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Evolution von 2. bis 30. April - 07/04/05

Wettrüsten

Abenteuer Arte


In Lewis Carrolls berühmten Buch "Alice hinter den Spiegeln" entdeckt Alice beim Durchqueren eines Spiegels eine lebendig gewordene Schachwelt, in der sie die Funktion eines weißen Bauern übernimmt. Sie macht im Verlauf des Spiels eine erstaunliche Entdeckung über diese Welt, die ihr von der Roten Königin erklärt wird: "Hierzulande musst du so schnell rennen wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst. Und um woandershin zu kommen, muss man noch mindestens doppelt so schnell laufen!". Diese suggestive Geschichte hat einen großen Anklang in der Evolutionsbiologie zu finden vermocht. 1973 stellte der Evolutionsbiologe Leigh Van Valen seine "Rote-Königin-Vermutung" auf. Van Valens Vermutung besagt, dass Gemeinschaften konkurrierender Arten oder Räuber und ihre Beute in einem beständigen evolutionären Rüstungswettlauf gefangen sind: Räuber werden immer besser, Beute aufzufinden und zu fangen und diese werden im Gegenzug immer besser, diesen Angriffe zu entfliehen. Sowohl Räuber als auch Beute müssen sich ständig wandeln, um überleben zu können. Beide Parteien werden immer besser, aber ihre relative Stärke ändert sich nicht oder nur kurzfristig.

Eine Eskalation dieses Wettrüstens zwischen Räubern und ihren Beuteorganismen scheint ein Charakteristikum des Lebens auf der Erde zu sein. Gut dokumentiert ist die steigende Vielfalt und Komplexität des marinen Lebens im Mesozoikum, das vor 250 Millionen Jahren begann. In dieser Epoche tauchten zahlreiche neue Räuber auf, die sich auf Schalentiere als Beute spezialisierten. Diese Beutetiere versuchten diesem Beutedruck auf verschiedene Weisen aus dem Weg zu gehen. Viele Arten entwickelten dickere Schalen oder versahen ihre Schalen mit harten Stacheln, so dass ein Hantieren der Beute größere Schwierigkeiten bereitet. Andere Arten suchten sich neue Lebensräume: Das Sediment am Meeresboden und Spalten in Riffen und Felsen wurden als schützende Habitate erschlossen. Dieses Wettrüsten hat wahrscheinlich zur Artbildung bei sowohl den Räubern als auch der Beute beigetragen. Es ist aber noch eine offene Frage, ob die Evolution biologischer Gemeinschaften hauptsächlich von solchen Wechselwirkungen zwischen Organismen getrieben wird, oder ob langsame oder plötzliche Veränderungen in der unbelebten Umwelt eine größere Rolle spielen. Die "Rote Königin" mag für die Stabilität mancher biologischer Wechselwirkungen verantwortlich sein. Es kann ab und zu geschehen, dass in einem evolutionären Wettlauf eine Partei einen dauerhaften Vorsprung gewinnt und den Gegner in die Ausrottung treibt. In Ökosystemen bleiben langfristig daher nur die zwischenartlichen Wechselwirkungen erhalten, bei denen keine der Parteien einen solchen dauerhaften Vorteil sich erkämpfen kann. Andererseits dokumentieren die Fossilien planktonischer Arten, dass abiotische Faktoren das Überleben von Arten stärker beeinflussen als biologische Wechselwirkungen.

Die Bedeutung von Rüstungswettläufen in der Geschichte des Lebens und bei der Ausformung von biologischen Gemeinschaften mag noch umstritten sein. Unzweifelhaft ist aber, dass diese Wettläufe in der Gegenwart eine enorme praktische Bedeutung gewonnen haben. Krankheitserregende Bakterien und Viren stehen unter dem beständigen Auslesedruck, der für sie tödlichen Wirkung von oft unvorsichtig eingesetzten Medikamenten und Antibiotika zu entfliehen. Leider haben viele Mikrobenstämme in diesem Wettlauf inzwischen einen deutlichen Vorsprung gewonnen und sind gegen nahezu alle Antibiotika resistent. Darüber hinaus nimmt die Gefährdung durch so genannte neu auftauchende Erkrankungen wie Ebola zu. Wenn Menschen lange Zeit als Wirte von Krankheitserregern dienen, stellt sich häufig ein evolutives Gleichgewicht ein, bei dem die durch den Erreger verursachte Sterblichkeit in Schach gehalten wird.


Bei neuen Erregern oder solchen, die sich in einem neuen Lebensraum ausbreiten, ist dieses Gleichgewicht noch fern und der Wettlauf zwischen dem Immunsystem des menschlichen Wirtes und dem Erreger endet nur allzu oft zuungunsten des Menschen.


Der Autor Thomas Weber ist wissenschaftlicher Assistent am Institut für Tierökologie der Universität Lund (Schweden) und Buchautor.

Erstellt: 07-04-05
Letzte Änderung: 07-04-05