Der israelische Stardirigent Daniel Barenboim setzt sich seit Jahren für den Dialog zwischen Israel und Palästina ein – nicht mit politischen Mitteln, sondern mit der Kraft der Musik. Nun wird er mit seinem West-Eastern Divan Orchestra zum ersten Mal in Palästina spielen. ARTE überträgt das Konzert am 21. August 2005 ab 19 Uhr live.1999 rief Daniel Barenboim gemeinsam mit dem palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said und Nachwuchsmusikern aus Israel, Palästina und den arabischen Staaten des Nahen Ostens das West-Eastern Divan Orchestra ins Leben – mit dem Ziel, durch gemeinsames Musizieren den Dialog zwischen den verschiedenen Kulturen des Nahen Ostens zu ermöglichen. Am 21. August tritt das Orchester zum ersten Mal auf palästinensischem Boden auf.
ARTE sprach mit Daniel Barenboim in Berlin:
ARTE: Mit Ihrer Orchesterakademie für junge Nachwuchsmusiker aus Israel und den arabischen Ländern unterstützen Sie seit 1999 den Dialog zwischen Israelis und Palästinensern. Wie kam es zur Gründung des Orchesters in Weimar?Daniel Barenboim: Weimar steht für das Beste und das Schlimmste der deutschen Geschichte. Das Beste ist Goethe und das Schlimmste – nur fünf Kilometer entfernt – das Konzentrationslager Buchenwald. 1999 war Weimar Kulturhauptstadt Europas und dank der Energie des damaligen Generalbeauftragten Bernd Kaufmann wurde dieser Workshop, den wir nach Goethes Gedichtsammlung „West-östlicher Diwan" benannten, möglich. Kaufmann übernahm damals die sehr schwierige Aufgabe, von Kairo über Damaskus bis nach Amman alle Kontakte herzustellen.
Wie war die Resonanz auf Ihren Aufruf?
Wir hatten am Ende 200 Bewerbungen aus Ägypten, Jordanien, Syrien, Israel und dem Libanon. Ich war völlig überrascht von dem künstlerischen Niveau und spürte, dass daraus mehr werden würde als ein kleiner Kammermusikworkshop. Man muss bedenken: Viele der jungen Musiker hatten noch nie in einem Orchester gespielt oder eines live gehört.
Wie ist es Ihnen gelungen, diesen ursprünglich einmaligen Workshop in ein dauerhaftes Orchesterprojekt umzuwandeln, das jährlich durch die Welt tourt?
Es war schwierig. 1999 herrschte „kalter Frieden“ zwischen Ägypten, Jordanien und Israel und Kriegszustand zwischen Israel, Syrien und dem Libanon. In Syrien wie auch in Israel ist es den Menschen gesetzlich verboten, miteinander zu verkehren. Lange war es auch zwischen Palästinensern und Israelis so. Diese jungen Leute haben großen Mut bewiesen, indem sie zu uns gekommen sind. Viele wollten zu Beginn der Dreharbeiten für die ARTE-Dokumentation „Wir können nur den Hass verringern“ aus Angst nicht ihr Gesicht zeigen.
Eine große Hilfe war Ihnen auch der palästinensische Intellektuelle Edward Said, der 2003 verstarb.
Sein Tod ist in jeder Hinsicht ein unersetzbarer Verlust. Er war jemand, der eine Verbindung schaffen konnte zwischen allem, was Menschen bewegt. Ein großer Literaturwissenschaftler und Musiker, der wie ein Renaissance-Mensch interdisziplinär dachte, ohne seine eigene Identität oder die anderer aus der arabischen Welt zu verleugnen. Er verstand die Bedeutung von Musik.
Wie ging es nach der Gründung weiter?
Im darauf folgenden Jahr gab es finanzielle Schwierigkeiten, Weimar war ja nicht mehr Kulturhauptstadt. Doch Kaufmann hat es irgendwie geschafft. Auch vom Chicago Symphony Orchestra, das ich seit 1991 leite, bekamen wir Unterstützung. 2001 entschied ich, ein Jahr zu pausieren, um darüber nachzudenken, wie es weitergehen könnte. Ich habe einen Horror vor Routine und der automatischen Wiederholung von Ideen. Zudem hatte da schon die zweite Intifada begonnen, alles schien sehr kompliziert. Dann bekam ich einen Anruf aus Spanien, von der Regierung Andalusiens. Sie bot uns ideale Bedingungen für unser Projekt an, auch in finanzieller Hinsicht. Seitdem ist Sevilla unser Zuhause.
Für das große Konzert in Ramallah am 21. August, das ARTE live übertragen wird, gewährt die spanische Regierung allen Orchestermitgliedern spanische Diplomatenpässe, die ihnen die Einreise ermöglichen.Ja. Ich finde, das ist eine visionäre Geste. Außerdem werden uns die Vertretungen Deutschlands, Frankreichs und Spaniens in Ramallah mit dem Transport helfen. Man kann in Palästina ja nicht mit dem Flugzeug landen, man muss über Israel oder Jordanien einreisen. Glauben Sie mir: Es ist viel schwieriger, ein solches Konzert zu organisieren, als eines in der Pariser Philharmonie.
Nach der Gründung des Staates Israel 1948 siedelten Sie mit Ihrer Familie auf Wunsch Ihrer Mutter 1952 von Buenos Aires nach Israel um. Inwiefern unterscheidet sich das Israel Ihrer Kindheit von dem Land heute?
Damals war Israel ein Land voller Menschen, die schreckliches Leid erlebt hatten, die den Holocaust und die russischen Pogrome überlebt hatten und doch mit unglaublichem Idealismus in die Zukunft blickten. Sie wollten ein Land aufbauen. Der Bruch kam für mich 1967 mit dem Sechstagekrieg, seitdem sind wir Besatzer. Kein Volk hat das Recht, ein anderes zu besitzen, auch nicht das jüdische Volk. Wir waren über 2.000 Jahre lang eine Minderheit, manchmal gut aufgenommen, oft aber auch grausam behandelt. Wir sollten wissen, dass es nicht die Aufgabe eines Volkes ist, ein anderes zu besetzen und zu kontrollieren. Das muss einfach aufhören. Es gibt keine militärische Lösung für diesen Konflikt. Wir müssen begreifen, dass die Schicksale beider Völker untrennbar miteinander verbunden sind. Deshalb trete ich für den Dialog ein.
Ihre Mutter und ihre Großmutter waren beide glühende Zionistinnen und setzten sich dafür ein, in Palästina eine Heimstätte für das jüdische Volk zu gründen. Was würden die beiden heute über Ihr Engagement im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern sagen?
Bei meiner Großmutter weiß ich es nicht. Meine Mutter aber hätte es verstanden. Ich beschäftige mich ja bereits seit den 1970er Jahren mit dieser Thematik. Meine Mutter war auch dabei, als ich die ersten Palästinenser getroffen habe. Es geht mir ja nicht darum, die Gründung des Staates Israel in Frage zu stellen. Es geht mir lediglich um ein bisschen Distanz. Wir müssen versuchen zu verstehen, was 1948 falsch gemacht wurde. Was wurde dem jüdischen Volk damals versprochen, und wie sieht die Lage heute aus?
Warum treten Sie ausgerechnet in Ramallah auf?
Wir haben Ramallah gewählt, weil wir glauben, gerade dort ein wichtiges Zeichen menschlicher Solidarität setzen zu können. Wir sind keine Politiker, wir wollen nur das gegenseitige Nichtwissen bekämpfen. Es schmerzt mich, was im Augenblick dort passiert. Es ist eine asymmetrische Situation entstanden, weil eine Nation seit 1967 Gebiete besetzt, die von anderen, sagen wir mal beansprucht werden.
Glauben Sie tatsächlich, dass ein palästinensischer Jugendlicher, der Steine wirft oder Bomben legt, sich durch Musik davon abhalten lässt?
Ich bin nicht blauäugig. Ich glaube nicht, dass ich mit Musik das Problem lösen kann. Aber Musik kann einen Lebensinhalt geben. Deshalb habe ich dort auch einen Musik-Kindergarten gegründet. Wenn man mehrmals in der Woche zum Geigenunterricht geht, hat man weniger Zeit für radikale Gedanken. Vielleicht kann ich so das Hassniveau zumindest für einige Stunden senken.
Warum hasst die Menschheit so leidenschaftlich?
Hass provoziert leider die größte emotionale Energie.
Was hassen Sie denn am meisten?
(überlegt) Mangel an Neugier. Und Bequemlichkeit.
Sind Sie nicht besorgt um die Sicherheit oder eventuelle Ressentiments, denen Ihre Schützlinge ausgesetzt sein könnten? Sie als Star sind ja geschützt.
Wir werden nur nach Ramallah fahren, wenn die Sicherheit garantiert ist. Ich erwarte von den Israelis, dass wir ohne Probleme durch alle Checkpoints kommen, und ich erwarte von den Palästinensern eine staatsmännische Haltung, die sich ebenso darin ausdrückt, dass die Sicherheit garantiert ist.
Wie sind die Reaktionen auf Ihr Projekt? Werden Sie kritisiert oder gar bedroht?Manchmal ist es ein bisschen unangenehm, aber es ist in Ordnung. In Israel unterstellt man mir, ich würde die Arbeit mit dem Orchester aus Publicity-Gründen machen. Das ist Unsinn. Das wäre vielleicht der Fall, wenn ich von Berlin aus Artikel schreiben würde. Ich finde es absolut wichtig und notwendig, nach Ramallah zu fahren.
Wie wurden die jungen Musiker in Europa aufgenommen?
Ich kann nur für die Mitglieder der Berliner Staatskapelle sprechen, die als Mentoren wirken. Sie haben sich den jungen Musikern gegenüber menschlich und fachlich sehr großzügig gezeigt.
Wie sehen Sie Ihre Rolle in dem Projekt? Und was müsste die Kulturpolitik tun?
Ich habe gestern Fußball geschaut: Argentinien gegen Mexiko. Unsere Politiker müssten Fußball schauen, um zu verstehen: Man kann nur etwas erreichen, wenn man zwischen Verteidigung und Angriff pendelt, aber dabei immer „nach vorne“ strebt. Die momentane Kulturpolitik ist nur Verteidigung. Alle elf Männer stehen vor dem Tor, um niemanden hereinzulassen. So gibt es leider nur wenig Kreativität.
Das Gespräch führte Teresa Pieschacón Raphael






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