„Unheimlich…kann einem werden, wenn man nach Moskau blickt. Stalin wurde dort in der Metro gesichtet, pünktlich zum Wahlkampf.“
Mit diesen Worten begann ich vor einem Monat die Vorstellung von
Martin Cruz Smith „Stalins Geist“. Diesen abgedrehten, ausgefinkelten Roman finden Sie im Februar wieder auf
Platz 1 unserer Empfehlungsliste. (Aus dem Nähkästchen: Noch nie in der dreijährigen Geschichte der KrimiWelt-Bestenliste hat ein Autor so viele Stimmen auf sich vereint.) Dass unsere Jury mit ihrer Wertschätzung nicht allein ist, beweist der 2. Platz in der Kategorie „International“ des
Deutschen Krimi Preises, mit dem „Stalins Geist“ soeben ausgezeichnet wurde.
Unheimlich…wird einem bei der Lektüre von
Tom Rob Smiths „Kind 44“ (im Februar Platz 4) gleich aus mehreren Gründen. Geballt ist der „weltweite“ Medienhype um dieses Buch (glossiert von Sarah Weinman im
Guardian). Die deutsche Ausgabe erscheint zwei Monate vor dem englischen Original „Child 44“, die Rechte sollen in 25 Länder verkauft worden sein, Ridley Scott hat angeblich bereits die Filmrechte erworben. (Wer hat eigentlich welches Buch gelesen, bevor er es gekauft hat?) Viel Remmidemmi um einen 28-jährigen Drehbuchautor, der bisher einen Abschluss in Cambridge, zwei
Drehbücher zu Serienfolgen und die Mitarbeit an der Entwicklung einer koreanischen Soap-Opera vorzuweisen hat.
Ein zweiter Cruz Smith ist Rob Smith nicht. Trotzdem ein spannendes Buch aus der Zeit um Stalins Tod 1953: MGB-Mann Leo Demidow, glühender Tschekist mit Resten von Anstand, soll den Eltern eines ermordeten Kindes einreden, der Tod sei ein Unfall gewesen. Etwas holzschnittartig: Kriminalität ist kapitalistisch und hat es deshalb im Sozialismus nicht zu geben, also erst recht keine Serienmörder. Aufgrund der Intrige eines Wurms von Kollegen wird Leo nach Wualsk versetzt, was so ist, wie der Name klingt. Dort stößt ihm, zum Milizionär degradiert, die böse Wahrheit auf, dass ein Serienmörder ein Kind nach dem anderen aufschlitzt und ausweidet. Mit seiner – in Kollektivhaft gleich mit degradierten - Frau Raisa beginnt er, mehr oder minder auf eigene Faust zu ermitteln.
Rob Smith gelingen bedrückende Einblicke in die Welt aus ständiger Angst und Bespitzelung, thrillertechnisch gesteigert durch die Verfolgungssituation, in der sich die beiden befinden. Das Ende ist pures 19. Jahrhundert.
Einsamkeit …ist bekanntermaßen eine Grundbefindlichkeit der verbissenen Bullen und Detektive, also auch Oberkommissar Samejimas, des „Hais von Shinjuku“. So heißt die in Japan höchst erfolgreiche Serie, an der
Arimasa Osawa seit einigen Jahren schreibt. In diesem zweiten Roman der Serie „
Rache auf Chinesisch“ (original 1991: „Shinjuku zame 2 – Doku Zaru“) übernimmt der unbotmäßige Oberkommissar Samejima den Auftrag eines illegal eingereisten und ermittelnden Kollegen aus Taiwan, dessen polizeiliche Haltung ihn überzeugt hat. Der ist auf der Suche nach einem höchst gefährlichen, anpassungsfähigen Berufskiller. Der will sich für die Ermordung seiner Familie an einem ebenfalls taiwanesischen Auftraggeber rächen. Und dieser hat sich in den Schutz der Tokioter Yakuza begeben. Der Wettlauf zwischen Killer und Polizisten heizt die Spannung an. Ethnologisch faszinierend sind die Einblicke in Riten, Rituale und Gepflogenheiten der Verbrecherwelt und ihrer Gegner auf der Seite der Polizei.
Einsam …ist auch das Leben eines Schizophrenen, erst recht, wenn er schwarz ist. Doch das muss nicht unbedingt dazu führen, dass man ermordet wird. Deshalb gilt Darren McGees Tod in der Crow, dem fiktiven Fluss, an dem die fiktive Stadt Crow liegt, auch als Selbstmord. Erst als auch sein Cousin, der bekannte Journalist Paul Shaw mit der Behauptung aufkreuzt, McGee sei von einer Gruppe rassistischer Neonazis umgebracht worde, wird DCI Jacobson, der während der Ermittlungen abwesend gewesen war, aufmerksam. Hellwach und misstrauisch macht ihn dann der Tod des Journalisten: Auch er wird ohne ein Zeichen von Gewaltanwendung tot im Fluss gefunden.
Iain McDowall ist in Großbritannien bereits als Krimiautor etabliert. „
Zwei Tote im Fluss“ (original 2005: „Killing for England“) ist sein vierter Roman, auf dem deutschsprachigen Markt jedoch sein Debüt. (Im Februar auf Platz 8). Dichte, multiperspektivische Erzählung über den alltäglichen Rassismus und neonazistische Bestrebungen – überraschend aufgelöst.
Vergessen …wollte Rechtsanwalt Jack Irish den Tod seiner Frau. Sie wurde von einem enttäuschten Klienten umgebracht. Enttäuscht hat er auch den jungen Dealer Danny, den er im Trauer-Suff schlecht verteidigt hat. Im Prozess wie jetzt, nach seiner Haftentlassung, hat Danny behauptet, den Tod der jungen Umwelt-Aktivistin Anne Jeppeson nicht verschuldet zu haben. Danny und Irish sind verabredet, doch dann liegt Danny erschossen am Treffpunkt. Geschossen haben Polizisten – und Jack Irish beginnt zu ermitteln.
Wie schon in
Temples
„Kalter August“ stößt der – diesmal private - Ermittler auf ein Netzwerk aus Politikern, Baulöwen und Kinderschändern. Und kommt nur dank seiner Bekanntschaften vom Turf lebendig wieder heraus. Denn schließlich ist
Peter Temples „
Vergessene Schuld“ (original 1996: "Bad Debts"), der erste Roman einer in Australien mehrfach ausgezeichneten Romanreihe und Irish muss weiter ermitteln. (Im Februar Platz 9)