachts als Panther umherzieht („Katzenmenschen“ von Jacques Tourneur)
- der neuinterpretierte Blaubart-Stoff („Das Geheimnis hinter der Tür“)
- oder aber Lehrstücke über Nachbarn und das schmerzlose Gebären eines Kindes des Teufels ( „Rosemary’s Baby“ von Roman Polanski, in dessen Film „Ekel“ uns bereits die Risse in den Wänden bzw. der Persönlichkeit der Hauptfigur erschreckt hatten).
Wahnsinnig übergeschnappt
Gegen Ende der 70er-Jahre sorgte eine neue Strömung dafür, dass blutrünstige Psychopathen erneut im Mittelpunkt grausiger Inszenierungen standen, und Dario Argento lieferte virtuose Spielarten dieses Themas. Besondere Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang auch John Carpenter wegen seiner geradezu traumatisierenden Steven King-Adaptationen und insbesondere seines Films „Die Mächte des Wahnsinns“. Außerdem seien noch einige Extreme des Horrorgenres genannt wie beispielsweise „Blutgericht in Texas“ (oder: Wie überlebt man in einer Familie, die auf Menschenhaut steht?) oder „Der Exorzist“ von William Friedkin, der den interessanten Fall eines jungen Mädchens vorstellt, die als Krebs die Treppe herunterkriecht und eine Männerstimme hat. Die Kinogrößen David Lynch und David Cronenberg erhoben das Thema Wahnsinn in höhere und kaum noch greifbare Sphären und drehten Meisterwerke wie „Eraserhead“, „Lost Highway“, „Die Unzertrennlichen“, „Naked Lunch“ und „Spider“. Der Wahnsinn ist die Schwester des Irrationalen, und so erzeugen die Irrungen der menschlichen Seele und das Unnormale zunächst einmal Angst. Der Verrückte kann sowohl für sich als auch für die anderen gefährlich sein, und das ganz ohne Vorwarnung oder Vorahnung. Er ist womöglich selbst jener sterbliche Andere, der so bedrohlich und unsichtbar anwesend ist, wie der Horla bei Guy de Maupassant. Delphine Valloire
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