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Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

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KrimiWelt auf www.arte.tv - 25/07/08

What’s New auf der KrimiWelt im August 2008?

Von Tobias Gohlis, Sprechter der KrimiWelt-Bestenliste bei ARTE, Die Welt und Nordwestradio


Willkommen, liebe KrimifreundInnen,
im heißen August! Wundert Euch nicht, schon jetzt gibt es einen fetten Vorgeschmack auf den Herbst: 672+268+256+256+368=1820 Seiten neuer Stoff – und dabei kommt die nächste Auslieferungswelle erst Ende August auf uns zu!

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Wie Stars geboren und gemacht werden…

kann man am Beispiel der Irin Tana French beobachten. Man nehme ein interessantes Gesicht, man verschweige das Geburtsdatum, man erwähnen ein paar exotische Lebensstationen (Irland, Italien, Malawi), man organisiere ein paar weltweite Rechteversteigerungen – und fertig ist der in jedem Jahr dringend neu benötigte Star.
Heißt das, dass die Bücher des neuen Stars schlecht sind oder gut? Nein, weder noch. Hier zeichnen sich Trends ab, unabhängig von der Qualität der Bücher. Zum Beispiel das Irische: gleich, ob man Benjamin Black nimmt, Declan Hughes oder jetzt Tana French, drei ganz unterschiedliche Temperamente – auffällig ist, dass von den politischen Ereignissen, die Irland jahrelang erschüttert haben, kaum die Rede ist, alles dreht sich um Familiengeschichten, ganz unpolitisch, ganz in der persönlichen Erinnerung verankert, lange vergangen.
So bei French: In “Grabesgrün“ (original 2007: „In the Woods“) spielen 1984 drei Kinder im Wald und verschwinden. Bei der Suche wird einer, Adam Ryan, völlig traumatisiert mit Blut in den Schuhen an einen Baum gekrallt gefunden – ohne Erinnerung an das Geschehene. 20 Jahre später liegt an gleicher Stelle die 12jährige Katharine Devlin ermordet auf einem bronzezeitlichen Opferstein. Ryan ist inzwischen, mit anderem Vornamen, Detective und ermittelt mit seiner Seelenfreundin (sehr platonisch das Ganze, als sie einmal doch miteinander, läuft Ryan komplett aus dem Ruder) und Kollegin Cassie. Dass niemand – außer Cassie - wissen darf, dass er der immer noch ahnungslose Zeuge des unaufgeklärten Geschehens von damals war, steigert erheblich den Spekulationsraum, selbst wenn das im Rahmen einer realistisch konzipierten Polizeiermittlung nicht gerade plausibel erscheint.
French fesselt nicht durch Logik, sondern durch Überschwang: jede Menge Spuren führen in alle möglichen Richtungen, im Hintergrund spielen Bodenspekulation, Archäologie historisch bedeutsamer Stätten, und auch ein bisschen Lokalpolitik eine Rolle. Die Auflösung überraschend zu nennen, wäre die Untertreibung des Monats. (Platz 3)

Berufsverbrecher …

sind ausgestorben. Jedenfalls diese coolen, vollständig pragmatischen Einzelgänger, die fast nur auf Sicherheit und Überleben bedacht sind, die soliden Handwerker des Bankraubs und des Überfalls.
Nur in der Literatur leben sie noch, und auf unserer Augustliste gleich zwiefach.
Wer schon einen der fünf vorausgegangenen Wyatt-Romane Garry Dishers gelesen hat, wird vermutlich schon beim Wort „Verbrecher“ an diesen hageren, mit Mitte/Ende 40 immer noch lässigen, kraftvollen, geschmeidigen Mann Wyatt gedacht haben. Im sechsten und bislang letzten Fall „Niederschlag“ (original 1997: „The Fallout“) versammelt Disher noch einmal alle Motive, die die Wyatt-Serie über fast alles andere hinausheben: die coole Professionalität Wyatts, die immer wieder mit der dummen Gier, den albernen Begehrlichkeiten und störenden Gefühlen seiner meist aufgezwungenen Partner kollidiert; sein unzerstörbares Selbstbewusstsein, das ihn auch in völlig aussichtslos scheinenden Situationen Lösungen finden lässt; der Niedergang des Berufsverbrechertums; die Sehnsucht nach einer Partnerin, die seinen Ansprüchen an den Beruf gewachsen ist. In „Niederschlag“ zeichnet sich für den ein wenig müde gewordenen Helden etwas ab: Liz Redding, ins Wyatt-Lager übergelaufene Polizistin, versteht den Mann. (Platz 5)
Interessant, diese Wyatt-Figur mit dem sehr viel älteren Parker Richard Starks zu vergleichen, der das literarische Lebenslicht bereits 1962 erblickte. (Der erste Wyatt-Roman „Kickback“ stammt von 1991.) Das soll nicht hier geschehen, Sie können sich ja selbst an die Arbeit machen.
Der Zsolnay-Verlag tut jedenfalls etwas entschieden Gutes, die bisher noch nicht ins Deutsche übertragenen Parker Romane Starks nach und nach zugänglich zu machen. In „Fragen Sie den Papagei“ (original 2006: „Ask the Parrot“) demonstriert Stark, der eigentlich Donald E. Westlake heißt und unter diesem Namen und etlichen weiteren Pseudonymen als einer der produktivsten, ideenreichsten und vor allem witzigsten Krimiautoren bekannt geworden ist, seine ganzes Können. Parker ist nach einem Überfall von der Polizei eingekreist, und alle seine Überlegungen und Handlungen sind dem Ziel untergeordnet, aus dieser Falle zu entkommen. Das trifft sich gut mit den Interessen etlicher Hinterwäldler, die entweder an seine Beute oder, wie der Ex-Rennbahn-manager Lindahl, an seine Fähigkeiten wollen. Emotionslos wägt er Erschießen oder Nicht-Erschießen unter Nützlichkeitsaspekten ab. (Platz 7)
Wie Stark joke mit action verbindet, und dabei gleichzeitig alles Symbolhaft-Bedeutungsvolle downsized, zeigt die Rolle des Papageis. Er lebt mit Hinterwäldler Lindahl zusammen und ist stumm. Sobald er aus Spaß an der Freude eines gelungenen Coups zu sprechen beginnt, wird er von der Polizei erschossen. Ein enigmatischer Vogel, aber als Bedeutungsträger weit von Poes Raben entfernt.

Antiquare…

sind ja als Protagonisten fast so beliebt wie Archäologen. Gewaltarm, belesen, richtige Hätschelkinder eines bildungsbürgerlichen Lesepublikums. Auf derart schleimige Sympathie-Effekte hat Leonardo Padura nicht gesetzt, als er seinen Mario Conde, zuletzt Teniente, aus der Polizeitruppe Havannas austreten und Buchhändler werden ließ. Präzise wie immer steht Condes neue Beschäftigung für den unerfüllten Traum, einmal alle diese Geschichten, die sich in seinem Leben angesammelt haben, niederschreiben zu können – ein Traum, der vermutlich so unerfüllt bleiben muss wie Condes Sehnsucht nach einem „normalen Leben“, von dem er sich auch keine exakte Vorstellung machen kann.
Nein, der 1955 geborene Leonardo Padura und sein gleichaltriger Protagonist gehören der „verborgenen Generation“ an, die in ihrem Leben nichts anderes erlebt hat als den Sozialismus kubanischer Prägung. Ihr Lebensgefühl findet in diesem überragenden, alle Motive des auch hier schon mehrfach gelobten und ausgezeichneten Havanna-Quartetts in einem großen Werk zusammenführenden Roman überzeugend Ausdruck.
Conde stößt in einer wertvollen Privatbibliothek aus altem Familienbesitz auf das Bild einer Bolerosängerin, die als „Königin der Nacht“ die Herzen der Männer, auch das von Condes Vater, wie sich herausstellt, gebrochen hat. Kurz nach der Revolution 1961 ist sie von der Bildfläche verschwunden, und es ist eine der für den Ex-Polizisten typischen Ahnungen, die ihn nach der Verschollenen suchen lässt. Seine Reise durch 50 Jahre kubanische Geschichte, die er einmal mit der Celines „ans Ende der Nacht“ vergleicht, führt ihn durch alle Enttäuschungen und Verletzungen, die die Menschen nach der Befreiung vom Regime Batistas durchlitten haben. Mit „Der Nebel von gestern“ (original 2005: „La neblina del ayer“) krönt Padura sein bisheriges Werk. Überwältigend, grandios, meisterhaft! (Platz 9)

Privatdetektive…

waren auch einmal Kinder. Wolfgang Schorlau verknüpft in „Brennende Kälte“, Privatdetektiv Denglers viertem Fall, in erzählerischer Willkür zwei Handlungsstränge. Denglers Suche nach dem Jungen und Blutsbruder, der ihn bei einem Kinderspiel beinahe getötet hat, ist verquickt mit einem Fall skrupelloser Durchsetzung von rüstungsindustrieller Macht. (Platz 8)

Erstellt: 25-07-08
Letzte Änderung: 25-07-08


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