Wulf Segebrecht - 09/11/09
Was Schillers Glocke geschlagen hat
Vom Nachklang und Widerhall des meistparodierten deutschen Gedichts
Aus der Flut der Bücher im 250. Schillergeburtsjahr ragt ein Büchlein seines originellen Titels und der originellen Thematik wegen heraus: „Was Schillers Glocke geschlagen hat – Vom Nachschlag und Widerhall des meistparodierten deutschen Gedichts“. Die Recherche des emeritierten Bamberger Germanisten Wulf Segebrecht führt auf eine auf den ersten Blick abgelegene Weise ein Stück nicht nur amüsanter deutscher Mentalitätsgeschichte vor.
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Eine Rezension von Ariane Thomalla
Dass bereits bei Erscheinen in Schillers Musenalmanach 1799 das „großangelegte“ „Lied von der Glocke“, das poetisch kraftvoll in je zwei Strängen den Arbeitsprozess des Glockengießens und das menschliche Leben von der Wiege bis zur Bahre beschreibt, nicht nur die Zustimmung etwa Goethes oder Wilhelm von Humboldts fand („eine sehr eigene und eine äußerst genievolle Production“), ist bekannt. Bei den jüngeren Jenaer Romantikern ernteten die altbackenen Bürgertugenden und damals schon als antiquiert empfundenen Geschlechterklischees massiven Spott. „Sittlich und platt“ lautete das Urteil. Wir „sind fast von den Stühlen gefallen“, referierte Caroline Schelling-Schlegel, „vor Lachen“ über Verse wie: „Der Mann muß hinaus/ Ins feindliche Leben“; „Und drinnen waltet/ Die züchtige Hausfrau / „Und herrschet weise/ Im häuslichen Kreise,“ Das Gedicht „ließe sich herrlich parodieren“, setzte sie hinzu. Und so geschah's denn auch. Parodieren und Imitieren.
Der Weg von der Klassik ins Biedermeier und ins Nationale
Selbst wer das Gedicht in seiner ganzen Länge von 430 Zeilen nie von einem deutschen Gymnasialprofessor eingetrichtert bekam, kennt die Zitate im Schlaf: „Fest gemauert in der Erden“; „Von der Stirne heiß,/ Rinnen muß der Schweiß“; „Errötend folgt er ihren Spuren“; „Drum prüfe, wer sich ewig bindet“; „Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang“; „Alles rennet, rettet, flüchtet“; „Er zählt die Häupter seiner Lieben“; „Da werden Weiber zu Hyänen“; und einiges mehr. Man schaue nur in Büchmanns „Geflügelte Worte“. „Concordia soll ihr Name sein“, heißt es am Schluss der Glocke, schlicht „Eintracht“, aus der das 19. Jahrhundert allmählich „Einheit“ werden ließ und aus Schiller einen nationalen Dichter der Deutschen. Aus dem „Lied von der Glocke“ wurde ein Gedicht von deutscher Zucht und Sitte. In seiner Rezeption, schreibt Segebrecht, fand die „Übersetzung der Klassik ins Biedermeierliche“ statt, was auch heißt ins Kleingeistige.
Die Paraphrasen der Zünfte
So bemächtigten sich ungeniert jetzt die Berufsstände der genialen Vorlage für Vereinsfeiern, Jubiläen, Silvester oder Karnevalsveranstaltungen. Buchdrucker, Bierbrauer, Buchhalter, Metzger, Drechsler, alle Zünfte ließen sich zur Selbsthuldigung inspirieren, zum „Lied vom Brod“, zum „Lied von der Sandtorte“ („Reich mit Butter ausgestrichen/ steht die Form zum Kuchen dort“) oder gar von der Erbswurst: „Fest gestampft in ihrer Pelle/ winkt die Erbswurst meinem Zahn“. Es entsteht „Das Lied von der Schneeseife“, „Von der Uhr“, „Vom deutschen Theater“, „Von der Photographie“, vom Buch, oder vom Rock und seiner Verfertigung vom Zuschneiden bis zum Auftritt seines Trägers beim abendlichen Ball. Sogar „Das Lied von der Öffentlichkeit“ liegt vor, „Das Lied vom Schiff“, „Das Lied vom Schachspiel“. Unerschöpflich sind die Beispiele und in solcher Fülle kaum noch komisch. Hier hätte der Philologe seinen Sammlerstolz zügeln sollen. Es handelt sich ja auch gar nicht mehr um Parodien.
Antisemitische und militaristische Variationen
Interessant wird es, wenn das Gedicht für hässliche Töne herhalten muß. Etwa wenn Achim von Arnim anläßlich der Anschaffung und Einweihung einer Glocke für die von ihm begründete „Deutsche Tischgesellschaft“ 1810 in Berlin in seiner „ Glockentaufe“ frei nach Schiller von seiner „Glocke“ erhofft: „Alle Christen zu entflammen/ Soll sie Juden laut verdammen.“ Noch 1895 lehnt sich eine antisemitische Hetzschrift an Schillers „Glocke“ an: „Wenn sich der Deutsche paart mit Juden,“ heißt es, „Da giebt es keinen guten Klang!/ Drum prüfet, eh' Ihr Euch vereinigt, /Ob schließlich nicht der Jud Euch peinigt,/ Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.“ Auch das 1849 verfasste und damals bereits ausnehmend militaristische „Lied von der Kanone“, die wie eine Glocke gegossen wird, frappiert. „Frisch Gesellen seid zur Hand“. Im reflexiven Part mit Szenen aus dem Soldatenleben und dem Kriegseinsatz heißt es Schiller paraphrasierend: „Wenn Weiber frech die Zähne fletschen/ Dem sonst geliebten Militär! Dann läßt sich nur noch mit Kartätschen/ Die Ordnung wieder stellen her“. „Und weil entscheidet die Kanone,/ Sobald sie öffnet ihren Mund, /So lehret sie dem Erdensohne, /Daß sie der Mächte letzter Grund.“
Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg
Siebzig Jahr später bedient sich die Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg des „Lieds von der Glocke“ im „Lied von der Siebten Kriegsanleihe“, die im Oktober 1917 auferlegt wurde: „Fest gemauert in der Erden/ Steht die Front in West und Ost“, heißt es da und: „Den deutschen Mann muß man verachten,/ Der willig nicht sein Opfer bringt./ Das ist's ja, was den Deutschen zieret,/ Er kämpfet für sein Vaterland.“
Enzensbergers Kritik am „Lied von der Glocke“
Da ist es kaum zu verdenken, dass 1966 der junge Enzensberger als Herausgeber des dritten Bands „Poesie“ der vierbändigen Werkausgabe Schillers im Suhrkampverlag eigenmächtig das „Lied von der Glocke“ einfach weggelassen hat. Schlicht eliminiert. Sozusagen im vorweggenommenen 68er-Gestus. Natürlich konnten ihm politische Auslassungen wie: „Wenn sich die Völker selbst befrein/ Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihen“, nicht gefallen. Aber seine Abneigung war tiefer. „Festgemauert, aber entbehrlich“ titelte er den Antwort-Essay auf alle Angriffe und schrieb, dass in den das poetische Gleichnis des Glockengießens überkommentierenden Reflexionsstrophen das Leben „in seiner leersten Allgemeinheit“ vorgeführt werde. Und war es nicht gerade das, was den Nachahmungsreiz des Gedichts ausgemacht, aber auch alles erlaubt hatte?
Erstellt: 02-11-09
Letzte Änderung: 09-11-09